Utopisches Dorf im Dschungel Indiens Das Paradies ist harte Arbeit

Mitten im Dschungel Indiens leben Menschen aus über 50 Nationen friedlich zusammen - ohne Polizei und Bürgermeister. Mit einem Bildband zeigt Fotograf David Klammer den Alltag dieses Experiments.

David Klammer

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Der Traum von einer besseren Welt - wer hat ihn nicht schon einmal fantasiert? Manche Menschen wollen ihn Wirklichkeit werden lassen, wie die Gründer von Auroville, einem Dorf mitten im indischen Dschungel, wenige Kilometer vom Golf von Bengalen entfernt.

Vor 50 Jahren entstand Auroville, es sollte ein Ort der Harmonie werden, in dem Menschen aus aller Welt, jeder Hautfarbe und Religion friedlich zusammenleben. Heute wohnen hier rund 3000 Aurovillianer aus über 50 Nationen - die meisten Inder, aber auch viele Franzosen, Deutsche und Italiener.

Der Kölner Fotograf David Klammer reiste vor 15 Jahren zum ersten Mal für eine Auftragsarbeit dorthin und war fasziniert von dem Ort. 2016 kehrte er zurück. Für seinen Bildband "Good Morning Auroville: Die utopische Stadt der Morgendämmerung", unterstützt vom Kulturwerk Bild-Kunst und der Robert-Bosch Stiftung, porträtierte er die Menschen, die dort leben, zeigt ihr Zusammenleben und ihren Alltag.

Die Idee für eine utopische Stadt hatte der indische Zukunftsphilosoph Sri Aurobindo. Nach seinem Tod gründete seine langjährige Vertraute Mirra Alfassa das Dorf nach seinen Schriften. Als Standort wählte sie eine vertrocknete Einöde, dort pflanzten die ersten Einwohner Bäume und Sträucher. Mittlerweile wuchert hier ein Regenwald mit vielen tierischen Bewohnern.

Die Menschen leben mitten im Dschungel, in mehr als hundert Siedlungen unterschiedlicher Größe. Es gibt weder Bürgermeister noch Polizei, wichtige Entscheidungen werden von der Einwohnerversammlung getroffen, alles andere in Gremien und Arbeitsgruppen besprochen. Jeder kann dort seine Meinung äußern, es gibt eine ausgeprägte Streitkultur. Das bringt jedoch nicht nur Vorteile mit sich - Veränderungen beispielsweise gestalten sich laut Klammer sehr schwierig.

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David Klammer:
Good morning Auroville

Die utopische Stadt der Morgenddämmerung

Edition Bildperlen; 192 Seiten, 39,95 Euro

Was bringt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen, alle Brücken abzubrechen, um in einer neuen Gesellschaft ein völlig anderes Leben zu führen? Wie ist es, in Auroville geboren zu sein und dort aufzuwachsen? In seinem Bildband lässt Klammer die Menschen von ihren Ideen und Erfahrungen erzählen. Wie frei sind sie wirklich von Leistungsdruck, Besitz und Pflichten?

Jeder Bewohner muss wöchentlich einige Stunden gemeinnützige Arbeit leisten: Gehwege restaurieren, Yoga-Stunden geben, in der Gemeinschaftsküche helfen. Einige beschäftigen sich damit, wie sie alternative Energien für sich nutzen können und entwickeln eigene Ideen für ein nachhaltiges Leben.

Darüber hinaus arbeiten sie als Kunsthandwerker, Architekten oder Maschinenbauer. Zwar gibt es ein Grundeinkommen, doch ist das zu gering, um zu überleben - ganz ohne zusätzliche Tätigkeiten oder angespartes Vermögen geht es nicht. "Man muss schon einiges tun, wenn man dort leben will", sagt Klammer.

Ohne Geld geht es nicht: Vor allem die einmaligen Kosten für das Wohnrecht sind relativ hoch. Häuser kann man in Auroville nicht kaufen, nur das Recht, diese zu bewohnen. Bei Wegzug oder Tod fällt die Immobilie zurück an die Gemeinschaft.

Der Ort finanziert sich aus verschiedenen Mitteln wie Steuern, die die Unternehmen der Gemeinde zahlen, aus Spenden von Organisationen, Förderern, Touristen und Einwohnern. Zu großen Teilen versorgt sich Auroville selbst, außerdem gibt es Firmen wie eine Möbel- und Musikinstrumentenmanufaktur.

Im Video: Utopie-Stadt Auroville - Ist eine andere Welt möglich?

Nur wenige können sich vorstellen, hier zu leben

Ursprünglich sollten hier Zehntausende Menschen leben. Doch Auroville hat kaum mehr Platz zum Wachsen, das umliegende Land ist mittlerweile zu teuer, um es zu kaufen. Im Laufe der Jahre wurden statt der charakteristischen surrealen Häuser Apartmentkomplexe gebaut, um der wachsenden Bevölkerung der Stadt gerecht zu werden. Gegen den Zuzug gibt es aber auch Widerstand, ebenso gegen die steigende Anzahl an Touristen.

Rund 2000 Menschen kommen täglich, um die spezielle Atmosphäre zu erleben, Yoga zu machen, zu shoppen, sich ehrenamtlich für den Ort zu organisieren. Wirklich zuhause alles aufzugeben und hier zu leben, das können sich die wenigsten vorstellen. In einer halbjährigen Phase können Neuankömmlinge testen, ob es wirklich etwas für sie ist.

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15  Bilder
Auroville: Schöne neue Welt?

Langweilig wird es zumindest nicht. Neben der Arbeit nimmt Sport einen wichtigen Stellenwert ein: von Yogakursen bis Basketball werden unzählige Kurse angeboten. Aber auch das Kulturangebot ist breit, es gibt Chöre, Theatergruppen, ein Kino. Viele Leute meditieren, sind spirituell. Mit einer Sekte hat der Ort laut Klammer sonst aber nichts zu tun, auch wenn manche die Rolle von Alfassa, die Mutter genannt wird, kritisch hinterfragen.

Jungen und Mädchen besuchen einen der vielen Kindergärten, Schüler können international anerkannte Abschlüsse machen. Laut Klammer gehen viele nach dem Abitur ins Ausland, häufig kehren sie aber wieder zurück. Zu sehr seien sie an die Freiheiten des Ortes gewöhnt.

Die Gemeinschaft steht vor einigen Problemen. Laut Klammer vereinsamen viele Ältere oder Kranke. "Es gibt keine soziale Struktur, die die Menschen auffangen kann, nur Nachbarschaftshilfe." Es würden außerdem zu wenig junge Leute mit mutigen Ideen kommen, der Ort sich dadurch nur wenig weiterentwickeln.

Was sich von der ursprünglichen Idee wirklich realisieren ließ? Laut Klammer ist es ein ausgeprägtes Bewusstsein der Menschen für sich selbst und dafür, wie sie leben wollen. Klammer kann sich nicht vorstellen, selbst dorthin zu ziehen. Vorerst. "Aber vielleicht dann, wenn ich Rentner bin."

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