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Basejumper am World Trade Center: Die Faszination des Turms

Von , New York

AFP

Abenteurer haben erneut das One World Trade Center erklommen, es ist schon die zweite Aktion dieser Art. Das offenbart nicht nur schwere Sicherheitsmängel am höchsten Wolkenkratzer der USA - sondern auch, dass Rekordbauten Wahnwitz provozieren.

491 Meter über dem nächtlichen Manhattan: Lichter bis zum Horizont. Ein Schatten über der Dachkante, ein Mann zählt zögernd: "Drei… zwei… eins." Dann springt er, verschwindet im Nichts wie eine Fledermaus. Der Träger der Helmkamera stürzt hinterher; sein Atem keucht, während er dem Erdboden zurast.

Das wahnwitzige Video erzielte auf YouTube bisher mehr als 1,3 Millionen Klicks. Seine Urheber fanden jetzt ein weniger freundliches Publikum: Am Montag wurden sie wegen Einbruchs und "Springens von einem Bauwerk" angeklagt. "Diese Männer haben das Gesetz gebrochen", schimpfte Polizeichef Bill Bratton.

Brattons Zorn gilt den Basejumpern James Brady, Marko Markovich und Andrew Rossig: Die hatten im September 2013 nachts um drei das fast fertige Dach des One World Trade Center erklommen, des höchsten Wolkenkratzers der westlichen Hemisphäre. Sie sprangen mit Fallschirmen ab, landeten auf der Straße und verschwanden ebenso lautlos wieder. Überwachungskameras erfassten nur drei Silhouetten, die vom Himmel fielen.

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Erst jetzt, sechs Monate später, wurde das Rätsel gelöst: Das Trio hatte das angeblich sicherste Gebäude der Welt geknackt, während ein Vierter Schmiere stand. Geführt von Brady, der auf der Baustelle arbeitete, krochen sie durch ein Loch im Bauzaun, schlichen sich bis in den 105. Stock und von dort aufs offene Dach.

Es blieb nicht der einzige Stunt dieser Art. Mitte März wand sich der 16-jährige Justin Casquejo ebenfalls nachts durch ein Loch im Zaun. An einem Wärter und einem Fahrstuhlführer vorbei schaffte auch er es nach oben: "Weit weg von zu Hause", twitterte er.

"Wir sind da einfach reinmarschiert"

Die Vorfälle offenbaren schwere Sicherheitslücken am kostspieligsten, symbolträchtigsten und meistgefährdeten Bauwerk Amerikas. Das One World Trade Center - 541 Meter samt Mast - steht auf dem Gelände der bei den 9/11-Anschlägen zerstörten Twin Towers. Im Sommer soll der vier Milliarden Dollar teure Glas- und Stahlturm eröffnet werden - als eine für Unbefugte angeblich uneinnehmbare Festung.

40 Millionen Dollar hat allein das gekostet. 90 Zentimeter dicke Wände, ein bombensicheres Betonpodest, elektronische Sperren: Angst vor dem Terror machte den Turm zum Bunker - "ein grotesker Versuch, die unterschwellige Paranoia zu vertuschen", so Nicolai Ouroussoff, der Architekturkritiker der "New York Times".

Doch noch scheint das Sicherheitssystem löchrig. "Wir sind da einfach reinmarschiert", erzählte Rossig der "New York Times", selbst fast ungläubig. Peinlich für die federführende Hafenbehörde Port Authority, deren Sicherheitschef Joseph Dunne sich windet: "Wir überprüfen unsere Sicherheitslage an der Baustelle ständig."

Zugleich zeigen die Zwischenfälle, welch mythische Faszination dieser Koloss schon jetzt ausübt. Das Gebäude hat für Hasardeure einfach Sex-Appeal: Wie das alte Word Trade Center, das in seiner 31-jährigen Geschichte zahllose Tausendsassas zu oft illegalen Abenteuern verlockte, fordert auch das neue One World Trade Center den Wagemut heraus.

Mensch gegen Monument, mit oft identischer Motivation: Überwindung physischer und psychischer Grenzen, Selbstbestätigung - Freiheit. Als einen "friedlichen, ruhigen Moment" beschrieb Basejumper Rossig sein Erlebnis. "Es ist ein Blick auf die Welt von einem Ort, den die meisten Menschen nicht zu sehen bekommen."

Einladung zu gefährlichem, atemberaubendem Spiel

Schon das alte WTC "inspirierte heroische und gelegentlich wahnwitzige Bemühungen", die bauliche Monumentalität "mit menschlichen Maßstäben zu kontern", schrieb Eric Darton in "Divided We Stand", einer "Biografie" der Twin Towers. "Einige sahen die Maßlosigkeit des World Trade Centers als Einladung zu gefährlichem, atemberaubendem Spiel."

Der Bekannteste war der Hochseilartist Philippe Petit, der 1974 über ein Seil zwischen den Twin Towers balancierte. "Es war furchterregend", gab der Franzose später im Fachblatt "Psychology Today" zu. Der US-Dokumentarfilm "Man on Wire" über die Gratwanderung gewann 2009 einen Oscar.

1975 sprang Owen Quinn mit einem Fallschirm vom Nordturm, aus Protest gegen "das Leid der Armen". Auf seinem T-Shirt ein Bibelspruch: "Bei Gott sind alle Dinge möglich." Der Fallschirm öffnete sich erst im letzten Moment.

Basejumping - der mitunter tödliche Sprung von Objekten wie Türmen - wurde erst später richtig populär, nicht nur in New York. Ob die Petronas Towers in Kuala Lumpur, Taipei 101 in Taiwan oder Burj Khalifa in Dubai, das höchste Gebäude der Welt: Nichts reizt offenbar mehr als architektonische Höhenluft.

Andere versuchen das inzwischen touristisch auszunutzen: Der KL Tower in Kuala Lumpur veranstaltet Basejumping-Events, der CN Tower in Toronto offeriert einen nur mit Seilen gesicherten "Spaziergang am Abgrund" über eine schmale Gangway, der Sky Tower im neuseeländische Auckland Bungee-Sprünge aus 192 Metern Höhe, für umgerechnet 140 Euro.

Die jüngsten New Yorker Basejumper ziehen den privaten, kostenlosen Nervenkitzel vor. "Wir wollten das nie öffentlich machen", sagte Rossig. "Niemand sollte davon erfahren."

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