Verschmutzung in Bangalore Stadt der brennenden Seen

Ein See als Müllkippe, giftige Schaumberge auf den Straßen: Die Umweltverschmutzung in Bangalore ist dramatisch. Forscher warnen: In wenigen Jahren könnte Indiens Silicon Valley unbewohnbar sein.

Aaditya Sood

Von , Bangalore


Noch bevor der Bellandursee in Sicht kommt, ist er zu riechen. Der Geruch von Verwesung weht über das Wasser. Drei schwimmende Mähdrescher pflügen durch den grünen Teppich aus Algen und Seegras, der alles überwuchert hat, selbst die Bäume am Ufer.

Auf dem Bellandursee kann man wie Jesus über das Wasser laufen. Die Hyazinthen wachsen hier so dicht, dass ein Mensch stellenweise nicht mehr einsinkt. Eine Frau soll hier einmal ihr Auto durch die Leitplanke gefahren und überlebt haben. Das Seegras hat den Sturz abgefangen.

Der Bellandursee ist Bangalores apokalyptische Sehenswürdigkeit: Das größte Gewässer der Stadt ist so dreckig, dass die Chemikalien und Abfälle darin immer wieder Feuer fangen. Etwa im Februar, dann wieder im Mai. Zwölf Stunden lang loderten die Flammen, und Rauch stieg über der Stadt auf. Indiens drittgrößte Stadt, eigentlich bekannt als Silicon Valleys des Landes, macht einem neuen Namen alle Ehre: Bangalore, Stadt der brennenden Seen.

Apartment mit Seeblick, Gestank inklusive

Nur Maklerfirmen tun so, als sei alles gut. Eine Reklametafel am Ufer wirbt für luxuriöse Apartments: drei Zimmer, Küche, Bad, Blick auf den See. Gestank inklusive, möchte man anfügen.

Davor steht Sanchita Jha, 27 Jahre alt, die Arme aufs Brückengeländer gestützt, sie schaut auf die Brühe unter ihr. Weißer Schaum treibt auf dem Wasser. An einer Stelle wirbelt der Wind immer wieder ein paar Flocken auf. Dann sieht es so aus, als schneie es. "Heute ist ein geradezu guter Tag", sagt Jha.

Schlechte Tage sind hingegen die, an denen es regnet. Dann mischt sich der Regen mit dem laugenhaltigen Wasser, Schaumberge türmen sich auf und überschwemmen die Straßen. Auf der Haut löst der toxische Schaum Rötungen und Juckreiz aus, bei Autos verfärbt sich der Lack. Jha wohnt zehn Minuten entfernt. Jeden Tag fährt sie die Straße entlang des Sees. Was sie sieht, macht sie wütend: "Wenn die Stadt nur wollte, dann könnte der Bellandursee sauber sein."

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Bangalore: Die Zerstörung eines Paradieses

Nicht, dass nichts geschehen wäre: An der Kurve steht nun ein meterhohes engmaschiges Netz - der Schaum schäumt nun hinter Gittern. Aber das bekämpft nur die Symptome, nicht die Ursachen.

Viele Millionen Liter Abwasser fließen jeden Tag in die 81 Gewässer der Stadt, wo sie sich zu einer hochgiftigen und hochentzündlichen Brühe vermischen. Unter all dem Grünzeug sammelt sich Methan. Phosphate, Sulfate und Nitrate schwimmen im Wasser, weil die städtischen Kläranlagen nicht nur leidig funktionieren, sondern manchmal gänzlich fehlen. Wohnhäuser leiten ihre Abwässer ungefiltert in Seen; bei der Industrie sieht es nicht besser aus.

Jha macht die allgegenwärtige Korruption verantwortlich und eine Regierung, deren Behörden sich die Verantwortung nur gegenseitig zuschieben. Das beste Beispiel sei der Zaun. Schon vor Jahren sollte das Gelände abgesperrt werden, um zu verhindern, dass der See als Deponie missbraucht wird. Bis heute sind nur zwei Drittel des Zauns fertiggestellt - und wo er steht, gibt es große Lücken. Jede Nacht, sagt Jha, rollen die Lastwagen und schütten den Müll ins Wasser.

Bangalores Attraktivität war sein Verderben

Noch vor wenigen Jahrzehnten war Bangalore geradezu ein Paradies. Auf 900 Meter Höhe gelegen, hat die Stadt das beste Klima des Landes, nie zu kalt und nie zu heiß. Boote schipperten Besucher über den See, der so groß ist, dass die Häuser am gegenüberliegenden Ufer nur schemenhaft zu erkennen sind. Der Bellandursee könnte so schön sein wie sein Name.

Die Attraktivität der Stadt führte mit ins Verderben. Seit 2011 hat sich die Bevölkerung von 8,5 Millionen auf mehr als zehn Millionen erhöht. Menschen wie Jha ziehen hierher wegen der relativen Freiheit, die Frauen hier genießen, der Pubs und vor allem wegen der Jobs. Firmen wie Microsoft und IBM haben hier Büros; auch Jha arbeitet als Informatikerin.

Laut einer Studie des örtlichen Indian Insitute of Science (IISc) hat der Anteil der asphaltierten Oberfläche in den vergangenen 40 Jahren um 1005 Prozent zugenommen; der Anteil der Grünflächen sank im gleichen Zeitraum um 88 Prozent, was die Stadt zusätzlich aufheizt.

Im vergangenen Jahr stiegen die Temperaturen so sehr, dass alteingesessene Bewohner zum ersten Mal Klimaanlagen in ihren Häusern einbauen ließen. Setze sich die Entwicklung fort, prognostizieren die Forscher des IISc, dann sterbe Bangalore einen schnellen Tod. Schon im Jahr 2025 könne die Stadt unbewohnbar sein.

Akute Wassernot

Auch wenn die IISc-Wissenschaftler ihre Prognose später relativierten: Ob in zehn oder in zwanzig Jahren - Bangalores Bürger sind dabei, sich selbst zu vergiften. 90 Prozent der Gewässer sind mit Abwässern verseucht. Die Seen, im 16. Jahrhundert angelegt, um Regenwasser zu speichern, haben sich in eine Gefahr für die Menschen verwandelt: Die Brühe aus dem Bellandursee beispielsweise sickert ins Grundwasser. In den Brunnen in der Umgebung haben Wissenschaftler erhöhte Nitratwerte gemessen, eine Substanz, die Krebs auslöst. Der Grundwasserspiegel ist mancherorts auf 300 Meter gesunken, in manchen Vierteln der Stadt herrscht schon jetzt akute Wassernot, das Geschäft mit privaten Wassertanklastern boomt.

Und doch ist Jha optimistisch für die Zukunft. Auf Twitter haben sie und andere Aktivisten den Ministerpräsidenten so lange mit Nachrichten bombardiert, bis der nach zehn Tagen endlich reagierte. Ein Expertengremium für Gewässer überwacht nun die Arbeit der Behörden. Bangalore, sagt Jha, sei auch das: ein Ort, an dem junge Menschen etwas verändern wollen.

Vielleicht ist der brennende See der Warnschuss, den die Stadt braucht. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Gewässer erst Feuer fangen muss, damit sich etwas ändert: Der Cuyahoga Fluss in Ohio in den USA brannte ganze 13 Mal, zuletzt im Jahr 1969. Daraus ging die amerikanische Umweltbewegung hervor und schließlich der Clean Water Act. Der brennende Fluß hingegen ist heute nur noch Erinnerung - als der Name des Biers Burning River Pale Ale.

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nokaner 10.06.2017
1. Mushkesh Ambani...
Der reichste Mann Indiens spielt sich immer wieder als Wohltäter des Landes auf. Hat jetzt den Indern dank einem neuen Mobilfunkanbieter sinkende Preise für mobiles Internet ermöglicht. Alles um Indien mach vorne zu bringen... Aber dort wo es wirklich stinkt, da lässt sich keiner der Freunde Indiens blicken.
W/Mutbürger 11.06.2017
2. Hier wäre deutsches Know-How
mehr als angebracht. Kann sich noch jemand an den Silbersee in der DDR erinnern? https://de.wikipedia.org/wiki/Silbersee_(Bitterfeld) Kaum vorstellbar, dass man ihn renaturieren konnte. Das Problem ist das in Indien (noch) der politische Wille fehlt. Ich selbst war geschäftlich öfters in Indien, incl. Besuch einer Maschinenfabrik. Was allein dort an Maschinenölen in der Werkshalle auslief, kann sich hier keiner vorstellen. Und das waren keine geplatzten Hydraulikschläuche, sondern leckende Maschinen chinesischer Bauart die einfach ihren Saft während des Betriebs verloren hatten. Dort waren ca. 300 Liter Maschinenöl auf einer Fläche von 300 m2 konzentriert und die (Fremd) Angestellten liefen z.T. barfuß dort durch. In Indien ist gerade das Thema Arbeitsschutz aktuell, Umweltschutz kommt später.
MHB 11.06.2017
3. Wundert nicht wirklich
... dass Indien ein ziemlicher Schmutzberg ist, das habe ich mir von einem Miturlauber in einer Gruppenreise bestätigen lassen, der dringend davon abriet, die hinzureisen. Ein Land in dem 80% der Menschen ihre Notdurft im freien verrichten, da muss man sich über die beschriebenen Zustände nun wirklich nicht wundern. Und zum Thema "Silikon Valley" in Indien : viele Firmen wenden sich mit Graus inzwischen wieder ab von den Indern ... könnte ich nun weiter ausführen, aber ist schon spät. Es scheitert im IT-Umfeld in diesem Falle nahezu immer an entweder an Unfähigkeit zum eigenständigen Arbeiten ( es muss quasi jede Funktion eines Programms bis ins kleinste Detail spezifiziert sein vom Auftraggeber) oder an schlich nicht möglicher Kommunikation auf Englisch ( was viele Inder darunter verstehen ist leider nicht international kompatibel). Aus erster Hand in einem international tätigen Unternehmen mit 100.000+ Mitarbeitern beschrieben bekommen ..
_Grunzi_ 11.06.2017
4. Microsoft und IBM ..
Gibt es da keine besseren deutschen Beispiele? Ansonsten ist es dort wirklich so ... wobei ich Delhi als schlimmer empfand :-(
roflem 11.06.2017
5. Bangalore ade´
Ich war 10 Jahre lang regelmässig in Bangalore, es war bis 2006 immer die Großstadt mit der besten Luft von allen Großstädten in Indien, das war schon ab 2007 vorbei. Eine offene Kanalisation und keine Kläranlagen, dazu die 2Takter Rikshas überall, das hält die schönste Hillstation nicht lange aus. Mein geliebtes Jayanagar und die riesigen alten Baumalleen....schade....
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