Bedrohte Tierarten "Es gibt nicht genug Platz für den Menschen und andere Tiere"

Früher drehte Nick Brandt Musikvideos für Michael Jackson oder Moby. Dann wurde er Fotograf. An seinen neuen Bildern hat er zweieinhalb Jahre mit Hunderten von Komparsen gearbeitet.

Nick Brandt/ Courtesy of Atlas Gallery/ Waddington Custom, London

Ein Interview von Florian Sturm


Zur Person
  • privat
    Der Londoner Nick Brandt, Jahrgang 1964, studierte Malerei und Filmkunst an der Saint Martin's School of Art. Er arbeitete mehrere Jahre als Regisseur, unter drehte er das Musikvideo zu Michael Jacksons "Earth Song" in Tansania. Brandt verliebte sich sofort in diese Region, ihre Flora und Fauna. Kurze Zeit später wechselte er das Medium - vom Bewegtbild zur Fotografie. Seither hat er mehrere Bildbände veröffentlicht, deren zentrales Thema stets der Niedergang der Natur ist. 2010 war er Mitgründer der Big Life Foundation, die sich für Naturschutz und gegen Wilderei in Ostafrika einsetzt. Brandt lebt mit seiner Frau in den Bergen nördlich von Los Angeles.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brandt, Ihre Fotoserie "This Empty World" zeigt Bilder mit zig Menschen - und dazwischen ein paar Elefanten, eine Giraffe oder ein Nashorn. Was wollen Sie vermitteln?

Nick Brandt: Wenn die Leute an aussterbende Tiere in Afrika denken, haben sie meist die Wilderei vor Augen. Das viel größere Problem ist aber der schwindende Lebensraum der Tiere. Die Gründe dafür sind menschengemacht, etwa die industrielle Entwicklung oder Kriege. Es gibt einfach nicht genug Platz für den Menschen und andere Tiere.

SPIEGEL ONLINE: Die Personen auf den Fotos, sind sie Opfer oder Täter?

Brandt: Ich wollte sie keinesfalls als Angreifer darstellen. Zwar sind sie für Wildtiere irgendwie bedrohlich, die meisten sind aber selbst Opfer. Sicher gibt es Wilderer, die Tiere aus Geldgier töten. Doch die meisten Leute wollen nur überleben.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind dann die Täter?

Brandt: Sie zu zeigen ist leider unmöglich: Industrielle, Politiker und Wirtschaftsoligarchen - all jene, denen es in erster Linie um Profit geht und nicht um Prinzipien oder den Erhalt der Natur.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Bilder entstanden?

Brandt: Jedes Foto zeigt eine künstliche, von uns eigens angefertigte Kulisse. Die finalen Bilder sind aus mehreren Einzelaufnahmen - manchmal liegen mehrere Wochen dazwischen - zusammengesetzt. Bei 40 der 45 Motive waren die Kameras dauerhaft an einer festen Position installiert und wurden nicht bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Aufnahmen mit den Wildtieren gestellt?

Fotostrecke

10  Bilder
"This Empty World": Wenn Lebensräume zubetoniert werden

Brandt: Zuerst haben wir einige Teile der Kulisse inklusive Kameras in freier Wildbahn aufgebaut. Selbstverständlich nicht in einem Naturschutzgebiet, sondern unweit des Amboseli-Nationalparks. Während der nächsten Wochen und Monate konnten sich die Tiere an diese künstliche Umgebung gewöhnen und in den Bildausschnitt laufen, wo die Kameras automatisch auslösten. Sobald die Tiere fotografiert waren, bauten wir den Rest - Brücken, eine Tankstelle, die Baustelle für einen Highway - um dort weitere Aufnahmen mit unzähligen Komparsen zu machen. Am Ende, und das ist für mich enorm wichtig, haben wir alles, was wir verwendeten, recycelt und das Land so zurückgelassen, wie wir es vorgefunden haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Kameras waren monatelang im Einsatz. Welche Vorbereitungen waren dafür nötig?

Brandt: Kollegen haben uns gesagt, dass Elefanten versuchen würden, alles umzuschmeißen, was sie finden. Um das zu verhindern, befestigten wir Nägel außen an den Kameraboxen. Und Hyänen kauen gern auf elektrischen Kabeln herum. Also mussten wir alles unterirdisch verlegen. Die Logistik für die Kulissen war gigantisch. Kameras und Blitze aufbauen, Leitungen verlegen, Wasserlöcher und Tanks installieren - all das dauerte pro Kulisse etwa eine Woche.

SPIEGEL ONLINE: Und dann zog sich die Produktion auch noch über zweieinhalb Jahre. Das ist ein wahnsinniger Aufwand!

Brandt: Es war definitiv das härteste Projekt, das ich oder meine Crew jemals angefasst haben. Nach der sechsmonatigen Fotoproduktion war mein Assistent 14 Kilo leichter. Zwei Monate konnten wir nur nachts arbeiten. Das war grauenvoll. Wir haben bewusst in sehr trockenen, erodierten Gegenden fotografiert. Staub. Überall und immer. Nicht nur während der Sandstürme, die wir aushalten mussten. Du hast die Linse der Kameras gesäubert, doch ehe du auslösen konntest, lag über allem schon wieder eine Staubschicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "This Empty World" aus eigener Tasche finanziert. Ist das nicht ein großes Wagnis?

So entstanden die Bilder: Die Kameras waren fest positioniert, per automatischem Auslöser hielten sie vorbeistreifende Tiere fest. Dann wurden Kulissen in die leere Szenerie gebaut, wo schließlich die Komparsen auftraten. Die Position der Kameras blieb dabei meist unverändert. Der Aufbau erinnert eher an ein Filmset.
Nick Brandt / Courtesy of Atlas Gallery / Waddington Custom, London

So entstanden die Bilder: Die Kameras waren fest positioniert, per automatischem Auslöser hielten sie vorbeistreifende Tiere fest. Dann wurden Kulissen in die leere Szenerie gebaut, wo schließlich die Komparsen auftraten. Die Position der Kameras blieb dabei meist unverändert. Der Aufbau erinnert eher an ein Filmset.

Brandt: Ja, aber das war großartig, weil du niemandem Rechenschaft ablegen musst. Du kannst komplett dein Ding machen, ohne, dass jemand dazwischenfunkt. Der Nachteil ist... dass du alles bezahlst. (Lacht.) Ich habe das ursprünglich kalkulierte Budget um das Doppelte überschritten und musste Kredite aufnehmen, um alles zu finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum lag die Kalkulation so weit daneben?

Brandt: Ein Beispiel: Einmal hatten wir diese riesigen Generatoren aus Nairobi herangeschafft, doch dann konnten wir an dem Tag nicht fotografieren. Obwohl kein einziges Foto an diesem Tag entstand, kostete er mich 35.000 US-Dollar. Die Ausrüstung, die Crew, die Komparsen, das Catering - all das muss bezahlt werden.

SPIEGEL ONLINE: Vor Ihrer Fotografenkarriere waren Sie etliche Jahre als Regisseur aktiv. Haben Sie davon bei "This Empty World" profitiert?

Brandt: Ich wusste beispielsweise, wie man mit einer großen Crew agiert. Bei "This Empty World" waren schließlich manchmal mehrere Hundert Leute am Set. Auch im Umgang mit Filmlichtern war ich schon versiert.

SPIEGEL ONLINE: Es ist nicht das erst Mal, dass sich die Produktion Ihrer Fotos jahrelang hinzieht. Haben Sie manchmal Angst, jemand könnte kurz vor Ihnen mit genau der gleichen Idee an die Öffentlichkeit gehen?

Brandt: Ich bin tatsächlich etwas paranoid. Auch deshalb schaue ich während einer Produktion kaum, ob es etwas Ähnliches gibt. Ich muss mit diesem Risiko leben, nach zwei Jahren und einer Million Dollar Produktionskosten vielleicht nichts exklusiv Neues mehr zu haben. Schließlich gibt es bei jeder Idee die Möglichkeit für eine billige Kopie...

SPIEGEL ONLINE: ...in Ihrem Fall, alles mit Photoshop zu erstellen.

Brandt: Genau. Auch deshalb will ich nicht, dass die Leute davon mitbekommen. Jeder, der bei "This Empty World" involviert war, musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Das waren mehrere Hundert Leute.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass Sie keine Kompromisse als Künstler eingehen wollen. Was bedeutet das konkret?

Brandt: Selbst wenn 90 Prozent der Leute deine Bilder nicht anschauen, solltest du nicht ändern, was du machst. Investiere deine Zeit und Energie für die Leute, denen deine Arbeit etwas wert ist. Egal wie klein oder groß diese Gruppe ist. Ich habe kein Interesse, meine Bilder für Leute zu verändern, die sie nur im Briefmarkenformat auf einem Smartphone betrachten.

ANZEIGE
Nick Brandt:
This Empty World

Thames & Hudson; 128 Seiten; 40,19 Euro

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen auf Instagram an.

Brandt: Ja. In meinen Augen ist es zwar die wichtigste visuelle Plattform - aber gleichzeitig die mit Abstand schlechteste.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Brandt: Komplexe Bilder haben dort keine Chance. Alles wird dort visuell vereinfacht. Meine Fotos leben zu großen Teilen von den Gesichtsausdrücken der Protagonisten. In so kleinen Formaten wie bei Instagram siehst du davon nichts.

SPIEGEL ONLINE: Wie laden Sie Ihre Batterien während so einer kräftezehrenden Produktion wieder auf?

Brandt: Gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt dann Ihre ganze Energie?

Brandt: Besessenheit. Kummer. Das nahende Ende unserer Erde. Wie Sie sehen, bin ich ein ziemlich trostloser Kerl.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
huuhbär 16.02.2019
1. Für Mensch und Tier gibt es nicht genug Platz auf dem
Planeten Erde. Wer anderen Lebewesen die Lebensgrundlage raubt. Vernichtet auf Dauer die eigene. Ob die Mehrheit der Menschheit das noch begreifen wird. Ich glaube eher nicht.
hansulrich47 16.02.2019
2. Abolut richtig! Es gibt zu viele Menschen!
Wenn über den Klimawandel geredet wird, wird in 99% der Fälle die Haupturasche vergessen, das extreme Bevölkerungswachstum. Der Lebensraum der Tiere in Afrika ist von der Bevölkerung bedroht. Es regnet nicht mehr am Kilimanjaro, weil die Wälder von Bauern am Fuss des Berges abgeholzt wurden. Es wird deshalb auch schon bald keine ziehendfen Herden mit Antilopen und Gnus geben. Es wird höchste Zeit das Wachstum zu begrenzen. Nachhaltig können vielleicht 4 Milliarden Menschen auf dieser Erde leben. 8 oder 10 Miilliarden sicher nicht, es sei denn die Menschheit verzichtet auf das, was wir als "normalen" Luxus gewöhnt sind. z. B. Auto, Urlaub, Handy, Haustiere usw. Da das nicht denkbar ist, bleibt nur, die Zahl der Menschen endlich durch Geburtenkontrolle zu begrenzen. Wenn China nicht die Ein-Kind-Familie eingeführt hätte, gäbe es dort keinen Wohlstand, sondern Hunger und Arbeitslosigkeit für sehr viele, wie in Indien. Aber das kapieren ja unsere Entwicklungshilfe-Minister seit Jahrzehnten nicht!
wannbrach 16.02.2019
3.
Das größte Problem für die Tierwelt in Afrika ist der ungebremste Bevölkerungsanstieg der die Umwelt bedroht und wegen mangels von Arbeitsplätzen zum Wildern verleitet und zum Abholzen der Wälder führt
Beccaria 16.02.2019
4. Beschämend ist es schon,
dass das im Grunde wichtigste Thema für die Zukunft unserer Erde so stiefmütterlich behandelt wird . Nicht Klimawandel oder andere Probleme sollten im Vordergrund stehen , sondern die ungebremste Bevölkerungszunahme. Dem Foristen, der unsere fehlgeleitete Entwicklungspolitik kritisiert, ist daher voll zuzustimmen ( aber offenbar mit Rücksicht auf die kath. Kirche unterbleiben solche Projekte).
salomon17 16.02.2019
5. Seit fast 50 Jahren!
(Club of Rome: Grenzen des Wachstums, 1972) Das Problem ist seit einem halben Jahrhundert bekannt, geschehen ist NICHTS. Die Ursachen dafür sind vielfältig, zeigen aber alle in eine Richtung: Unsere Spezies ist nicht zur Selbstbeschränkung fähig, weil jeder befürchtet, andere hätten mehr. Hätten wir (die Reichen dieser Welt) dem Rest der Welt weniger genommen und mehr gegeben, wäre der Trend, weniger Kinder in die Welt zu setzen, ein weltweiter geworden. Aber wir mussten ja die " dritte Welt" für uns nutzen: als Rohstoffreservoir, als Absatzmarkt und jetzt als Müllhalde. Chancen für deren eigene Entwicklung haben wir ihnen nicht gelassen. Wir wurden immer reicher, die immer ärmer. Auch den Klimawandel haben hauptsächlich wir verursacht, lassen die Zeche aber andere bezahlen. Wer nun glaubt, wir kämen davon, der irrt sich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.