Behinderte Flüchtlinge in Deutschland Saddads Odyssee

Was geschieht mit Flüchtlingen, die nicht nur Asyl in Deutschland suchen, sondern auch medizinische Hilfe brauchen? Viele kranke und behinderte Menschen harren in Unterkünften aus, die nicht für sie geeignet sind. So wie Saddad, dies ist seine Geschichte.

Von Susanne Böllert

Sabeen und ihre Familie: Das lange Warten auf Hilfe
Susanne Böllert

Sabeen und ihre Familie: Das lange Warten auf Hilfe


Saddad litt immer wieder unter Sehstörungen, er hörte auch immer häufiger schlecht, dazu kam Schwindel, das Sprechen fiel schwer, er stürzte hin und wieder, weil sein Körper ihm nicht gehorchte. Dann, er war zehn Jahre alt, bekam sein Leiden einen Namen: Niemann-Pick Typ C, eine äußerst seltene Stoffwechselkrankheit.

Als die Diagnose vor rund zehn Jahren gestellt wurde, lebten Saddad und seine Familie noch in Jordanien, sie sind Palästinenser. 2010 fand der Vater Arbeit in Abu Dhabi, die Familie folgte ihm. Saddads Zustand verschlechterte sich weiter, nach zwei Jahren saß er im Rollstuhl, begriff und erinnerte sich an immer weniger. Seine Mutter Wedad gab ihre Arbeit als Friseurin auf, um ihn besser pflegen zu können. Ärztliche Versorgung, Therapien, Medikamente - nichts davon gewährten die Emirate dem schwerkranken, ausländischen Jungen.

Eine Hilfsorganisation brachte die Familie schließlich mit einem Münchner Spezialisten für die Erbkrankheit in Kontakt. Der Arzt empfahl Zavesca - das Miglustat-Präparat ist als einziges Medikament gegen Niemann Pick in Deutschland zugelassen. Es lindert die Symptome und verzögert den Krankheitsverlauf. Kosten: knapp 10.000 Euro pro Monat.

Warum die Familie ohne den Vater aufbrach

Ein Jahr lang bezahlte die Organisation das Medikament. Dann erkrankte auch Saddads jüngerer Bruder Edad. Als die Familie auch für ihn um das wichtige Medikament bat, wurden die Zahlungen gestoppt.

So schildert es Sabeen, die Schwester der beiden kranken Jungen. Die 18-Jährige sitzt in einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber im Münchner Norden. Sie erzählt die Geschichte ihrer Familie, die in Deutschland auf Hilfe hofft und dafür alles aufs Spiel setzte. Ihre Geschichte ist die einer Odyssee, bei der bis heute unklar ist, ob sie ein gutes Ende findet.

Sie begann im Juli 2014. Die drei Kinder und ihre Mutter flogen nach Hamburg, das Geld für die Tickets kam von Freunden der Familie. In Deutschland würden Ärzte ihnen helfen, sobald sie ein Flüchtlingscamp erreicht hätten. So hatten es Bekannte der Mutter versichert, die schon länger in Hamburg lebten. Der Vater blieb zurück, er durfte seinen Job nicht riskieren. Sie haben ihn seither nicht mehr gesehen.

Laut Handicap International Deutschland machen chronisch kranke oder behinderte Menschen inzwischen 10 bis 15 Prozent aller Asylsuchenden hierzulande aus. Der Gesundheitszustand vieler verschlechtere sich auf der beschwerlichen Flucht weiter, sagt Ricarda Wank.

Monatelange Ungewissheit

Seit zwölf Jahren leitet sie das Projekt ComIn von Handicap International, das behinderten Asylbewerbern in München den Zugang zu Bildung sowie therapeutischer und medizinischer Versorgung erleichtert. In den vergangenen Monaten seien deutlich mehr behinderte Menschen etwa aus Syrien nach Deutschland gekommen, vor allem Schwerst- und Mehrfachbehinderte, darunter viele Kinder.

So groß die Hoffnung der Betroffenen häufig ist, so wenig wissen sie meist über die rechtlichen Ansprüche, die Asylbewerber in Deutschland auf medizinische Versorgung haben. Auch Saddads Familie hatte nie zuvor vom Asylbewerberleistungsgesetz gehört: Es sieht für Asylsuchende eine Krankenversorgung nur bei akuten Erkrankungen oder zur Linderung akuter Schmerzen vor. Edad und Saddad leiden keine Schmerzen, Niemann-Pick ist nicht akut, sondern schleichend.

Zwar beträgt die durchschnittliche Verfahrensdauer für Asylanträge, die von 2013 an gestellt wurden, laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nur noch knapp fünf Monate. Doch Sabeen kann auch acht Monate nach ihrer Landung in Hamburg nur berichten, dass das Verfahren ihrer Familie noch läuft. In Hamburg habe man ihnen geraten, nach München zu reisen, dort sei die medizinische Versorgung viel besser, erzählt sie in brüchigem Englisch. Wer das erzählt hat? Jemand vom "Government", antwortet sie unsicher.

Mit dem Zug fuhren die vier nach München und lebten zunächst zweieinhalb Monate in Münchens Erstaufnahmeeinrichtung: Zweieinhalb Monate in einem winzigen Zimmer - ohne ärztliche Versorgung. Damals war die alte Bayernkaserne mit 2400 Flüchtlingen zeitweise um das Doppelte überbelegt, doch auch bei Normalauslastung ist sie für behinderte Menschen ungeeignet. "Das Haus ist nicht barrierefrei, Rollifahrer sind völlig aufgeschmissen", sagt Karlotta Brietzke, die sich als Sozialarbeiterin der Inneren Mission um die Flüchtlinge kümmert.

Die Mutter trug den Sohn zur Toilette

Als im Oktober immer mehr Flüchtlinge nach München kamen, verlegte die Regierung von Oberbayern die Menschen aus der Bayernkaserne in Außenstellen. Saddad und seine Familie landeten in einem alten Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck. Sie bekamen zwei Stockbetten in einer mit 80 fremden Menschen überfüllten Halle irgendwo im Wald. Keine Sozialbetreuung, keine Ärzte, keine Intimsphäre. Dafür Wachdienste und das Noro-Virus. Musste Saddad aufs Klo, trug ihn seine Mutter auf dem Rücken eine steile Steintreppe zu den Toiletten herunter. Einmal schlug er sich dabei das Knie auf. Nicht richtig desinfiziert, eiterte die Wunde stark.

Auf Drängen von Sozialarbeiterin Brietzke wurde die Familie in das Münchner Ankunfts- und Transferzentrum verlegt. Dort hatte sie wieder ein Zimmer für sich und nebenan ein barrierefreies Klo. Den Großteil des Tages verbrachte Saddad aber im Bett, verließ fast nie das Haus, die Stufen am Eingang waren ein großes Hindernis für seinen Rollstuhl. Eine Kantine gab es nicht, nur Essenspakete: Fisch aus der Dose, Wasser, Weißbrot. Die meisten Ankömmlinge verlassen das Transferzentrum nach 24 Stunden, um deutschlandweit auf Gemeinschaftsunterkünfte verteilt zu werden. Saddads Familie blieb zwei Monate und eine Woche.

So lange brauchten die Behörden, um eine geeignetere Bleibe zu finden: die ebenerdige Gemeinschaftsunterkunft mit heruntergekommenen, aber rollstuhltauglichen Toiletten und Duschen im Norden der Stadt. Karlotta Brietzke wundert die lange Suche nicht. "Es gibt eben keine behindertengerechten Unterkünfte in München." Gerade in den Erstaufnahmeeinrichtungen seien Menschen mit Handicap weder angemessen untergebracht noch adäquat versorgt, sagt auch Ricarda Wank: "Meist handelt es sich um alte Verwaltungsgebäude oder Containerbauten. Es fehlen Aufzüge, barrierefreie Räume, für Schwerstbehinderte zugängliche Toiletten."

Medikamente von einer Witwe

Für Saddad und Edad haben die Sozialarbeiterinnen der Inneren Mission inzwischen einen auf Stoffwechselkrankheiten spezialisierten Münchner Kinderarzt gefunden. "Die Miglustat-Therapie mit Zavesca muss bei dem Älteren dringend fortgesetzt werden", sagt Jochen Baumgärtner. Gerade für den Jüngeren sei das Medikament ungemein wichtig, um den Verlust an Nervenzellen zu verlangsamen. Ob die Behandlung den Brüdern das Leben retten kann? Das sei zumindest nicht auszuschließen, formuliert der Mediziner vorsichtig.

Erst wenn sie einen Aufenthaltstitel bekämen, wären die Brüder regulär krankenversichert. In mehreren Gutachten prüft das Münchner Gesundheitsamt derzeit, ob es dennoch die hohen Kosten für die medizinische Behandlung der Jordanier übernehmen will. Auch über die Kostenübernahme für Physiotherapien sowie einen Pflegedienst, der derzeit in Vorleistung geht und Mutter und Schwester stundenweise entlastet, ist noch nicht entschieden.

Unterstützung kam von der Niemann-Pick-Selbsthilfegruppe aus Baden-Württemberg. Die hatte im Internet vom Schicksal der Brüder erfahren und schickte vier Päckchen Zavesca. "Ein Mitglied ist kürzlich verstorben", erklärt Leiter Edmund Fabianski: "Seine Frau hat uns das Medikament extra für solche Notfälle zur Verfügung gestellt."

Vier Päckchen - die reichen für beide Brüder höchstens 24 Wochen lang. Ob das Gesundheitsamt bis dahin eine Entscheidung gefällt hat oder über den Asylantrag entschieden ist? Das bleibt ungewiss. Klar ist: Politisches Asyl wird der jordanischen Familie wohl nicht gewährt werden. Um dennoch eine Abschiebung aus humanitären Gründen zu verhindern, müsste sie nachweisen können, dass den Brüdern in ihrer Heimat eine "wesentliche Gesundheitsverschlechterung" drohen würde. Im vergangenen Jahr ist deutschlandweit 2079 Asylsuchenden ein solcher Nachweis gelungen.

Jochen Baumgärtner beschäftigt sich weniger mit Paragraphen und Gesetzen. Saddad und Edad schnellstmöglich zu behandeln ist für ihn ein "Prinzip der Menschlichkeit". Deutschland trage die Sorgfaltspflicht für die Brüder - auch schon jetzt, wo das Asylverfahren noch schwebe.

Wie ist die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen geregelt?
Wie ist die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen geregelt?
Das Asylbewerberleistungsgesetz regelt die Krankenversorgung von Asylsuchenden während des laufenden Verfahrens: Eine medizinische Versorgung, (zahn-)ärztliche Hilfe und sonstige erforderlichen Leistungen müssen nur bei akuten Erkrankungen sowie bei mit Schmerzen verbundenen Erkrankungen gewährt werden. In den meisten Bundesländern (bis auf Bremen und Hamburg) brauchen Asylsuchende - bis auf Notfälle - für jede Gesundheitsleistung, also auch für jeden Arztbesuch, erst eine Erlaubnis von den Sozialbehörden.
Wie läuft die Versorgung ab?
Hilfsmittel und Medikamente, die nicht der akuten Schmerz- oder Krankheitsbehandlung dienen, müssen bei längerfristigen und kostenintensiven Maßnahmen zusätzlich erst von einem Amtsarzt des Gesundheitsamtes bewilligt werden. Diese „sonstigen Leistungen“ werden nur gewährt, wenn dies „im Einzelfall zur Sicherung der Gesundheit unerlässlich“ ist. Die Prüfung kann einige Wochen dauern. Der Gesundheitszustand von chronisch kranken oder behinderten Menschen kann sich in dieser Zeit deutlich verschlechtern. Die Kosten übernehmen in der Regel die Kommunen, was besonders kleinere Städte und Gemeinden schnell überfordert. Oft gewähren sie deshalb nur Basisleistungen.
Bleibt das so?
Derzeit verhandeln Bund und Länder über die Ausweitung des „Bremer Modells“. Hier haben sich der Stadtstaat und die AOK 2005 auf die Herausgabe einer Chipkarte an Asylbewerber geeinigt, mit der diese ohne vorherige Behördengänge zum Arzt gehen können. Hamburg hat das Modell im Jahr 2012 übernommen. Es führte in beiden Städten zu einer wichtigen Kostenersparnis durch Bürokratieabbau.

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