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Folteropfer aus Kamerun: Joels lange Reise

Von Sophia Münder

Er wurde verhaftet und gefoltert, floh aus Kamerun nach Deutschland: Jahrelang lebte Joel Nyom schwer traumatisiert in Flüchtlingsheimen. Doch er fand Hilfe und den Weg zurück ins Leben. Die Geschichte eines Mannes, der nicht aufgab.

Berlin - Joel Nyom* war erst 18 Jahre alt, als er in ein Foltergefängnis gesperrt wurde. Er hatte in seiner Heimat Douala, Kamerun, für bessere Bildungschancen demonstriert. Die Veranstaltung sei friedlich gewesen, erzählt Nyom heute. Doch dann sei das Militär auf die Demonstranten losgegangen. Nyom wollte fliehen, aber er war zu langsam. Er wurde verhaftet und wochenlang eingesperrt. Die Tage im Gefängnis veränderten sein Leben.

Was ihm im Gefängnis angetan wurde, kann Nyom auch 14 Jahre später nicht beschreiben. Er stockt, sein Blick fällt auf seine Hände in seinem Schoß. Er knibbelt an den Fingernägeln. Nyom sitzt in einem Therapiezimmer im Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) in Berlin-Moabit. Vor fünf Jahren ließ er sich hier erstmals behandeln, um die Folgen der Folter zu verarbeiten.

Nyom ist 32 Jahre alt, rund 1,70 Meter groß, athletisch gebaut. Er trägt eine dunkelbraune Lederjacke. Seine Haare sind kurz geschoren, sein Blick ist offen und freundlich. Er macht ruhige Bewegungen, wenn er erzählt. Nur manchmal hält er kurz inne und sucht nach Wörtern.

"Folteropfer verlieren den Glauben an das Gute im Menschen"

Etwa 450 Überlebende von Folter und Kriegsgewalt kommen jedes Jahr ins bzfo. Hier können sie sich medizinisch und psychotherapeutisch behandeln lassen. "Folteropfer verlieren den Glauben an das Gute im Menschen", sagt Matthias Polifka, Nyoms Psychotherapeut. Die Therapie soll den Patienten helfen, ihr zerstörtes Vertrauen wieder herzustellen. Sie sollen einen Weg finden, weiterzuleben.

Nyom hat einen Weg gefunden, aber es liegen Jahre voller Unsicherheit und Heimatlosigkeit hinter ihm. So wie er sie erzählt, hat sich seine Geschichte nach der Festnahme folgendermaßen zugetragen.

Drei Wochen harrt Nyom nach der Demonstration in dem Foltergefängnis aus. Erst dann gelingt es seiner Mutter, einen Gefängniswärter zu bestechen. Sie bringt Nyom in eine Wohnung, nicht weit von seinem Zuhause entfernt. Sie besorgt ihm ein Flugticket nach Deutschland und einen Diplomatenpass. Wie sie das schafft? Er habe sich nicht getraut, danach zu fragen, woher das Geld für seine Flucht kam, sagt Nyom. Seine Familie sei nicht reich gewesen. Als er seine Heimat verlässt, hat er nur eine Sporttasche dabei. Darin ein T-Shirt, ein Pullover, eine Hose. Im März 2001 landet er in Berlin und beantragt Asyl.

"Kamerun ist eines der wenigen afrikanischen Länder, das noch keine Demokratie-Versuche gezeigt hat", sagt Sebastian Elischer vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien. Seit 32 Jahren wird das Land von Paul Biya regiert. Eine Verfassungsänderung erlaubte ihm, bei den Wahlen 2011 erneut anzutreten. Biyas Regierung wird laut Elischer durch einen starken Sicherheitsapparat gestützt. Aufstände würden sofort niedergeschlagen, in den Gefängnissen werde gefoltert.

Neunjährige Odyssee durch Asylbewerberheime

Nyom erzählt nach der Landung in Berlin bei seiner Asyl-Anhörung von der Folter, doch sein Antrag wird abgelehnt. Er erhält eine Duldung und klagt für eine Aufenthaltsgenehmigung.

Es folgt eine rund neunjährige Odyssee durch Asylbewerberheime: Eisenhüttenstadt, Jüterbog, Ludwigsfelde, Luckenwalde. Nyom will arbeiten, aber er darf nicht. Den Landkreis des jeweiligen Asylbewerberheims darf er nicht verlassen. "Du denkst, du bist endlich frei. Aber du wirst wieder in ein Gefängnis gesteckt", erinnert er sich. Er schläft in einem 20 Quadratmeter großen Zimmer mit sechs oder sieben anderen Menschen. In seinem Kopf die Flucht aus Kamerun. Und die Folter.

In Jüterbog wird Nyom 2004 auf dem Heimweg zum Asylbewerberheim von Neonazis überfallen und schwer verletzt. Die Angst kommt wieder: Nachts träumt er, die Täter stünden vor seiner Tür. Er kann nicht mehr schlafen, traut sich nicht mehr aus dem Zimmer. Er bekommt Panikattacken, begibt sich in erste Therapien.

Nur langsam geht es anschließend aufwärts. 2008, sieben Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland, erhält Nyom eine Arbeitserlaubnis. Tagsüber putzt er in einem Hotel, nachts im Supermarkt. Dass er auch ein Recht auf einen freien Tag in der Woche hat, sagt ihm zunächst niemand.

2009 bekommt er den Kontakt zum bzfo. "Menschen, die gefoltert wurden, fühlen sich wieder in die traumatische Situation zurückversetzt. Sie glauben, der Angreifer wäre da", sagt Therapeut Polifka. Der Neonazi-Überfall habe bei Nyom posttraumatische Belastungsstörungen ausgelöst.

Mit der Zeit fasst Nyom wieder mehr Lebensmut. Das bzfo bescheinigt ihm, dass eine Abschiebung in sein Heimatland seinen Gesundheitszustand verschlechtern würde. 2010 bekommt er schließlich eine befristete Aufenthaltsgenehmigung aus humanitären Gründen. Sie gilt bis heute. "Ohne die Therapie weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre", sagt Nyom.

Wenn seine Töchter größer sind, will er erzählen

Inzwischen hat er eine Ausbildung als Thermit-Schweißer abgeschlossen und er hat eine Familie: Seine Freundin ist Kamerunerin, seine zwei Töchter sind drei und fünf Jahre alt. Nachmittags holt er die jüngere von der Kita ab. Vorsichtig hebt er sie vor sich auf die Anrichte und zieht ihr die Winterkleidung an. Sie legt die Arme um seinen Hals. "Hast du wieder Papa gemalt?", fragt er. "Ja", sagt sie. Er wickelt einen dunkelblauen Schal um ihren Hals, stülpt ihren Händen kleine hellblaue Fausthandschuhe über. "Sie malt mich gern. Mit dickem Kopf und langen Ohren", sagt er und lacht. Dann hebt er sie von der Anrichte auf den Boden und führt sie an der Hand nach draußen.

Alle paar Monate kommt er noch zur Nachsorge ins bzfo. Er hat seine Erinnerungen verarbeiten können, die Flashbacks sind weniger geworden.

Nur manchmal fragt er sich, was aus den Gefangenen geworden ist, die mit ihm in Kamerun einsaßen. Wenn seine Töchter größer sind, will er ihnen erzählen, warum er sein Heimatland verlassen hat.

*Name von der Redaktion geändert

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