Umgang mit Behinderten in Pakistan Der Schrein der kleinen Köpfe

Seit Jahrhunderten leben in einem Sufi-Schrein im Nordosten von Pakistan Menschen mit zu klein geratenen Köpfen. Die Bettelmafia macht mit ihnen eine Menge Geld.

Diego Ibarra Sanchez/ DER SPIEGEL

Aus Gujrat, Pakistan, berichtet


Nadia schreit, wenn man sie zu lange anschaut. Ein kurzer, hoher Laut, durchdringend, schmerzhaft fast. Schnell wendet man den Blick ab. Dann lacht Nadia und lehnt sich zurück an ihr Kissen. Mit der linken Hand streicht sie immer wieder über die hölzerne Spendenbox neben ihr, als sei die das Kostbarste weit und breit, und schaukelt dabei ihren Oberkörper vor und zurück, als wolle sie sich beruhigen.

Täglich bleiben Tausende vor der Frau stehen, die da auf dem Boden im Schneidersitz ausharrt, stecken ein paar Münzen oder einen Schein in ihren Kasten und starren sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen an. Es sind Besucher eines berühmten Schreins in der Stadt Gujrat, im Nordosten von Pakistan, an der Grenze zu Indien. Er wurde zu Ehren des Sufi-Heiligen Shah Daulah gebaut, der im 17. Jahrhundert lebte.

Im Nordosten von Pakistan gibt es einen Schrein, von dem Frauen glauben, dass ihr Kinderwunsch erfüllt wird, wenn sie dort beten. Tausende suchen täglich den Shah-Daulah-Schrein in Gujrat auf.

Eine grausame Legende besagt, dass sie versprechen müssen, ihr Erstgeborenes dem Schrein zu überlassen. Andernfalls wird das Kind mit zu kleinem Schädel geboren.

Nadia hat einen zu kleinen Kopf und ist geistig behindert. Mikrozephalie heißt die Krankheit, die mehrere Ursachen haben kann.

Die etwa dreißig Jahre alte Frau sitzt am Eingang des Schreins, nimmt Spenden entgegen und segnet die Besucher.

Auch Shabdar arbeitet für den Schrein. Er geht täglich zusammen mit einem Begleiter auf Betteltour.

Seine Eltern gaben ihn im Schrein ab, der ihn wiederum in einer Familie unterbrachte - einer Familie von Müllsammlern, die in einem Zelt wohnt.

Nadia dagegen lebt in dem Schrein. Der Weg zu ihrer Unterkunft ist allerdings durch eine Gittertür versperrt und wird bewacht. Fremde dürfen den Raum nicht besichtigen.

Shabdar muss das Geld, das er einnimmt, seinem Begleiter vom Schrein geben. Einen Teil darf er für Lebensmittel und als Unterstützung für seine Pflegefamilie behalten.

Das Betteln bringt ihm täglich bis zu 1000 Rupien ein, umgerechnet knapp 7,50 Euro. Das ist mehr als ein Polizist in Pakistan verdient.

Autofahrer, Geschäftsleute und Reisende am Busbahnhof von Gujrat geben Shabdar Geld. Die Begleiter vom Schrein führen ihn regelrecht vor, um Mitleid zu erregen.

Der Aberglaube, das Beten am Schrein verhelfe zu Fruchtbarkeit, ist in der Region nach wie vor verbreitet. Kinder, heißt es, würden aber nicht mehr abgegeben.

Stattdessen spenden die Gläubigen Hühner und Ziegen und werfen Rosenblätter auf den Sarkophag von Shah Daulah, dem Sufi-Heiligen, der im 17. Jahrhundert lebte.

Über Jahrhunderte kursierte zudem das Gerücht, die Verantwortlichen des Schreins würden die Köpfe der ihnen anvertrauten Kinder mit mittelalterlichen Folterinstrumenten deformieren. Beweise gibt es dafür nicht.

Der Shah-Daulah-Schrein in Gujrat: Von der Straße aus ist das Gebäude mit der kleinen grünen Kuppel kaum zu sehen. Es befindet sich mitten in der Stadt, in einer kleinen Gasse, in der Händler ihre Waren feilbieten.

Die Menschen kommen, um an seinem Sarkophag unter der grünen Kuppel um Regen oder Genesung von einem Leiden zu bitten oder, dafür ist der Schrein besonders bekannt, um Fruchtbarkeit.

Und Nadia ist die Hüterin des Schreins. Ihr ganzes Leben hat sie hier verbracht, von Kindheit an am Eingang gesessen, insgesamt dreißig Jahre. Manche verneigen sich vor ihr oder schieben ihre Kinder zu ihr, damit sie ihnen über die Haare streichen und sie segnen kann. Mal fährt sie den Gläubigen sanft über den Kopf, mal schlägt sie ihnen ruppig auf den Rücken.

Erstgeborenes Kind dem Schrein überlassen

Nadia gehört zu denjenigen, die in dieser Gegend "Mäusekopf" genannt werden. Sie ist geistig behindert und mit einem viel zu kleinen Schädel auf die Welt gekommen. Sie kann kein Wort sprechen, aber sich mit Gesten und Lauten verständlich machen. Mikrozephalie heißt diese seltene Fehlentwicklung, laut Ärzten die Folge einer Infektion während der Schwangerschaft, oder auch von erhöhter Strahlenbelastung, Alkoholmissbrauch oder eines genetischen Defekts.

In Gujrat gibt es außergewöhnlich viele Menschen mit dieser Krankheit, mehrere Hundert sollen es sein. Lokale Ärzte sagen, es liege vermutlich an den "familiären Verhältnissen". Sie meinen damit das Heiraten unter Cousins und Cousinen, wie in Südasien üblich. Das erbliche Problem würde durch den Inzest verstärkt.

Von wissenschaftlichen Erkenntnissen wollen hier jedoch viele nichts wissen, man erzählt sich eine grausame Legende: Das gehäufte Auftreten habe mit dem Schrein zu tun. Demnach verbreitete sich vor etwa vierhundert Jahren unter jungen Frauen im damaligen Indien der Aberglaube, dass es mit der Empfängnis klappen würde, wenn sie im Shah-Daulah-Schrein beten würden. Die Geistlichen verlangten aber einen hohen Preis von den Paaren mit Kinderwunsch: Sie müssten versprechen, das erste Kind dem Schrein zu überlassen. Sollten sie sich weigern, würde das Kind als "Mäusekopf" geboren werden, ebenso alle nachfolgenden Kinder.

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"Die Menschen glauben so etwas", sagt Syed Ali Raza, der Chef des Schreins. Er ist in den Fünfzigern, ein hochgewachsener, fülliger Mann. Er trägt einen Shalwar Kameez: knielanges Hemd und Baumwollhose. Das Hemd strafft über dem Bauch. Er behauptet, er sei ein direkter Nachfahre von Shah Daulah. Die Menschen behandeln ihn wie einen Heiligen, hängen ihm an den Lippen, wenn er auch nur ein Wort sagt, verbeugen sich und berühren seine Füße.

Gerüchte über absichtlich deformierte Köpfe

Aber Raza redet nicht viel, er predigt nicht. Lieber setzt er sich hinter einen der Verkaufstische im Innenhof, wo Bilder von Sufi-Heiligen, Tücher mit arabischen Schriftzeichen, religiöse Bücher, Kugelschreiber und Plastik-

Maschinengewehre aus China angeboten werden. In einer Ecke hocken Männer auf dem Boden und rauchen Haschisch. Der Geruch von Drogen, Benzin, Urin, Rosenwasser und Weihrauch benebelt bis zur Übelkeit. Zwischen den Ständen und den Menschen laufen Hühner und Ziegen, die Tiere sind Spenden von Gläubigen.

Denn es geht in Wahrheit um Geld, und Raza ist der Chef einer regelrechten Bettelmafia, die die Behinderten dazu benutzt, Kasse zu machen. Über Jahrhunderte kursierten Gerüchte, wonach die Betreiber des Schreins die Köpfe der ihnen anvertrauten Säuglinge mit mittelalterlichen Instrumenten - Metallklammern, Stahlringen, Helmen aus Ton - deformierten, um die Kinder anschließend als mitleiderregende Bettler einzusetzen. Mitte der Achtzigerjahre verlangte der Staat die Entlassung der Schreinführung und teilte nach Kontrollen mit, es existierten keine Beweise für solche Verbrechen.

Menschenrechtsorganisationen hielten dagegen, es gebe glaubwürdige Berichte, wonach diese Kinder auch an andere Bettlerorganisationen weiterverkauft worden seien. Ein so gehäuftes Auftreten dieses Phänomens könne keine natürliche Ursache haben, erklärte der damals in Pakistan führende Genforscher Qasim Mehdi. Heute gehen die Meinungen der Ärzte auseinander: Manche sagen, theoretisch sei eine absichtliche Deformation möglich, andere halten das medizinisch für ausgeschlossen.

Ob Nadia von Geburt an behindert war oder ob ihr Gewalt zugefügt wurde, kann oder will niemand sagen. Ihre Eltern gaben sie am Tag ihrer Geburt ab. Nadia kennt sie nicht, und auch Raza behauptet, er habe keine Ahnung. Aber natürlich sei ihr niemals Gewalt angetan worden. Narben an ihrem Kopf und im Gesicht lassen Raum für düstere Vermutungen.

Schrein schickt Behinderte zum Betteln

Ob der Schrein noch immer diesen Aberglauben verbreite und Eltern unter Druck setze, ihr erstgeborenes Kind abzugeben? Raza lacht. Aber antwortet nur: "Wir nehmen Menschen mit Behinderungen auf und pflegen sie wie unsere eigenen Kinder." Nadia zum Beispiel lebe seit über dreißig Jahren hier. Ihren Wohnraum darf man auf Nachfrage nicht besichtigen. Der Weg dorthin ist durch ein Gitter versperrt. Wie viele Menschen mit kleinen Köpfen beherbergt er? Und schickt er sie zum Betteln? Raza sagt: "Wir lassen niemanden betteln." Dann verschwindet er.

Ein paar Kilometer vom Schrein entfernt lebt Shabdar. Auch er wird "Mäusekopf" genannt. Er wohnt in einem Zelt, bei einer Familie von Müllsammlern. Shabdars Eltern haben ihn nach seiner Geburt im Schrein abgegeben, dort gab man ihn weiter an diese Familie. "Ich glaube, er war schon immer behindert", sagt Ali, einer der Müllsammler. Er könne nur "Mama" und "Schwester" sagen, ansonsten gebe er nur Laute von sich und mache sich so verständlich. "Sonst kann er nichts", sagt Ali.

Jeden Morgen, gegen sieben Uhr, wecken sie Shabdar, waschen ihn, frühstücken mit ihm und stecken ihn in ein buntes, bodenlanges Kostüm. Gegen neun Uhr kommt jemand vom Schrein, hakt ihn unter und geht mit ihm zum Busbahnhof von Gujrat und weiter durch die Innenstadt. Auf dem Weg steuern sie ein Geschäft nach dem anderen an. "Der da gibt uns immer Brot", sagt der Begleiter und deutet auf eine Autowerkstatt. "Und dort bekommen wir Geld", sagt er mit Blick auf einen Kiosk.

Es geht langsam voran, Shabdar kann nicht so schnell gehen. Er trägt löchrige Schuhe aus blauem Plastik, die Schnürsenkel fehlen.

An einer Kreuzung bitten sie Autofahrer um Geld, am Busbahnhof betteln sie die Reisenden an. Fast alle erschrecken beim Anblick von Shabdar, sie schnalzen mit der Zunge, um ihrem Mitleid Ausdruck zu verleihen und drücken ihm ein bisschen Geld in die Hand. Bis zu 1000 Rupien am Tag nimmt er ein, sagt sein Begleiter. Das sind umgerechnet knapp 7,50 Euro. In einem Land, in dem Polizeibeamte nicht einmal 10.000 Rupien im Monat verdienen, ist das eine Menge Geld.

Behinderung wird als Strafe Gottes aufgefasst

An manchen Tagen sieht man Dutzende dieser ungleichen Paare in der Stadt, ein Mann vom Schrein und ein Behinderter. Es ist entwürdigend, das Sklavenhafte, dieses Vorführen von Menschen, um Geld einzunehmen, so wie man früher Menschen aus fernen Ländern auf Jahrmärkten zur Schau gestellt hat.

Menschen mit Behinderung werden in Pakistan diskriminiert, Menschlichkeit spielt im Umgang mit ihnen keine Rolle, weil viele glauben, die Behinderung sei eine Strafe Gottes und daher verdient. Oft werden diese Menschen einfach weggesperrt, in Hinterzimmern, Verliesen, auf schmutzige Pritschen gekettet, verbannt aus dem öffentlichen Blickfeld und damit aus dem Gedächtnis. Und alle schauen weg, auch die Polizei.

Menschen wie Nadia und Shabdar können deshalb straffrei ausgebeutet werden. Wer, wie Shabdar, draußen bettelt, muss einen Großteil des Geldes beim Schrein abliefern. Den Rest darf Shabdar behalten, zur Unterstützung der Pflegefamilie.

Je nachdem wie gut es läuft, bringt der Begleiter Shabdar am Nachmittag, manchmal schon zur Mittagszeit zurück in sein Zelt, zu seiner Familie. Shabdar ist jetzt weinerlich, weil er müde ist und Hunger hat. Er isst ein Fladenbrot mit Linsen, danach legt er sich hin, er ist erschöpft und will schlafen, am liebsten bis zum nächsten Morgen, wenn sie ihn wieder wecken werden.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Jadama 28.07.2014
1. Westliche Moral
Westliche Moral kann nicht immer überall angewendet werden. Wie der Artikel schon sagt sind in einem Land, in dem ein Polizist nur 10.000 Rupien verdient 1000 Rupien sehr viel Geld. In einem solchen Land werden die schwächsten schnell fallen gelassen. Dann bleibt oft nur das Betteln. Das war hier auch so, vor dem Aufschwung, vor der Solidargesellschaft. Wenigstens gibts es Menschen, die sich kümmern und helfen.
Suba 28.07.2014
2. Umgang in Deutschland
Anfang der 90ziger pflegten den Menschen mit dem größten Wasserkopf Deutschlands eine Frau mit dreiwöchiger und eine mit dreimonatiger Ausbildung - beide noch nicht lange im Dienst und noch sehr jung; er lebte mit acht anderen Erwachsenen mit schwerer Mehrfachbehinderung in einem großen Krankenhaussaal im Westen Berlins, konnte nicht sprechen und sich kaum bewegen; seine persönliche Habe befand sich in einem kleinen Rollcontainer neben dem Bett; ansonsten erinnere ich an den Film: "Die Hölle von Ueckermünde"; auch hier in Deutschland sind wir nicht weit weg vom entwürdigenden Umgang mit Menschen mit Behinderungen, Demenz oder anderen pflegebedürftigen Menschen;
glasperlenspieler 28.07.2014
3. Erinnert an deutsche Großstädte
Primitiv, so wie in deutschen Großstädten. Dort wie hier glauben die Spender, Gutes zu tun und merken nicht, wie sie mafiöse Strukturen unterstützen.
roflem 28.07.2014
4. schade, das wars
Lieber Haznain, wenn ich das hier lese:"Menschen mit Behinderung werden in Pakistan diskriminiert, " und weiß, in Schland ist es nicht anders, dann brauche ich den Rest des Pamphlets nicht weiterzulesen. Ich habe vieles Deiner Schreibe gern gelesen, jetzt ist Schluss.
Baumsäge 28.07.2014
5. optional
Zitat von roflemLieber Haznain, wenn ich das hier lese:"Menschen mit Behinderung werden in Pakistan diskriminiert, " und weiß, in Schland ist es nicht anders, dann brauche ich den Rest des Pamphlets nicht weiterzulesen. Ich habe vieles Deiner Schreibe gern gelesen, jetzt ist Schluss.
Sie sollten mehr denken. In "Schland" wird sehr viel für Menschen mit Behinderungen getan. Es gibt alle möglichen Gesetze mit denen der Bevölkerungsgruppe zugearbeitet wird. man denke nur an barrierefreies Bauen und so weiter. Davon ist man in Indien und auch den meisten anderen Lädner nweit entfernt, darüber denkt man dort nicht einmal nach. Es gibt zwar auch hier immer Verbesserungsmöglichkeiten, aber die Situation in D mit der in anderen Länder auf eine ähnliche Stufe zu stellen, ist eine grottenüble Sauerei. Schon der versuch darüber nachzudenken ist schrill. Wenn sie es anders sehen werden sie anschauliche Beweise zu bringen habern die keine Einzelfälle darstellen, sondern den Regelfall. Wo und wie bitte sehr werden Behinderte in D systematisch diskriminiert?
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