Ausbildung in der katholischen Kirche "Vor lauter Angst habe ich den Mund gehalten"

Um jeden Preis wollte Brian M. seiner Berufung zum Priester folgen. Doch statt auf Keuschheit und Demut stieß er auf Doppelmoral, sexuellen Missbrauch und Mobbing. Von einem, der auszog, katholischer Geistlicher zu werden - und dabei das Fürchten lernte.

Aus Köln berichtet

Ehemaliger Priesteranwärter Brian M.: "Machtlosigkeit und Entwürdigung"
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Ehemaliger Priesteranwärter Brian M.: "Machtlosigkeit und Entwürdigung"


Im Kölner Dom ist die Welt noch in Ordnung. Während draußen "die Atheisten zum Sturm auf die Kirche blasen", wie die christliche Wochenzeitung "Neue Bildpost" meint, regiert im Innern der Kathedrale himmlische Ruhe. Leise klappern die Highheels russischer Touristinnen über den Mosaikboden, die Sonne bringt das Zinnoberrot der Kirchenfenster zum Leuchten. Nur aus den alten Mauern strömt noch feuchte Winterkälte.

In der "Kirchenzeitung" kann man im schummrigen Licht lesen, dass der Präsident des Düsseldorfer Amtsgerichts Kruzifixe aus den Sitzungssälen verbannt hat. Ein Skandal. Darüber, dass kaum einer der geständigen kirchlichen Missbrauchstäter sich je vor einem weltlichen Gericht verantworten musste, beklagt sich niemand.

Immerhin, Joachim Kardinal Meisner hat die Brisanz der Lage erkannt. In seinem 48-jährigen Priesterleben habe er noch nie "eine so schwere Zeit für die Kirche erfahren", schrieb er in einem Brief an die Gläubigen im Erzbistum Köln. Besondere Situationen fordern außergewöhnliche Maßnahmen, sollte man meinen. Doch Meisners Rat an die zunehmend verärgerten und verunsicherten Katholiken ist wenig originell: Beten sollen sie, für die Opfer, die Täter und die Wütenden, die nun aus der Kirche austreten.

"Mit beten allein werden wir in der jetzigen Situation wohl kaum weiterkommen", empört sich der Kölner Theologe Brian M.: "Wenn der Heilige Geist irgendetwas bewirken soll, dann muss die Kirche vor allem ihre Strukturen ändern."

"Später habe ich erfahren, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat"

Brian, ein gutaussehender Enddreißiger mit George-Michael-Bart und kornblumenblauen Augen, steht aufrecht zwischen zwei Särgen. Links thront ein Öko-Holzmodell mit Lederschlaufen, rechts ein schwarzes Ungetüm mit raffinierter Verschlusstechnik. M. ist Bestatter, führt in Köln ein elegantes Beerdigungsinstitut, in dem es nach Vanille duftet und eine Käthe-Kollwitz-Radierung an der Wand hängt.

Im schwarzen Anzug zum rosa Hemd, die Hände über dem Gürtel verschränkt, bittet M. zum Gespräch. Er tut das mit einem gewissen Unbehagen: "Ich will kein Nestbeschmutzer sein und andere denunzieren. Mir ist die Kirche immer noch wichtig, ich will loyal sein", betont er. Aber da sei diese Wut über Doppelmoral und Verlogenheit, Missbrauch, Zölibat und die Leiden, die daraus entstehen.

Viele Jahre lang hat der studierte Theologe als Dozent und später als Seelsorger bei der Kölner Aids-Hilfe gearbeitet. Doch ursprünglich wollte er immer nur eines: Priester werden, in der katholischen Kirche, seiner spirituellen Heimat, in der er sich aufgehoben und geborgen fühlte. Bis zu einem bestimmten Punkt.

In den neunziger Jahren studierte M. am erzbischöflichen Priesterseminar in Paderborn. Er hatte zu diesem Zeitpunkt einige Beziehungen zu Frauen gehabt, war aber überzeugt, den Zölibat leben zu können.

Doch schon zu Beginn der Ausbildung gab es Probleme: An seinem zweiten Tag im Seminar wurde M. von einem älteren Mitstudenten* sexuell belästigt, was er als "sehr unangenehm" empfand und bei seinem Ausbilder anzeigte. Der Beschuldigte sei trotzdem zum Diakon geweiht worden. "Später habe ich erfahren, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat, das hat mich sehr belastet", so M.

Jojo-Effekt im Priesterseminar

Ein Sprecher der Erzdiözese Paderborn bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass es gegen den Kommilitonen Beschwerden gegeben habe. Er sei 1992 nach Rücksprache mit dem Erzbischof nicht zur Priesterweihe zugelassen worden. Laut Landgericht und Staatsanwaltschaft Paderborn wurde der Diakon später wegen Verbreitung kinderpornografischen Materials und sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu Geld- und Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt.

Trotz des Übergriffs gefiel Brian das Leben unter 120 Männern, er glaubte fest an seine Berufung und arbeitete hart an sich und dem Zölibat. "Ich wollte das in den Griff kriegen, habe mich sehr bemüht und war stolz auf Phasen, in denen ich es hingekriegt habe", erinnert sich M.

Über seinem Bett hing ein großes Holzkreuz, von dem Jesus auf ihn hinabsah. Der 1992 approbierte Katechismus der katholischen Kirche brandmarkte Masturbation weiterhin als "schwere ordnungswidrige Handlung". Dennoch "versündigte" sich Brian bisweilen und war dann "vollkommen deprimiert." Er ging zur Beichte, büßte, hoffte auf Läuterung, dann begann alles von vorn. Eine Art Jojo-Effekt sei das gewesen, sagt er heute.

Doch mit der "Initialzündung", seinem schwulen Coming-out mit einem Kommilitonen, wurde alles anders. "Sexualität, Nähe und Zweisamkeit wurden ein Thema, und zwar ein drängendes", erinnert sich Brian.

Sex, Lügen und Angst im geschlossenen System

Schnell lernte er Gesinnungsgenossen kennen, verstand, dass er "nur ein sündiges Schaf unter sehr vielen anderen" war. Ob sich die Studenten in der schwulen Szene einer Großstadt vergnügt hätten? "Das war gar nicht nötig", sagt Brian trocken. "Ich lebte in einem geschlossenen System und musste noch nicht einmal vor die Tür gehen, um Sex zu haben, sondern bekam ihn sozusagen auf dem Tablett serviert."

Es habe eine Art Telefonkette gegeben, "wer in der Diplomphase Lust hatte, rief einfach einen Kommilitonen an und traf sich kurz mit ihm".

Das Erzbistum Paderborn teilt dazu auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage mit, dass ihnen "praktizierte homosexuelle Beziehungen aus den neunziger Jahren im Priesterseminar" nicht bekannt seien.

"Wir hatten große Angst aufzufliegen, denn wir wollten Priester werden und unbedingt in der Kirche bleiben", sagt M. Wer jemanden anschwärzen wollte und um homosexuelle Aktivitäten wusste, hatte leichtes Spiel. "Er konnte den Schwulen denunzieren und war ihn dann in der Regel los." Eine perfide Form von Mobbing.

"Es ist eine Welt der Unterdrückung"

Der Ex-Priester, Ex-Katholik und Psychoanalytiker Eugen Drewermann hielt von 1979 bis 1991 Vorlesungen an der theologischen Fakultät Paderborn. Die Zustände am dortigen Seminar seien kein Geheimnis gewesen, sagte er SPIEGEL ONLINE. Der Druck auf die jungen Männer war demnach groß: "Man darf nicht vergessen, dass Homosexualität im Kirchenrecht noch bis 1982 als schlimmes Verbrechen betrachtet wurde."

Die katholische Kirche habe nicht nur sexuelle und körperliche Gewalt ausgeübt, sondern auch psychische, berichtet Brian: "Man hat mich mit Autorität unter Druck gesetzt, mir so viel Angst eingejagt, dass ich den Mund nicht mehr aufgemacht habe. Es ist eine Welt der Unterdrückung."

Warum er sich gefügt habe? Brian ist verlegen. "Wenn man das innere Gefühl der Berufung hat, schwingt man sich nicht auf zum rebellischen Luther der Neuzeit, kämpft nicht wie David gegen Goliath", sagt er.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
junge_freiheit_2010 14.04.2010
1. Falsche Zielgruppe
Jeder Homosexuelle sollte sich eigentlich darüber klar sein, dass die RKK nicht der präferierte Arbeitgeber sein kann. Wer es naiverweise dennoch versucht, dem wird sicherlich das "Fürchten" gelehrt.
Klo, 14.04.2010
2. Doppelmoral und Heuchelei
Zitat von sysopUm jeden Preis wollte Brian M. seiner Berufung zum Priester folgen. Doch statt Keuschheit und Demut stieß er in der Ausbildung auf Doppelmoral, sexuellen Missbrauch und Mobbing. Von einem, der auszog, katholischer Geistlicher zu werden - und dabei das Fürchten lernte. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,686544,00.html
Es ist bedrückend solche Lebensgeschichten zu lesen. "An seinem zweiten Tag im Seminar wurde M. von einem älteren Mitstudenten sexuell belästigt, was er als 'sehr unangenehm' empfand und bei seinem Ausbilder anzeigte. Der Beschuldigte sei trotzdem zum Diakon geweiht worden. 'Später habe ich erfahren, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat',..." Daraus kann man ja klipp und klar ersehen, dass die Kirche wider besseres Wissen eindeutig Leute auf Kinder losgelassen hat, die "rollende Zeitbomben" waren. Eine Mitschuld der Kirche kann hier niemand mehr wegdiskutieren. Es ist klar und eindeutig. "Ich lebte in einem geschlossenen System und musste noch nicht einmal vor die Tür gehen, um Sex zu haben, sondern bekam ihn sozusagen auf dem Tablett serviert." Leute, macht diesen Laden dicht. Das kann doch nicht das sein, was man sich unter "Kirche" vorzustellen hat. Auch meine These, dass die Kirche Päderasten anzieht, weil die dort einen sicheren Hort finden, ist damit doch wohl eindrucksvoll belegt. Man kann nur hoffen, dass noch mehr solcher Leute den Mut finden, diesen Sumpf trockenzulegen. Das Klo.
metzelkater 14.04.2010
3. Die Lösung: Religionsgemeinschaften per Gesetz demokratischen Strukturen unterwerfen
Die Lösung kann nicht von innen kommen, dafür ist das System der Kontrolle und der Macht viel zu starr. Würde eine Partei so geführt werden, wie die katholische Kirche, man würde sie als Verfassungsfeindlich verbieten. Selbst ein Herr Schlecker, der sicher gerne der Papst seines Unternehmens wäre, muss sich dem Betriebsverfassungsgesetz unterwerfen. Auch kein Verein könnte so undemokratisch geführt werden. Man sieht ja, welchen Schaden diese Strukturen für die Menschheit bedeuten, daher fordere ich, das man Gesetze erlässt, die auch Religionsgemeinschaften zu streng demokratischen Strukturen verpflichtet, am besten Europaweit. Das wird zwar den Kardinälen nicht gefallen, und auch die Scientologen werden sicher keine Freude daran haben, aber der Menschheit wird es weiterhelfen. Die Religionsfreiheit des einzelnen Menschen ist wichtig und muss geschützt werden, auch die der Katholiken. Aber die Organisation hat sich gefälligst der Demokratie unterzuordnen. Vor allem sollte man die Kirche unter anderem zwingen, das Gleichbehandlungsgesetz umzusetzen. Es kann nicht sein, das Menschen dort wegen eigenen nicht ehelichen Kindern aus einem Kindergarten gekündigt werden können und dies auch noch rechtens ist. Es muss endlich Schluss sein mit den Sonderrechten für den Klerus. Die Demokratie ist für alle da, es wird Zeit, das wir auch die katholische Kirche damit beglücken, alleine bekommen die das nie gebacken. Ich sehe nicht ein, warum ein demokratisches Europa sich solche Mittelalterlichen Strukturen noch bieten lässt.
metzelkater 14.04.2010
4. Dafür gäbe es einfache Lösungen
Zitat von junge_freiheit_2010Jeder Homosexuelle sollte sich eigentlich darüber klar sein, dass die RKK nicht der präferierte Arbeitgeber sein kann. Wer es naiverweise dennoch versucht, dem wird sicherlich das "Fürchten" gelehrt.
Das sehe ich aber ganz anders. Man sollte den Katholiken das Gleichbehandlungsgesetz schenken. Am besten Europaweit!
seyinphyin 14.04.2010
5. ...
Und diese Furcht überwand er jetzt zufällig genau jetzt und stellt sich damit ins volle Medienlicht? Irgendwie scheint es langsam "IN" zu werden, irgendwie, irgendwann, irgendwo ganz ganz schlimm missbraucht worden zu sein von allmächtigen Geistlichen, deren Beziehung sämtliche Regierungskreise sprengen, so dass sie das Leben genüßlich und ungestraft aus einen herauspressen können, während man selbst keinerlei Möglichkeit zur Gegenwehr in der Hand hat, da selbst jede Polizei teil dieses teufelichen Bundes ist. Unsere Gesellschat muss wirklich der Inbegriff von Dekadenz und Zerfall sein. "Warum er sich gefügt habe? Brian ist verlegen. "Wenn man das innere Gefühl der Berufung hat, schwingt man sich nicht auf zum rebellischen Luther der Neuzeit, kämpft nicht wie David gegen Goliath", sagt er." Ansonsten, wenn man mit der geforderten Enthaltsamkeit nicht klar kommt, sollte man es halt einfach BLEIBEN LASSEN und sich eine entsprechende Alternative suchen. ""Man hat mich mit Autorität unter Druck gesetzt, mir so viel Angst eingejagt, dass ich den Mund nicht mehr aufgemacht habe. Es ist eine Welt der Unterdrückung."" -"Autorität ist im weitesten Sinne eine soziale Positionierung, die einer Institution oder Person zugeschrieben wird und dazu führt, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten." Will man sich natürlich nicht danach richten, fühlt man sich unter Druck gesetzt, doch niemand hat den Mann dazu gezwungen, dort zu bleiben. also was soll das bitte? Wenn man so anfängt, dann gibt man sich einfah der eigenen Schwäche hin und beschuldigt alles und jeden. Dann wurde ich von ALLEM unterdrückt in meinem Leben und wäre auch von MASSEN sexuell missbraucht worden. Stattdessen hab ich NEIN gesagt und mich dagegen gewehrt und eben die Folgen in Kauf genommen, dass ich dann an dem Ort uU nicht mehr bleiben konnte - was ich aber sowieso auch gar nicht wollte, wenn es dermaßen viele Leute waren, die sich so benahmen.
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