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Elterncouch

Ihr Kind ist kein Assi, es erkundet Konsistenzen

Von Theodor Ziemßen

Getty Images

Samstag, 27.01.2018   07:53 Uhr

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In manchen Stufen ihrer Entwicklung nerven Kinder so sehr, dass sie ihre Eltern an den Rand des Wahnsinns treiben. Zum Glück gibt's dagegen ein paar ziemlich gute Zaubersprüche.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Es ist etwas mehr als ein Jahr her, dass wir dachten, nur Magie kann uns noch retten. Einige Wochen nach seiner Geburt wollte Willem plötzlich immer an Thereses Brust sein. Wenn sie ihn nicht ständig anlegte, schrie er. Oft trank Willem gar nicht mehr. Was auch? Es war ja längst nichts mehr übrig. Er schien nur noch unzufrieden auf Thereses Nippeln herumzukauen. Ein komisches Gefühl war das, dabei zusehen zu müssen, wie so ein Winzling in unser Leben poltert und die Frau, die ich seit vielen Jahren liebe, zu einem menschlichen Schnuller macht.

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In etlichen Nächten lagen Therese und ich mit Willem wach. Während sie versuchte, ihn zu beruhigen, versuchte ich, sie zu beruhigen - bis sie mich eines Nachts anschrie, dass mein nerviges Verständnis und mein Gerede es echt nicht besser machen. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, mit einem schlechtem Gewissen neben ihr zu liegen und so zu tun, als würde ich schlafen. Später floh ich nachts auf unser Sofa und hatte das Gefühl, Therese im Stich zu lassen.

Als all der Irrsinn aus Genervtheit, Hilflosigkeit und Müdigkeit drohte, uns vollkommen fertig zu machen, kam die Erlösung: Es war kein Medikament und kein altes Hausmittel. Die Erlösung war ein Satz, ein Zauberspruch: "Das nennt sich Clusterfeeding".

Probleme mit Google-Treffern

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Clusterfeeding ist ein prima Wort für einen Zauberspruch. Es klingt ein bisschen fremd und merkwürdig, holpert hübsch und ist ausreichend nebulös. Hokuspokus, Expelliarmus, Clusterfeeding. Warum nicht. Übersetzt heißt der Begriff so ungefähr "gehäuftes essen" - und beschreibt das, was Willem gerade mit uns anstellte: Wenn ein Säugling ständig die Brust will.

Willem nervte weiter - aber wir waren plötzlich viel entspannter. "Das nennt sich Clusterfeeding" bannte unser Durcheinander aus Ängsten (Was hat er nur?), schlechtem Gewissen (Was machen wir falsch?) und Wut (Warum hört er nicht endlich auf?). Plötzlich war diese nervenzehrende Zumutung etwas, das etliche Eltern durchleben. Ein Problem mit Google-Treffern. Eine Phase.

Und ein Phänomen, bei dem wir nachlesen konnten, ob wir schon einen Arzt aufsuchen müssen, oder ob das noch ganz normaler Wahnsinn ist. Bei uns war es letzteres.

Speihkinder, Gedeihkinder. Hex-hex!

Clusterfeeding ist nicht das einzige Wort mit dieser wunderbaren Macht. Gerade neulich, als mich Willems Gematsche mit dem Essen mal wieder wahnsinnig machte, fragte eine seiner Kindergärtnerinnen beim Abholen, ob er Zuhause im Moment auch so intensiv Konsistenzen erkunden würde.

Und - hex-hex! - änderte sich etwas in meinem Kopf: Willem, als Forscher, der sich mit neuen Phänomenen in seinem Leben vertraut macht und dafür aufwendige (und ganz schön eklige) Versuchsreihen braucht - mit dem Bild konnte ich viel besser leben, als mit dem von dem kleinen Assi ohne Respekt vor Lebensmitteln.

Vielleicht, dachte ich, gibt es noch viel mehr dieser wunderbaren Bannsprüche. Ich fragte in der Redaktion herum und denke nun, dass ich demnächst ein Zauberbuch veröffentlichen werde, das die gesamte Bibliothek von Harry Potters Magier-Schule Hogwarts alt aussehen lassen wird.

Sind sie bereit? Den wohl zauberhaftesten Klang hat die Wendung Speikinder, Gedeihkinder. Ja, genau. Der nach jeder Mahlzeit kotzende Säugling. Vermutlich braucht es diesen formvollendeten Bannspruch, weil die Monate zwischen Bergen feucht-säuerlicher Mulltücher, in feucht-säuerlich riechenden Klamotten und einer feucht-säuerlich riechenden Wohnung einfach zu den besonders ätzenden Zumutungen zählen.

Picky Eater. Lässt Sie die Nerven behalten, wenn ihr Kind plötzlich nichts mehr isst außer, sagen wir, Butter, um sich nach unzähligen Wochen endlich zu besinnen - und auf Leberwurst umzusatteln.

Für die irrwitzigen Wutausbrüche vieler Kinder gibt es - die meisten Eltern wird das nicht wundern - gleich ein ganzes Arsenal an Bannsprüchen:

Dutzende Amerikas pro Tag

Für all die Probleme kann man sicher auch Erziehungsratgeber wälzen oder gar Studien konsultieren. Aber offen gesagt, möchte ich in der wenigen Freizeit, die mir bleibt, wenn die Kinder in den Betten liegen, lieber einen Roman lesen, eine Serie gucken oder einfach nur schlafen. Denn letztlich sagt jedes dieser Worte uns alles, was wir wissen müssen: Manchmal mag es sich total irre anfühlen, Kinder zu haben. Aber: Wir sind okay, das Kind ist okay.

Und sollte es doch mal wieder so anstrengend werden, dass alle Zaubersprüche wirkungslos sind, trotte ich über meine Notfall-Eselsbrücke: Kinder mögen aussehen wie kleine Versionen von uns. Aber das sind sie nicht. Ihr Körper und ihr Verstand wachsen und wandeln sich mit einer für uns kaum nachvollziehbaren Geschwindigkeit.

Kinder - und besonders die ganz kleinen - sind ein bisschen wie Christoph Kolumbus in dem Moment, als er Amerika entdeckt. Nur dass bei ihnen jeder Bissen, jede Geste, jede Bewegung, jedes Wort, das sie hören, Amerika sein kann. Etliche Amerikas pro Tag. Etliche unglaubliche Entdeckungen, die verstanden und in das große Puzzle des Lebens eingefügt werden wollen.


Liebe Leserinnen und Leser, welches Zauberwort hat Ihnen geholfen? Oder fehlt sogar eins? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin (5) und Willem (1)

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.

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