Säuglingstötungen "Die Frauen sehen ihr Kind als störendes Objekt"

Warum töten Mütter ihre neugeborenen Babys und verstecken die Leichen in Kühltaschen oder Blumentöpfen? Weil das ungeliebte Objekt verschwinden soll, sagt Theresia Höynck, Professorin für Recht der Kindheit und Jugend. "Diese Frauen töten entkoppelt von mütterlichen Gefühlen."


Hamburg - Was geschah im mittelhessischen Langgöns, wo Babyleichen in Camping-Kühlboxen entdeckt worden sind? Die Obduktion hat noch keine Erkenntnisse über die Todesumstände der drei Kinder gebracht. Der Mutter zufolge wurden die Kinder tot zur Welt gebracht, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Gießen. Ob die Aussage der 40-Jährigen der Wahrheit entspricht, wird noch geprüft. Die Babys waren bei Auflösung der Wohnung der Frau in den Kühlboxen entdeckt worden.

Tote Babys, zum Teil jahrelang versteckt in Wohnungen - immer wieder stößt die Polizei auf solche Fälle. Die Kinder wurden nach der Geburt getötet oder zum Sterben unversorgt liegen gelassen.

Im März 2009 verurteilte das Landgericht Limburg eine 33-jährige Altenpflegerin wegen dreifacher Kindstötung zu 13 Jahren Haft. Die Frau aus dem mittelhessischen Villmar hatte gestanden, zwischen 2004 und 2009 ihre nur wenige Wochen alten Säuglinge mit einem Tuch erstickt zu haben. Im Mai 2009 wurde in einer Tiefkühltruhe in Erfurt ein totes Baby entdeckt, gegen die 37-jährige Mutter des Jungen wird wegen Totschlags ermittelt. Wegen der Tötung von zwei neugeborenen Babys verurteilte 2008 das Landgericht Halle eine 28-jährige Bürokauffrau wegen zweifachen Totschlags zu acht Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Eines der toten Kinder fand ihr Lebensgefährte in der Waschmaschine, ein zweites entdeckten die Ermittler auf dem verwilderten Grundstück.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder schockieren Babyleichenfunde in Gefriertruhen und Blumenkübeln die Öffentlichkeit. Wieso verstecken die Täterinnen ihre toten Säuglinge bei sich zu Hause?

Theresia Höynck: Das ist eine Fortsetzung der Verdrängung, die einer Neugeborenentötung häufig vorausgeht. Fast alle Täterinnen verleugnen die Schwangerschaft, bringen das Kind irgendwo allein unter traumatischen Umständen zur Welt und töten es dann aktiv oder passiv. Die Leiche wird irgendwo hingelegt, ganz nach dem Motto: 'Hilfe, schnell weg damit!" Dann nehmen sie ihr altes Leben wieder auf, als wäre nichts geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Aus Sicht einer Täterin wäre es doch aber vernünftiger, die Leiche so zu verstecken, dass niemand sie findet.

Höynck: Sicher, aber Mütter, die ihre gerade geborenen Kinder töten, handeln nicht logisch, sondern irrational. Hier gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Das unbedachte Verstecken beweist nur, wie niedrig die kriminelle Energie in solchen Fällen ist.

SPIEGEL ONLINE: Das Deponieren der Leichen in der Wohnung oder im Garten bedeutet also nicht, dass die Mütter die Nähe zu ihrem toten Kind suchen?

Höynck: Nein. Die Tötung erfolgt in der Regel vollkommen entkoppelt von mütterlichen Gefühlen. Die Frauen nehmen das Kind nicht als lebendiges, geliebtes Wesen wahr, sondern als störendes Objekt, das verschwinden muss.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie geht das zusammen mit der Tatsache, dass Täterinnen häufig weitere Kinder haben, um die sie sich fürsorglich kümmern?

Höynck: Das widerspricht sich nicht zwangsläufig. In der Beziehung zu diesen Kindern leben sie ihre Mutterrolle, die sie bei den ungewollten getöteten Nachkommen nie angenommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Frauen haben nach der Tat auch keine Schuldgefühle?

Höynck: Nicht, solange sie die Verdrängung aufrechterhalten. Wird die Verleugnung aufgebrochen, empfinden sie oft heftigste, sehr tiefe Schuldgefühle.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es klar umrissene Täterprofile?

Höynck: Nein. In der Forschungsliteratur findet sich immer wieder der Prototyp der jungen, unverheirateten, überforderten und noch zu Hause lebenden Mutter. Aber das können wir nicht bestätigen. Wir haben es auch in aller Regel nicht mit intellektuell minderbemittelten oder psychisch kranken Frauen zu tun. Bei Neonatiziden - und das ist anders als bei anderen Tötungsdelikten an Kindern - sind Alter, Herkunft oder die Lebensumstände der Täter sehr unterschiedlich. Die Täterinnen stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Es gibt Fälle, die im Umfeld echter Not geschehen, aber auch andere, wo man sich fragt: "Wo ist das Problem?"

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also keinen Aspekt, der alle von Ihnen untersuchten Fälle verbindet?

Höynck: Doch, tatsächlich hat fast nie jemand aus dem Umfeld der Mütter mitbekommen, dass sie schwanger sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Das ist doch ein Gerücht, oder?

Höynck: Nein, die Bereitschaft, solchen Lügengeschichten zu glauben, ist viel größer als man annimmt. Das Umfeld lässt sich einfangen von der Verleugnung, es entsteht so etwas wie eine kollektive Verdrängung. Freunde, Verwandte, Kollegen fragen ein-, vielleicht zweimal nach, dann lassen sie es. Was würden sie machen, wen jemand explizit leugnet, schwanger zu sein?

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es aus mit psychischen Vorerkrankungen bei den Täterinnen?

Höynck: Die sind nicht überdurchschnittlich vertreten. Auch Wochenbettdepressionen spielen bei Neonatiziden keine Rolle, weil die ja nicht unmittelbar nach der Geburt einsetzen. Die Tötungen aber schließen sich gleich an die Geburt an.

SPIEGEL ONLINE: Ein so unklares Bild von den Täterinnen macht Prävention doch geradezu unmöglich.

Höynck: Es ist schwierig. Was alle Frauen vereint, ist die panische Angst vor der ungewollten Schwangerschaft. Gleichzeitig sind sie aber nicht in der Lage, sich Hilfe zu holen - obwohl das gesellschaftliche Klima in Deutschland positiv und die Zahl der Hilfsangebote groß ist. Viele dieser Angebote zielen schon jetzt darauf ab, dieser Angst in einem frühen Stadium zu begegnen, damit den Frauen möglich wird, sich der ungewollten Schwangerschaft zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: In den ostdeutschen Bundeslängern ist das Risiko für Kindstötungen fast doppelt so hoch wie im Westen. Woran liegt das?

Höynck: Diese Einschätzung basiert auf den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik, und zwar Zahlen zu sämtlichen Tötungsdelikten an Kindern unter sechs Jahren - da sind die Säuglingstötungen gar nicht gesondert aufgeführt. Deshalb ist eine solche Behauptung mit Vorsicht zu genießen.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt geht die Zahl der die Kindstötungen in Deutschland zurück. Ein Verdienst der Babyklappen?

Höynck: Ich fürchte, die Babyklappen helfen in der Regel nicht. Wer solche Angebote in Anspruch nimmt, musst organisiert sein, in der Lage, sein Tun zu reflektieren und eine Entscheidung zu treffen. Die Frau müsste sich eingestehen, dass sie schwanger ist und das Kind nicht will. Genau dazu ist sie in der Extremsituation aber gar nicht der Lage. Wir müssen der Verheimlichung ein Ende bereiten und so viele Mütter wie möglich an Hilfsangebote heranführen. Und uns damit abfinden, dass es solche traurigen Fälle trotzdem weiterhin geben wird.

Das Interview führte Annette Langer



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