Mini-Dorf in Australien Das mysteriöse Verschwinden von Paddy Moriarty

Paddy Moriarty ist einer von etwa zwölf Einwohnern in Larrimah - und seit Mitte Dezember spurlos verschwunden. Was macht der mysteriöse Fall mit dem Dorf im australischen Outback?

National Highway in Larrimah (Northern Territory)
Google Street View

National Highway in Larrimah (Northern Territory)


Jeden Morgen nach dem Aufstehen machte Paddy Moriarty ordentlich sein Bett und strich einen Tag aus seinem Kalender. Nachmittags konnte man den 70-Jährigen in der Bar des Pink-Panther-Hotels finden. Dort trank der ehemalige Rodeo-Reiter und Viehhirte acht Bier, ehe er vor Sonnenuntergang mit seiner Hündin Kellie die knapp 200 Meter zurück nach Hause spazierte.

Genauso wie die "Times" Moriartys tägliche Routine beschreibt, verlief auch der 16. Dezember im Dörfchen Larrimah, mitten im australischen Outback etwa 430 Kilometer südöstlich der Stadt Darwin gelegen. Doch seitdem ist Moriarty, der als Jugendlicher aus Irland nach Australien einwanderte, spurlos verschwunden - und sein Australischer Schäferhund ebenfalls.

Das Abendessen stand unangerührt auf dem Esstisch, neben dem Hut, ohne den Moriarty nie aus dem Haus ging, und seiner Lesebrille. Vor dem Gebäude, einer früheren Tankstelle, stand sein Auto.

"Das Ungewöhnliche ist oft normal in Larrimah"

Der Fall stellt die Ermittler um Detective Matt Allen vor Herausforderungen, auch wegen der Abgelegenheit des Ortes. "Larrimah hat keine bedeutende Infrastruktur - etwa Überwachungskameras oder andere Dinge, mit denen die Polizei die Bewegungen von Personen nachvollziehen kann", sagte Allen dem Sender ABC.

In Larrimah kennt jeder jeden. Das Dorf im Northern Territory hat etwa ein Dutzend Einwohner (die Angaben schwanken zwischen zehn und zwölf). Alle sagten bei der Polizei aus, sie wüssten nicht, was mit Moriarty passiert sei.

Die Journalistin und Romanautorin Kylie Stevenson verbrachte im Oktober 2015 zwei Wochen in Larrimah, um an einem Buch zu arbeiten. Dabei freundete sie sich auch mit Paddy Moriarty an. Nun versucht sie, für den "Guardian" der Frage nachzugehen, was in einem solch kleinen Kaff passiert, wenn ein Bewohner plötzlich verschwindet.

"Das Ungewöhnliche ist oft normal in Larrimah", schreibt Stevenson. Nachbarschaftsstreitigkeiten führten demnach schon mal dazu, dass ein Wallaby-Kadaver in den Vorgarten eines Bewohners geworfen wurde. Auch sei der Pfau eines Bewohners an das im Dorf gehaltene Krokodil verfüttert worden.

"Es gab eine Menge Probleme in dem Ort"

In Wahrheit werde niemand in Larrimah von den anderen Dorfbewohnern uneingeschränkt gemocht, so Stevenson. Einige Nachbarn redeten seit mehr als zehn Jahren nicht miteinander, andere brüllten sich an, wenn sie sich begegneten. Zwischen den beiden einzigen Läden des Ortes, dem Pink Panther und Fran's Teehaus, soll eine große Rivalität herrschen. Zwischenzeitlich gab es zwei konkurrierende Fortschrittsvereine und einen Skandal um gestohlene Rezepte.

"Es gab eine Menge Probleme in dem Ort", sagte Detectice Allen. "Aber nur, weil sich Menschen streiten, bedeutet das nicht, dass sie losgezogen sind und ihn getötet haben." Die Ermittler haben in den vergangenen Wochen die Gegend durchkämmt und viele Grundstücke durchsucht. Verdächtiges gefunden haben sie nicht.

Moriarty lag laut "Times" besonders mit Fran Hodgetts im Clinch, der älteren Cafébesitzerin, die auf der anderen Straßenseite wohnt. Sie verklagte ihn, weil er angeblich Gift in ihrem Garten ausgelegt hatte. Er sagte, ihre Kuchen seien so schlecht, dass sie nicht mal sein Hund essen wolle. Sie beschuldigte ihn, ein totes Känguru unter ihrem Haus versteckt zu haben und Touristen zu raten, ihr Café nicht zu betreten.

"Ich bin nicht traurig, dass er weg ist"

Nach dem Verschwinden ihres Nachbarn sagte Hodgetts: "Ich weiß nicht, wo er ist. Und ich bin nicht traurig, dass er weg ist. Aber ich hoffe, sie finden ihn, weil ich so viel Ärger mit ihm hatte."

Autorin Stevenson beschreibt Paddy Moriarty als hilfsbereiten Menschen: Er habe regelmäßig im Pink Panther geholfen, zum Beispiel den Rasen gemäht oder die Toiletten geputzt. Sonntags war "Kirche" in dem Pub. Dann saß Moriarty mit seinem Kumpel Barry Sharpe im Pink Panther vor dem Fernseher, trank Bier und tauschte sich über den neuesten Tratsch im Dorf aus. "Das war unser kleines Sonntagsritual", sagte Sharpe. Das Verschwinden seines Freundes habe ein großes Vakuum hinterlassen.

Karen Rayner führte den Pub zwei Jahre lang und sah Moriarty fast jeden Tag. Er sei ein ordentlicher und sauberer Mensch - ehrlich, pedantisch, wenn es darum ging, seine Rechnungen pünktlich zu bezahlen, und wenn er eine Reise plante, habe er das oft lange im Voraus angekündigt.

Die Polizei geht nicht davon aus, dass Moriarty noch lebt. Dennoch werde man die Suche nicht aufgeben, wie lange es auch dauern sollte, sagte Detective Allen. "Natürlich haben wir die Hoffnung, dass er noch leben könnte", sagte Karen Rayner. Aber auch sie und Barry Sharpe wissen, dass sie sich eines Tages vermutlich auf dem winzigen Friedhof von Larrimah versammeln werden, um Abschied von Paddy Moriarty zu nehmen. Bislang gibt es dort vier Gräber.

wit

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