Mehr Badeunfälle Deutschland ein Land der Nichtschwimmer?

Während der Hitzewelle meldete die Polizei beinahe täglich tödliche Badeunfälle. Experten beklagen, dass Schüler zu wenig Schwimmunterricht erhalten. Und es gibt eine weitere Risikogruppe.

Polizisten stehen am Ufer des Sees, in dem ein siebenjähriger Junge umkam
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Polizisten stehen am Ufer des Sees, in dem ein siebenjähriger Junge umkam


Es ist die dunkle Seite des Supersommers: Seit Jahresbeginn sind schon mehr als 300 Menschen beim Baden ums Leben gekommen. Zu den Todesopfern zählten mehr als 20 Kinder unter 15 Jahren und über 40 junge Frauen und Männer zwischen 16 und 25 Jahren.

Häufig ereigneten sich Badeunfälle wegen Leichtsinn, einer hohen Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung, sagte der Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), Achim Wiese, in einer vorläufigen Sommerbilanz. Aber auch Eltern, die sich in Wassernähe mehr mit ihrem Handy beschäftigen, als auf ihre Kinder zu achten, bereiten der DLRG Sorgen.

Allein in den vergangenen zwei Wochen gab es mehrere Unglücke:

Aber es gibt ein grundsätzlicheres Problem: Die DLRG beklagt schon seit Längerem Bäderschließungen, fehlenden Schwimmunterricht an Grundschulen sowie mangelndes Engagement der Eltern, ihren Nachwuchs bis zum Schwimmabzeichen Bronze zu bringen. Flüchtlinge stellen laut DLRG eine besondere Risikogruppe dar, denn in vielen Herkunftsländern gehört das Schwimmenlernen nicht zum Aufwachsen dazu.

Im Fössebad in Hannover trainieren sieben junge Männer aus Afghanistan, dem Irak, Sudan und der Elfenbeinküste die Brusttechnik - erst mit Schwimmkissen, die mit Seehunden und Seepferdchen bedruckt sind, danach mit orangefarbenen Schwimmnudeln. Die meisten von ihnen machen eine Ausbildung. Warum verbringen sie ihren Feierabend im Hallenbad? "Es ist wichtig für mich, schwimmen zu lernen", betont Hassan aus dem Sudan. "Schwimmen ist Alltagsleben in Deutschland."

Noch lehnt der 23-jährige angehende Altenpfleger es ab, wenn Freunde ihn zu einem Nachmittag am See einladen. Aber nach dem Kurs will er es wagen. Seit drei Jahren lebt Hassan in Hannover, in seiner trockenen Heimat habe man höchstens nach dem Regen mal in einer Art Pfütze baden können, erzählt der Sudanese.

Hassans Trainerin Sandra Rother gibt seit zehn Jahren Schwimmkurse - die meisten für Kinder, aber auch für Frauen. "Erwachsene machen sich oft zu viele Gedanken. Das beste Alter, um schwimmen zu lernen, ist ungefähr fünf Jahre", sagt die 48-Jährige, die den Kurs gemeinsam mit ihrer 22-jährigen Tochter Diandra leitet.

"Eltern geben gerne die Verantwortung ab"

In den Kinderkursen beobachtet Sandra Rother zunehmend motorische Schwierigkeiten - die Kleinen erzählen sich untereinander auch mehr von den neuesten Tablets und Smartphones als vom Klettern auf Bäume. "Die Eltern geben gerne die Verantwortung ab", sagt sie. "Viele Kinder waren vor dem Kurs noch nie in einem Schwimmbad." Sie befürchtet, dass die Situation sich weiter verschlechtert. "Heute können auch viele Eltern nicht richtig schwimmen und vermitteln die Angst vor dem Wasser."

Bundeselternrat plädiert für mehr Schwimmunterricht

Rund ein Viertel aller Grundschulen in Deutschland hat keinen Zugang mehr zu einem Schwimmbad. Der Bundeselternrat plädiert für eine länderübergreifende Initiative für mehr Schwimmunterricht. "Die Politik muss ihre Aufgaben wahrnehmen und für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen. Hierzu gehören ausgebildete Lehrkräfte ebenso wie entsprechende Lehrschwimmbecken", sagt der Verbandsvorsitzende Stephan Wassmuth.

Für Eltern ist es oft nervenaufreibend, überhaupt einen Schwimmkurs für ihr Kind zu finden. Bei Angeboten von Vereinen gibt es häufig Wartelisten - zuweilen dauert es zwei Jahre, bis ein Platz frei wird. Darüber hinaus sind gerade private Schwimmschulen oft teuer. Die Kurse für Asylbewerber im Fössebad werden vom Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte Hannover über Spenden finanziert. Zudem gibt es einen Zuschuss des Landessportbundes Niedersachsen.

"Eine systematische Förderung gibt es leider nicht", sagt Axel Dietrich, Bildungsreferent beim Deutschen Schwimm-Verband (DSV) mit Blick auf ganz Deutschland. In einigen Bundesländern unterstützen Krankenkassen Eltern oder Anbieter beim Schwimmunterricht. Auch Stiftungen und Betriebe engagieren sich, manchmal sogar der Staat.

Multifunktionsbäder als gefährlicher Trend

Gefährlich sei der Trend zu großen Multifunktionsbädern anstelle der kleinen, wohnortnahen Bäder, meint Dietrich. Hier seien die Kommunen und Länder gefragt. Hessen zum Beispiel habe ein Programm zur Bädermodernisierung aufgelegt, berichtet der Experte. Der DSV unterstützt vielerorts den Schwimmunterricht an Schulen, etwa bei Ganztagsangeboten.

DSV-Bildungsreferent Dietrich glaubt allerdings, dass es mit dem Vermitteln der Schwimmtechnik nicht getan ist. "Vielen fehlen die notwendigen Kenntnisse über das eigene richtige Verhalten im Wasser", sagt er. So seien Menschen in diesem Sommer ertrunken, weil sie nichts über die Wassertemperaturen und Strömungen in dem jeweiligen Gewässer wussten oder weil sie mit einem plötzlichen Krampf im Bein mitten im See nicht umgehen konnten.

Brennpunkt Freibad - Bademeister im Einsatz (SPIEGEL TV 2003)

SPIEGEL TV

oka/dpa

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stoffi 15.08.2018
1. Erstens
gibt es zu wenig Schwimmbäder in der Nähe von Wohngebieten und zweitens sind die die es gibt für viele Familien zu teuer um regelmässig mit den Kindern schwimmen zu gehen.In meiner Kindheit hatten wir mitten in der Stadt ein Hallenbad, das ständig voll war und wir oft warten mussten, bis welche raus kamen, damit wir rein konnten. Fast alle Kinder in der Nachbarschaft konnten so bereits zum Schulanfang recht gut schwimmen. Schwimmunterricht hatten wir alle 14 Tage. Ein Schwimmbad muss auch von den Schulen in kurzer Zeit erreichbar sein. Heutzutage wird das Geld lieber für Leuchtturmprojekte verwendet und dann kommt sowas dabei heraus.
dr.noh 15.08.2018
2. Klar, Schuld sind immer die anderen
Zitat von stoffigibt es zu wenig Schwimmbäder in der Nähe von Wohngebieten und zweitens sind die die es gibt für viele Familien zu teuer um regelmässig mit den Kindern schwimmen zu gehen.In meiner Kindheit hatten wir mitten in der Stadt ein Hallenbad, das ständig voll war und wir oft warten mussten, bis welche raus kamen, damit wir rein konnten. Fast alle Kinder in der Nachbarschaft konnten so bereits zum Schulanfang recht gut schwimmen. Schwimmunterricht hatten wir alle 14 Tage. Ein Schwimmbad muss auch von den Schulen in kurzer Zeit erreichbar sein. Heutzutage wird das Geld lieber für Leuchtturmprojekte verwendet und dann kommt sowas dabei heraus.
Zu wenig Schwimmbäder, zu teuer, zu voll. Wenn man seinen Kindern schwimmen beibringen will, gibt es auch Wege. Anstatt aufzulisten, was nicht geht, sollte man auflisten was geht. Wo ein Wille auch ein Weg. Dieses Sprichwort ist immer noch aktuell. By the Way. Auch nett, dass der Schwimmunterricht auf die Schule abgewälzt wird. Bloß nicht selbst Verantwortung übernehmen. Bloß nicht selbst das Schwimmenlernen zur eigenen Aufgabe erklären.
jpphdec 15.08.2018
3. Der Staat hat mindestens neun Jahre Zeit
im Rahmen der Schulpflicht Kindern bzw. Jugendlichen zumindest die Grundlagen des Schwimmens beizubringen. Nicht einmal mehr das bekommen wir anscheinend noch flächendeckend hin. Auch meine Grundschule hatte keinen (einfachen) Zugang zu einem Schwimmbad, Schwimmunterricht gab es dort also nicht. Trotzdem konnten beim obligatorischen Schwimmunterricht in der weiterführenden Schule ausnahmslos alle schon Schwimmen, da ging es dann hauptsächlich um die Verbesserung der Technik.
Mohr 15.08.2018
4. Wie lernte ich schwimmen?
In meiner Jugend habe ich das Schwimmen in einem Fischaufzuchtteich selber erlernt. Was heißt hier erlernt, die Bewegungen kannte man schon vorher. Was fehlte war der Mut. Viele Kinder lernten das Schwimmen in den Dörfern in den Feuerlöschteichen. Diese sind heute alle zu geschüttet. Ob aber heute noch jemand in so ein Gewässer baden will, bezweifele ich.
jujo 15.08.2018
5. ....
Kürzlich las ich, das eine Kommune ihr Freibad wegen zu hoher Kosten schließen muss obwohl es stets gut bis sehr gut besucht wird. Sehr viele Besucher kämen aus benachbarten Kommunen in denen es kein Bad gibt oder schon geschlossen wurde. Warum beteiligen sich die angrenzenden Kommunen nicht an den Kosten? käme es doch ihren Bürgern zugute wenn das letzte noch geöffnete Freibad in der Umgegend erhalten bliebe! Ergänzend möchte ich sagen, das meine beiden älteren Geschwister und ich von unserem Vater im Berliner Grunewald See Anfang der fünfziger schwimmen gelernt haben. Im Schulschwimmen dann sofort den Freischwimmer gemacht haben. Wo ein Wille ist , ist auch ein Wasser. Eltern sind verantwortlich für ihre Kinder! Nicht die Allgemeinheit oder die Schule.
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