Badetote in Deutschland "Ertrinken ist ein männliches Problem"

Jedes Jahr ertrinken Hunderte Menschen in Deutschland. Viele unterschätzen die Kraft des Wassers und bezahlen ihren Übermut mit dem Leben.

Kinder baden in Timmendorfer Strand
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Kinder baden in Timmendorfer Strand

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Dresden am vergangenen Sonntag: Die Sonne scheint zwischen den Wolken hindurch, ein Zehnjähriger steigt in die Elbe, um sich abzukühlen. Doch die Strömung ist zu stark: Wenig später taucht der Junge unter, schafft es nicht mehr allein an die Oberfläche. Retter ziehen ihn aus dem Wasser, beleben ihn wieder - trotzdem stirbt er kurz darauf im Krankenhaus.

Hunderte Kilometer flussabwärts schwimmen drei Erntehelfer am selben Tag in Stade am Flussufer entlang. Sie haben Spaß, tollen im Wasser herum, das beobachten Zeugen. Doch nur einer der Schwimmer überlebt diesen Nachmittag. Die Strömung reißt die anderen mit. Am nächsten Morgen werden sie leblos am Elbstrand gefunden.

In Deutschland herrscht Badewetter, Meldungen über ertrunkene Badegäste häufen sich. Flüsse, Seen und Teiche zählen zu den gefährlichsten Badeorten, wie eine jährliche Erhebung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zeigt. "Meistens sind diese Gewässer nicht beaufsichtigt und damit steigt das Risiko", sagt Achim Wiese, Pressesprecher der DLRG.

Video: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet

Er rät, niemals allein schwimmen zu gehen und die Baderegeln einzuhalten. "Große Flüsse wie Rhein, Donau, Elbe oder Weser sind Bundesschifffahrtsstraßen und keine Badeanlagen." An der Autobahn würden Eltern ihre Kinder schließlich auch nicht spielen lassen.

Im vergangenen Jahr gab es 404 Badetote - und damit deutlich weniger als 2016 mit 537 Todesfällen. Das liegt laut der DLRG aber nicht an besseren oder vorsichtigeren Schwimmern, sondern am Wetter. 2017 regnete es viel, nur vergleichsweise wenige warme Tage luden zum Schwimmen ein. Für 2018 erwartet Wiese wieder einen Anstieg der Todesfälle. Der Sommer sei in diesem Jahr einfach zu gut.

Die Erfahrung zeigt, dass viele Schwimmer das eigene Können über- und die Kraft des Wassers unterschätzen. Sie behandeln Flüsse und Seen wie ein Freizeitbad. Dabei hätten es selbst erfahrene Rettungsschwimmer schwer, sich aus den Strömungen und Strudeln der Gewässer freizuschwimmen, sagt Wiese. In Seen werden zudem Schlingpflanzen oder die Grundtiefe zur unkalkulierbaren Gefahr und Temperaturunterschiede im Wasser für den Kreislauf zum Problem.

Als weiteres Risiko gelten Sprünge in das Wasser: Laut DLRG müssen jährlich mehr als 40 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil sie sich von Brücken oder hohen Ufern in unbekannte Gewässer stürzen.

Ein Schild warnt an einem See in Bensheim vor einem stark abfallenden Ufer
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Ein Schild warnt an einem See in Bensheim vor einem stark abfallenden Ufer

Der Blick in die Statistik zeigt, wie die Todesfälle verteilt sind: "Ertrinken ist ein männliches Problem", sagt der DLRG-Sprecher. Rund 80 Prozent aller Opfer waren 2017 Männer, die Mehrheit von ihnen war entweder zwischen 16 und 25 oder zwischen 71 und 85 Jahre alt. Die Jungen sind übermütig, betrunken oder unterschätzen die Gefahr. Bei den Älteren spielen auch Vorerkrankungen wie beispielsweise Herz-Kreislauf-Probleme eine Rolle.

Auch Migranten gelten als Risikogruppe. 23 Asylsuchende verloren im vergangenen Jahr ihr Leben in deutschen Gewässern. Viele von ihnen seien Nichtschwimmer gewesen, heißt es im DLRG-Jahresbericht. Um sie über die Gefahren aufzuklären, hat die Organisation ihre Baderegeln in mehr als 25 Sprachen übersetzt und bietet Schwimmkurse gezielt für Migranten an.

Baderegeln der DLRG

    1. Baden Sie nur, wenn Sie sich wohlfühlen. Duschen Sie sich kühl ab, bevor Sie in das Wasser steigen.

    2. Gehen Sie niemals mit vollem oder sehr leerem Magen baden.

    3. Nichtschwimmer sollten nur bis zum Bauch in das Wasser gehen.

    4. Rufen Sie nicht um Hilfe, wenn Sie nicht in Gefahr sind. Helfen Sie Menschen, die Ihre Hilfe benötigen.

    5. Überschätzen Sie Ihre Kräfte nicht.

    6. In Gewässern, auf denen Schiffe und Boote fahren, sollten Sie nicht baden.

    7. Verlassen Sie bei Gewitter sofort das Wasser und suchen Sie ein festes Gebäude auf.

    8. Werfen Sie keinen Abfall in das Wasser, sondern halten Sie die Gewässer sauber.

    9. Aufblasbare Schwimmhilfen unterstützen nicht Ihre Sicherheit im Wasser.

    10. Springen Sie nur in ein Gewässer, wenn Sie sich sicher sind, dass es frei und tief genug ist.

Mit Sorge betrachtet Wiese auch das Verhalten von Familien. Geschichten von Eltern, die mit dem Rücken zum Meer im Strandkorb lesen, während der Nachwuchs durch das Wasser tobt, gehören zum Alltag der Rettungsschwimmer. "Ein Seepferdchen ist kein Schwimmabzeichen, sondern nur der erste Schritt zum Schwimmenlernen", warnt Wiese. "Kinder im Vor- und Grundschulalter sollten beim Baden immer begleitet werden."

"Kinder gehen einfach unter"

Zudem könnten viele Kinder immer schlechter oder gar nicht schwimmen - eine gefährliche Entwicklung, die auch Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister, beobachtet. "Früher war der Schwimmkurs in vielen Haushalten Pflicht. Heute können sich vor allem in Ballungsgebieten viele Familien das Training nicht mehr leisten - oder ihre Kinder spielen lieber mit dem Smartphone, als in die Schwimmhalle zu gehen."

Harzheim steht seit 43 Jahren als Schwimmmeister am Beckenrand, er ist Betriebsleiter eines Erlebnisbades im Sauerland. Auch er erlebt nachlässige Eltern. Manche würden gekränkt reagieren, wenn er sie auf ihre Aufsichtspflicht anspreche. "Dann bin ich der böse Bademeister, der Buhmann."

Während man Erwachsene mit den Armen schlagen sehe, seien die Bewegungen von Kindern einfach zu klein. "Kinder ertrinken lautlos, die gehen einfach unter", sagt er.

2011 gab es das letzte Mal einen Zwischenfall in seinem Bad. Zwei siebenjährige, unsichere Schwimmer tauchten auf einmal ab. Harzheims Kollegin sprang ins Becken und zog die beiden aus dem Wasser. Bei einem Kind stand das Herz bereits still, das andere war bewusstlos. Das Team reanimierte die Schüler, sie überlebten - weil Harzheims Kollegin das Becken im Blick hatte und schnell reagierte.

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