Austrittswelle: Katholiken verlassen aus Wut über den Papst ihre Kirche

Von Merle Schmalenbach

Erst die Rehabilitierung eines Holocaust-Leugners, dann das miese Krisenmanagement des Vatikans: Viele Gläubige sind so verärgert, dass sie aus der Kirche austreten. In Mannheim bemühen sich Theologen um Schadensbegrenzung - mit einer Hotline für Verärgerte.

Berlin - "Raus aus dieser Kirche!", titelt die "Tageszeitung" an diesem Freitag, darunter druckt sie ein Formular zum Kirchenaustritt. Der Leser kann ankreuzen, ob ihm die Kirche zu "frauenfeindlich, judenfeindlich, pädophil, schwulenfeindlich, reaktionär" oder einfach zu "Ratzinger" sei. Auf Seite 14 folgt ein "taz-Service für KatholikInnen", Rechtslage und Kosten sind penibel aufgezählt, die Überschrift lautet "Ausstieg leicht gemacht".

Papst Benedikt XVI.: Austritte von Katholiken
AFP

Papst Benedikt XVI.: Austritte von Katholiken

In vielen Kommunen ist das bereits Realität: In Freiburg traten alleine am Mittwoch zwölf Katholiken aus der Kirche aus, wie Standesamtsleiterin Dominique Kratzer auflistet. Zum Vergleich: Im gesamten Februar 2008 zählte das Standesamt gerade mal 27 Austritte. Dominique Kratzer vermutet, dass es an der Papst-Debatte liegt: "Viele haben gesagt, dass sie mit der Kirche schon länger unzufrieden seien und jetzt das Maß endgültig voll sei."

Ähnlich ist es in Stuttgart: "Man kann einen gewissen Trend sehen", sagt Verena Rathgeb-Stein vom Standesamt Mitte. Normalerweise träten hier zwei bis drei Leute pro Tag aus, seit die Debatte läuft, gebe es bis zu acht Austritte täglich.

Auch das Amtsgericht Krefeld meldet eine erhöhte Zahl an Austritten: In diesem Jahr kehrten sich schon 77 Katholiken von ihrer Kirche ab - im vergangenen Jahr waren es nur 55 im gleichen Zeitraum. Zwar gebe es immer wieder Austrittswellen aus wirtschaftlichen Gründen, sagt Pressesprecher Thomas Nomrowski . Doch diesmal hätten einige Bürger explizit gesagt, dass es ihnen nicht ums Geld gehe, sondern "um die Sache mit dem Papst".

Mit verärgerten Katholiken sah sich auch der katholische Gemeindeverband Bremen konfrontiert: Zwei hätten sich bei ihrem Austritt "ausdrücklich" auf die Entscheidung des Papstes bezogen, berichtet der theologische Referent Ulrich Schratz.

Besonders hoch sind die Austrittszahlen in der Stadt Regensburg: Zwischen dem 22. Januar und dem 4. Februar hat es 38 Austritte gegeben: "Das entspricht einem Plus von 40 Prozent, wenn man die Zahlen mit dem Vorjahr vergleicht", sagt Mitarbeiterin Susanne Hauer. "Das ist schon viel."

Mit einer Hotline kämpft Pater Hans-Joachim Martin um jedes Mitglied. Der Service war zunächst nur für Mannheimer Katholiken gedacht, doch mittlerweile ist er in ganz Deutschland bekannt: "Wir werden mit Anrufen regelrecht überfallen", sagt der Jesuitenpater. Fünf Theologen sind im Einsatz, allein am Donnerstag riefen 500 Katholiken an. "Die Mehrheit ist entsetzt darüber, was aus Rom verlautet ist, fühlt sich persönlich betroffen. Viele befürchten, dass der Papst noch weitere Schritte zurückgehen werde", sagt der Pater.

Etwa jeder zehnte Anrufer kündige an, aus der Kirche auszutreten. Der Pater versucht, sie zum Bleiben zu bewegen: "Ich sage ihnen: Passt einmal auf, geht's Euch darum, gegen den Papst zu demonstrieren oder geht's um Euren Glauben? Schaut doch mal in die Kirchengeschichte, was wir da für Päpste hatten."

Es gebe auch Anrufer, die auf der Seite des Vatikans stünden und sich über die Medien beschwerten. Doch das lässt Pater Martin nicht gelten: "Die Informationspolitik vom Vatikan ist unprofessionell. Der muss sich schon an der eigenen Nase zupfen."

Entsetzt ist er über eine dritte Gruppe von Anrufern, die Minderheit: "Manche sind Antisemiten. Einer hat wörtlich gesagt, dass sei alles eine Kampagne der jüdischen Mafia, andere leugnen den Holocaust, es ist schockierend."

Der Papst und die Piusbruderschaft
Papst
Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .
Römische Kurie
Die wichtigste politische Einrichtung der römischen Kurie ist das Staatssekretariat , das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der Kardinalstaatssekretär – derzeit Tarcisio Bertone . Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die neun Kurienkongregationen , die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur , die Apostolische Pönitentiarie und die Rota Romana .
Außerdem setzt der Heilige Stuhl Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die Apostolische Kammer , die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls .
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das Vatikanische Archiv , die Vatikanische Bibliothek und Radio Vatikan .
Piusbrüder
Die Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche . Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt Religionsfreiheit und Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum Schisma . Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation auf.
Antisemitismus
Leitende Brüder der konservativen Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden kollektiv schuld am "Gottesmord" , der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des Antisemitismus .
Indem Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof Richard Williamson : Er hatte in einem TV-Interview den Holocaust und die Existenz von Gaskammern geleugnet.

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