Indien Bericht prangert Misshandlung behinderter Frauen an

Die Situation geistig behinderter und psychisch kranker Frauen in Indien ist katastrophal: Sie werden in unhygienischen, überbelegten Einrichtungen zwangsmedikamentiert und teilweise schwer misshandelt.

DPA/ Human Rights Watch

Neu-Delhi - "Schlechter behandelt als Tiere" lautet der Titel eines Berichts, den die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) jetzt veröffentlichte. Gemeint sind geistig behinderte oder psychisch kranke Frauen in Indien. Deren Situation ist den Menschenrechtlern zufolge desolat.

Laut landesweiten Erhebungen in 24 staatlichen und privaten Einrichtungen sind die Frauen schlecht versorgt und werden häufig zwangsbehandelt. In den Heimen herrschten untragbare hygienische Zustände, viele seien überbelegt. In allen von HRW inspizierten Einrichtungen hätten die Patientinnen Läuse gehabt, es mangele an Toiletten, auf der Straße die Notdurft zu verrichten, sei die Norm.

"Wir bekamen nicht einmal Handtücher. Wir mussten uns die Zähne mit Zahnpasta und Fingern putzen", berichtet eine 40-jährige Insassin, die nach einer Schizophrenie-Diagnose in eine staatliche Behinderteneinrichtung kam. "Alle zwei Tage bekamen wir frische Kleidung, und während sie gewaschen wurde, blieben wir nackt."

Viele Frauen sind körperlicher, verbaler und sexueller Gewalt ausgesetzt. Wollten sie sich dagegen wehren, höre ihnen keiner zu, sagte Studienleiterin Kriti Sharma. "Seit der Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi diskutiert das Land zwar über Gewalt gegen Frauen, aber behinderte Frauen verschwinden hinter verschlossenen Türen und werden nicht gehört", so Sharma.

"Hol mich hier raus!"

Mehr als 200 Personen wurden für den Bericht interviewt. Die Gewalt, der die Frauen ausgesetzt sind, ist erschütternd: "Pillen werden in Bananen versteckt oder ihnen mit Gewalt in den Hals gesteckt. Ich habe gesehen, wie Frauen tretend und um sich schlagend zur Elektroschocktherapie gezerrt wurden."

Immer wieder komme es vor, dass Familien die Frauen einfach in Heimen abladen, sagt Sharma. "Sie kommen aus einem anderen Teil Indiens und hinterlassen eine falsche Adresse und Telefonnummer." In den Einrichtungen würden Frauen mit psychosozialen oder intellektuellen Behinderungen als Verrückte beschimpft, geschlagen oder sexuell misshandelt. "In jeder Einrichtung kamen Frauen auf mich zugerannt und schrien: 'Hol mich hier raus!'"

Eine 46-jährige Hausfrau aus Mumbai war ihren Angaben zufolge einen Monat in einem privaten Heim - auf Grund welcher Diagnose, weiß sie nicht. "Als ich im Hospital aufwachte, sah ich nur Stacheldraht vor dem Fenster, alles war verschlossen." Die Medikamente, die man ihr zwangsweise verabreicht habe, hätten sie in eine Art Zombie verwandelt. "Meine Hand begann zu zittern, ich bekam Kopfschmerzen und stotterte. Immerzu schlief ich."

Zwar habe ihre Mutter nach ihr gesucht, der Ehemann aber ständig neue Ausflüchte gefunden, sie weiter im Heim zu verstecken. "Ich selbst konnte nicht raus, niemand hörte mir zu, sie stießen mich einfach zurück in mein Zimmer." Schließlich habe ihr Ehemann dem Drängen der Mutter nachgegeben.

Drei Psychiater auf eine Million Menschen

Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation kommen in Indien gerade mal drei Psychiater auf eine Million Menschen, ein Psychologe auf zwei Millionen Menschen. 28.000 Betten stehen in Anstalten und psychiatrischen Abteilungen zur Verfügung - bei einer Bevölkerung von 1,25 Milliarden. "Wir erkennen an, dass mentale Gesundheit ein vernachlässigtes Gebiet ist, von dem sogar die Gesundheitsexperten wenig wissen", räumt das indische Gesundheitsministerium ein. Die Programme würden weiter aufgestockt.

"In Indien leben mehr als 90 Prozent der Behinderten weiter in ihrer Familie, während es in westlichen Ländern viel weniger sind", sagt der Psychologieprofessor Sanjeev Jain, der am Nationalen Institut für Mentalgesundheit und Neurowissenschaften in Bangalore lehrt. "Aber wenn die Familie arm ist, hat sie oft kaum Geld für Pflege und Nahrung übrig." Viele Behinderte würden dann ausgesetzt. "Allein in der Hauptstadt Neu-Delhi sterben jeden Winter 8000 Obdachlose. Ich schätze, dass die Hälfte davon Behinderte sind."

ala/dpa

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