Babyraub in Spanien "Ich wurde verkauft wie eine Puppe"

Die Fälle reichen zurück bis in die Franco-Zeit: Ein Netzwerk aus Klinikbetreibern, Krankenschwestern, Helfern und Ärzten soll in Spanien Zehntausenden Müttern ihre Babys gestohlen haben. Die Vorgehensweise der Täter war teilweise unfassbar perfide.

Von Andrea Bauer


Maria Luisa Torres Romero brachte in der Madrider Santa Cristina Klinik ein gesundes, 2350 Gramm schweres und 47 Zentimeter großes Mädchen zur Welt. Es war der 31. März 1982, 15.45 Uhr, sie nannte ihr Kind Pilar. Kurz nach der Geburt kam Schwester Maria zu Torres Romero. Pilar sei leider plötzlich verstorben.

Torres Romero ließ sich davon zunächst nicht abwimmeln. Sie ging in das Neugeborenenzimmer und fand Pilar, so erzählt sie es heute. Auf dem Namensschild stand "Maria".

Sie stellte die Nonne zur Rede - doch Schwester Maria setzte die junge Frau massiv unter Druck. Sie drohte mit einer Anzeige wegen Ehebruchs, obwohl dieser schon damals keine Straftat mehr darstellte. Dies hätte laut Aussage der Nonne zu einer langen Gefängnisstrafe führen können. Doch die Nonne drohte der jungen Mutter noch perfider - und sprach davon, ihr auch ihre erste, zweijährige Tochter durch die Behörden wegnehmen zu lassen, da sie ihrer Rolle als Mutter nicht gewachsen sei.

Geschockt und völlig verängstigt verließ die junge Mutter die Klinik ohne das Neugeborene. Sie hatte Pilar für 29 Jahre das letzte Mal gesehen.

Rund 5000 Euro für eine Tochter

Torres Romero hat die Nonne nun vor den Untersuchungsrichter Adolfa Carretero gebracht. Ein zweiter Fall, der im Mai publik wurde, könnte die Nonne Maria Gómez Valbuena vor einen weiteren Ermittlungsrichter bringen. Doch längst geht es nicht mehr um Einzelschicksale: Spanien wird von einem Skandal erschüttert, der fassungslos macht.

Beobachter rechnen damit, dass Schwester Maria Teil einer kriminellen Vereinigung war, die im Laufe von Jahren Hunderte Neugeborene illegal und gegen Bezahlung weitervermittelt haben könnte. Doch bislang gelang erst zwei spanischen Müttern der Nachweis der Elternschaft, darunter Torres Romero.

Als Pilar 15 Jahre alt war, fand sie ihre Adoptionsunterlagen und erfuhr so, dass sie nicht von ihren leiblichen Eltern aufgezogen wurde. Ihr Stiefvater entschloss sich, ihr bei der Suche nach der leiblichen Mutter zu helfen, er wusste nichts von Schwester Maria, von den Drohungen und den Machenschaften eines Netzwerks.

Er gab ein Vermögen für Rechtsanwälte und Detektive aus. Selbst den Gang an die Öffentlichkeit scheute man nicht. 2005 schilderten Tochter und Stiefvater ihren Fall in einer spanischen Talkshow. Doch der erhoffte Erfolg blieb damals aus.

Erst als vor etwa zwei Jahren andere Fälle von Babyraub in der spanischen Öffentlichkeit auftauchten, erinnerte sich ein spanischer TV-Journalist, der Torres Romero kannte, an den TV-Auftritt Pilars. Und so lud man Mutter, Tochter und den Stiefvater am 30. Juni 2011 gemeinsam in die Fernsehsendung "El diario" - und löste das Rätsel.

Ein DNA-Test bestätigte die Vermutung, dass die heute 30 Jahre alte Pilar tatsächlich die leibliche Tochter von Torres Romero ist. Die Mutter weiß heute, dass die Adoptiveltern für ihre Tochter damals 200.000 Peseten - nach heutiger Kaufkraft etwa 5000 Euro - bezahlten.

Täuschung mit tiefgefrorenen Leichnamen

Warum adoptierte die Familie Alcalde Pilar 1982? Das Paar konnte selbst keine Kinder bekommen, es dachte über eine Adoption nach. Hoffnung auf einen schnellen Erfolg machten ihnen die zuständigen Behörden damals zunächst nicht. Doch dann wandte sich das zuständige lokale Amt für Adoptionen plötzlich an das Paar, man möge sich doch bitte bei Schwester Maria melden. Dann ging alles ganz schnell, Pilar kam zu ihnen, sie zahlten die Peseten und gingen davon aus, damit die Kosten für das Krankenhaus und die Auslagen der Mutter beglichen zu haben.

In Tausenden Fällen soll ein Netzwerk aus Klinikbetreibern, Krankenschwestern, Helfern und Ärzten so vorgegangen sein: Es stahl Paaren ihre Babys, um sie dann an kinderlose Paare im Land gegen Geld weiterzuvermitteln. Die Mütter wurden behandelt, wie es Torres Romero erlebte. In manchen Fällen kam es offenbar sogar zu Beerdigungen ohne Leichname, am Grab standen Mütter, die um ihr vermeintlich gestorbenes Neugeborenes trauerten.

Im Falle einer möglichen Nachfrage der erschütterten Eltern gingen die Täter besonders perfide vor: Laut einer Zeugenaussage wurden tote Babys in Kliniken tiefgefroren. Mit den Leichnamen wollte man aufgebrachte Eltern, die ihr vermeintlich totes Kind noch einmal sehen wollten, beruhigen.

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Bei der NGO SOS Bebes Robados (gestohlene Kinder) setzt man sich nun intensiv für die Aufklärung ein. Und stellt das gesamte Adoptionssystem der Franco-Diktatur von 1939 bis 1975 in Frage, das über den Tod des Diktators hinaus funktionierte. Bis zu 300.000 Neugeborene sollen, so die Schätzung der Organisation, über Jahrzehnte gestohlen - und danach im ganzen Land illegal weitervermittelt worden sein.

Der in Barcelona tätige Anwalt David Serra Lázaro hält diese Zahl für realistisch: "Zwischen 1960 und 1990 wurden in Spanien offiziell zwei Millionen Kinder adoptiert. Unser Erfahrungswert zeigt, dass der Anteil der illegalen Adoptionen 10 bis 15 Prozent beträgt. Diesen Wert haben wir hochgerechnet."

"Die wollten mir nicht helfen"

Einer der Betroffenen ist Antonio Barroso. Der heute 43-Jährige wurde 1969 von seinen Adoptiveltern gekauft. Der Preis lag damals ebenfalls bei 200.000 Peseten, die Verkäuferin war auch in diesem Fall eine Nonne. Barroso erfuhr die schmerzliche Wahrheit überraschend von der vermeintlichen Mutter seines Freundes Juan Luis Moreno. 2008 lag diese auf dem Sterbebett - und sagte Barroso unvermittelt: "Kind, wir haben dich ebenso wie Juan Luis erworben."

"Mein Leben fühlte sich immer irgendwie falsch an", sagt Barroso heute, "ich wurde verkauft wie ein Puppe - und spüre nur die Trauer."

Barroso begann, intensiv nach seinen leiblichen Eltern zu suchen. Ohne Erfolg wandte er sich an die zuständigen Behörden: "Die wollten mir nicht helfen. Warum, verstehe ich bis heute nicht." Verärgert informierte der 43-Jährige anschließend die spanischen Medien - und gründete die Organisation Anadir.

Sie versucht, Eltern und deren leibliche Kinder wieder zusammenzuführen. Und wurde bereits von der ersten Nachfrage überwältigt. In den ersten Tagen gingen bereits Hunderte E-Mails von Eltern und Kindern ein. Heute vertritt die NGO 2700 Fälle.

"Wer ist für mein Leid verantwortlich?"

Doch bis heute weiß auch der Immobilienmakler nicht, woher er stammt und wer seine wahren Eltern sind. "Ich will die Wahrheit wissen. Wer bin ich? Und wer ist für mein Leid verantwortlich?" Besonders die Frage nach dem: "Was geschah tatsächlich?" - ist es, die ihn nachts wach hält, und der Wunsch nach einer gerechten Bestrafung der Täter.

Ob der 43-Jährige auch juristisch gegen den spanischen Staat vorgehen könnte, ist nicht einfach zu beantworten. "Nach der heute gültigen Uno-Kinderrechtskonvention aus dem Jahr 1989, hier dem Artikel 8, könnte er eigentlich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagen", sagt dazu die auf internationales Familienrecht spezialisierte Potsdamer Rechtsanwältin Kerstin Niethammer-Jürgens.

Doch dabei gäbe es aus ihrer Sicht mehrere Probleme. Zum einen wurden nach dem Tode General Francisco Francos 1975 Amnestiegesetze erlassen, die eine strafrechtliche Verfolgung der Verbrechen aus dieser Zeit fast unmöglich machten. Zum anderen wiederfuhr ihm das Unrecht, lange bevor die Konvention ins Leben gerufen wurde. Zudem würde eine Klage nach dem Ausschöpfen des gesamten spanischen Rechtsweges in seinem Falle nur Sinn machen, wenn ein Anwalt "dieses äußerst langwierige und teure Unterfangen pro bono für ihn durchführen würde", so die Anwältin.

Mittlerweile ermitteln spanische Polizei und Justiz landesweit in rund 1500 Fällen gestohlener Kinder. Selbst über die Einrichtung einer genetischen Datenbank wird nachgedacht, der spanische Justizminister Alberto Ruiz-Gallardón hat sich für sie ausgesprochen. Der Staat habe seiner Meinung nach nun "die Pflicht, alles ihm rechtlich Mögliche zu tun".



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