"Rassismus" versus "Wahrheit" Australien streitet um einen Cartoon

In einer der größten Zeitungen Australiens erscheint ein extrem rassistischer Cartoon. Es hagelt Proteste - doch Chefredakteur und Künstler verteidigen die Zeichnung. Und wie.


Ein grimmig dreinblickender Junge wird von einem Polizisten am Hemdkragen gehalten und seinem Vater vorgeführt: "Sie werden sich hinsetzen und mit Ihrem Sohn über Verantwortung reden müssen", sagt der Beamte, in der Hand hält er einen Knüppel. Der Vater - barfuß, eine Hand in der Hosentasche, mit der anderen hält er eine Bierdose umklammert - antwortet: "Yeah, alles klärchen. Wie heißt er denn?"

Alle drei Personen in diesem Cartoon sind Aborigines. Und das Bild verkörpert einige der gängigsten Klischees, die es im Land gegen die Ureinwohner gibt: Sie sind faul, sie trinken zu viel, sie sind ungepflegt, sie sind verantwortungslos, sie kümmern sich nicht um ihre Kinder.

Die Zeichnung an sich ist schon schlimm genug. Aber sie wurde auch noch gedruckt, in einer der meistverkauften Tageszeitung des Landes, "The Australian", und zwar am Donnerstag, dem 4. August - jenem Tag, an dem seit 1988 die Aborigine-Kinder im Land gefeiert werden.

Und: Sie kommt nur wenige Tage nach dem Skandal um das Jugendgefängnis Don Dale Centre in Darwin, im nördlichen Territorium Australiens: Videoaufnahmen zeigen, wie Wachen junge Aborigines mit Tränengas attackieren, schlagen oder in Einzelzellen ohne fließendes Wasser und Tageslicht sperren. Die Behörden haben als Reaktion Klage eingereicht - gegen zwei der jugendlichen Opfer.

In diese Stimmung hinein veröffentlichte die Zeitung also den Cartoon (wir veröffentlichen ihn bewusst nicht, falls Sie ihn sehen möchten, finden Sie ihn hier bei "The Australian"). Selbst als Politiker und Leser schon heftig protestierten, verteidigten Chefredakteur und Künstler ihn noch. Und wie. Die Zeitung sei stolz auf ihre Berichterstattung über indigene Angelegenheiten, erklärte Chefredakteur Paul Whittaker. "Zu oft reden zu viele Menschen um die Ursachen und um die harten Themen herum", sagte er. "Aber nicht alle."

Dann verwies er zur Rechtfertigung noch auf die prominente australische Professorin und Aborigine-Kämpferin Marcia Langton: Sie habe erst jüngst erwachsene Aborigines dazu aufgerufen, mehr Verantwortungsbewusstsein für soziale Probleme zu zeigen. Allerdings: Langton will für Whittakers Sache gar nicht eingespannt werden. "Ich fühle mich nicht wohl dabei, dass meine Worte benutzt werden um Leaks Cartoon zu rechtfertigen", heißt es in einer Erklärung Langtons. "Indem er alle Aborigine-Väter als Verlierer stereotypisiert, hat er eine Grenze überschritten. Das ist falsch."

"Könnt ihr euch das in einer britischen Zeitung vorstellen?"

Falsch fanden den Cartoon auch zahlreiche Leser der Zeitung. Bei Twitter gab es schnell die ersten Reaktionen, Medien griffen die Proteste auf. "Australier sind beleidigt, wenn Menschen uns rassistisch nennen, aber könnt ihr euch vorstellen, dass das in einer amerikanischen oder britischen Zeitung erscheint?", fragte ein Journalist. Ein anderer schrieb, die Zeichnung hätte vor 30 Jahren noch einen Aufschrei entfacht. "Dass sie heute in einem Massenmedium veröffentlicht wird, ist nicht zu glauben."

Auch Politiker meldeten sich zu Wort: Der Minister für Indigene Angelegenheiten, Nigel Scullion, ließ mitteilen, er sei entsetzt. Es gebe "keinen Platz für rassistische Cartoons". Er appellierte an die Zeitung, sich bewusster zu machen, welche Auswirkungen solche Zeitungen auf indigene Gemeinschaften haben können.

Der Parteichef der australischen Grünen, Richard di Natale, bezeichnete den Cartoon als respektlos. Er habe der Zeitung geschrieben und um eine Entschuldigung "für diese furchtbaren Stereotype" gebeten. Der Kommissar der Australischen Menschenrechtskommission - und ehemalige "The Australian"-Kolumnist - Tim Soutphommasane sagte Fairfax Media, eine "nicht unerhebliche Anzahl" an Menschen würde darin übereinstimmen, dass der Cartoon rassistisch sei. Jeder, der sich beleidigt fühle, solle unter Berufung auf den "Racial Discrimination Act" eine Beschwerde einreichen. 1975 wurde Rassendiskriminierung juristisch für unrechtmäßig erklärt.

Wie sich der Cartoonist verteidigt

Der Cartoonist Bill Leak arbeitet seit 22 Jahren für "The Australian", er hat mehrere Preise gewonnen. Und er kann eigenen Angaben zufolge die Aufregung nicht verstehen. Die Journalisten, die über die Proteste gegen ihn berichteten, sowie "weiß Gott wie viele scheinheilige Tweety Birds" hätten die Bedeutung des Cartoons nicht verstanden. Seine Kritiker seien wie Kleinkinder, die die Wahrheit nicht vertragen könnten. Und nichts anderes tue er: die unbequeme Wahrheit sagen.

Am Freitag legte Leak mit einer neuen Zeichnung nach. Sie sieht der ersten sehr ähnlich, allerdings hält der Polizist hier keinen Jungen, sondern den Zeichner Leak am Kragen. Übergeben wird er nicht an eine Vaterfigur, sondern an einen weißen Mann im Hipster-Outfit inklusive Twitter-Logo auf seinem T-Shirt. Der Polizist sagt: "Der Kerl hier hat die Wahrheit gesagt und denkt, sie sei witzig." Der wütende Hipster-Grobian antwortet: "Überlass ihn mir."

Künstlerische Retourkutsche

Nach Lachen war in der Redaktion der australischen "Vice" niemandem zumute. Leak habe "eine komplette Gemeinschaft" in den Dreck gezogen, seine Zeichnung sei "verstörend rassistisch". Als Reaktion hat die Redaktion australische Künstler gebeten, Leak künstlerisch zu antworten. Die Zeichnungen sehen Sie hier.

aar

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