Beat-Messias Bristol feiert den Breakdance-Jesus

Wer derzeit durch Stokes Croft in Bristol schlendert, könnte vom Sohn Gottes geblendet werden. Umrahmt von leuchtendem Gold vollführt Jesus hier auf einer achteinhalb Meter hohen Wand einen halsbrecherischen Move. Und blickt dabei irgendwie skeptisch drein.

Getty Images

Bristol - Der einarmige Handstand gelingt Jesus mit links. Die Beine sind perfekt gestreckt und neigen sich leicht nach rechts. Die Füße hat der Sohn Gottes geflext. Die rechte Hand hält er auf Kopfhöhe, als würde er im Gegenlicht in eine ferne Zukunft schauen. Ansonsten sieht der Erlöser aus wie ein spärlich bekleideter Hippie in der Fußgängerzone.

Zu bestaunen ist das Werk derzeit auf einer prosaischen Häuserwand eines 24-Stunden-Supermarktes in Stokes Croft in Bristol. Das Stadtviertel gilt als Zentrum für Kunst, Musik und kleine Shops, die den großen Ketten den Kampf angesagt haben. Überall sind hier Graffitis zu sehen, lokale Aktivisten haben sich zur "Volksrepublik von Stokes Croft" (PRSC) zusammengeschlossen.

Der Mann, der Jesus in Rapper-Pose auf eine achteinhalb Meter hohe Wand malte, heißt Cosmo Sarson. Vier Tage arbeitete der Künstler an seinem Projekt, das für so manchen Katholiken im Land offenbar ein Ärgernis darstellt. Ein Kilo Goldglitzer ging für den Hintergrund drauf.

Die Darstellung ist eine Reminiszenz an eine wirkliche Begebenheit: Im Jahr 2004 tanzten polnische Breakdancer vor Papst Johannes Paul II. in Rom. Der damals bereits 83-jährige Pontifex zeigte sich angetan von der Performance seiner Landsleute: "Für diese kreative harte Arbeit segne ich euch von Herzen", sagte er und applaudierte dem Trio. "Künstlerisches Talent ist eine Gottesgabe und wer immer es in sich entdeckt, hat eine gewisse Verpflichtung: zu wissen, dass er sein Talent nicht verschwenden darf, sondern es entwickeln muss."

Die Wandmalerei soll die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen thematisieren. "Der Breakdance-Jesus repräsentiert alles, worauf Bristol stolz sein kann", sagte Jamie Pike von der Galerie "The Canteen" anlässlich der Enthüllung des Werks. "Wir haben eine stolze Tradition der religiösen Toleranz, eine unglaubliche kulturelle Vielfalt und eine kreative Geschichte."

Der tanzende Handstand-Jesus wird noch zwei Jahre lang in Stokes Croft zu bestaunen sein.

ala

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