Brandschutz in Behinderteneinrichtungen "Der Mensch ist wichtiger als Technik"

Der tödliche Brand in einer Werkstatt in Titisee-Neustadt wirft Fragen zur Sicherheit in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung auf: Werden Feuerwehrleute ausreichend auf solche Einsätze vorbereitet? Experten fordern eine engere Zusammenarbeit zwischen Betreuern und Feuerwehr.

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Unglücksort in Titisee-Neustadt: Sicherheitsstandards waren laut Behörden erfüllt
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Unglücksort in Titisee-Neustadt: Sicherheitsstandards waren laut Behörden erfüllt


Nur 5,44 Minuten nachdem der automatische Brandalarm ausgelöst worden war, trafen die ersten Einsatzkräfte am Montag vor der brennenden Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt ein. Doch für 14 Menschen gab es da schon keine Hoffnung mehr. Eine 50 Jahre alte Betreuerin und 13 Betreute starben in den Flammen, die sich "unheimlich rasch" ausgebreitet hatten. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass ein Ofen, aus dem unkontrolliert Gas austrat, für den Brand verantwortlich ist.

Bei einer Tragödie wie der von Titisee-Neustadt, betonen Experten, bei einem Brand also in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung, seien die Anforderungen an Feuerwehr und Rettungskräfte enorm groß. "Viele Feuerwehrleute sind unsicher und ängstlich im Umgang mit schwer oder mehrfach behinderten Menschen", sagt Ulrike Schneider, Kreisbrandmeisterin aus dem hessischen Wetteraukreis und gleichzeitig Wohnbereichsleiterin in der dortigen Behindertenhilfe.

Laut Schneider kommt es vor, dass Menschen mit Behinderung im Brandfall nervös werden und um sich schlagen, dass sie sich weigern, das Haus zu verlassen oder im Gegenteil beharrlich versuchen, in ein brennendes Gebäude zurückzukehren. "Wir haben auch Betreute, die niemals eine bestimmte Tür nutzen, und dies auch im Notfall partout nicht wollen", erklärt die Managerin für soziale Einrichtungen. Solche schwer zu prognostizierenden Verhaltensweisen können wertvolle Zeit kosten und den Erfolg eines Einsatzes gefährden. Für die Rettungskräfte sind sie unter Umständen verwirrend.

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Unglück in Behindertenwerkstatt: Der tödliche Brand in Titisee-Neustadt
Zwar gibt es in den Leitstellen Informationsmappen zu einzelnen Gebäuden, in denen die örtlichen Gegebenheiten und zu erwartende Probleme verzeichnet sind. "Der einzige Weg, wirksam vorzubeugen, ist aber die enge Zusammenarbeit von Betreuern in den Einrichtungen und den Feuerwehrleuten", sagt Schneider. Gemeinsame Feuerübungen und detaillierte Absprachen hätten sich als sehr nützlich erwiesen. "Die Betreuer kennen ihre Betreuten am besten, sie können vermitteln, was im Notfall an Reaktionen zu erwarten ist."

"Das darf nicht ins Lächerliche gezogen werden"

Nach Angaben des Frankfurter Instituts für Rettungsmedizin und Notfallversorgung ist der Umgang mit Behinderten integraler Bestandteil der Ausbildung zum Berufsfeuerwehrmann. Eine einmalige Schulung der Feuerwehrleute reicht aber nicht aus. Volker Meyer vom Verein zur Förderung des Deutschen Brandschutzes hält gemeinsame Übungen mindestens einmal jährlich für unerlässlich. Manche Menschen mit Behinderung würden sich beispielsweise in Schränken verstecken, wenn ein Feuerwehrauto mit Sirene vorfahre. Andere hätten Angst, wenn ein Feuerwehrmann in voller Einsatzkleidung vor ihnen stehe.

In den Schulungen sollten Menschen mit Behinderung nicht nur lernen, wie sie sich im Brandfall zu verhalten hätten - sondern auch, was zu tun sei, um Brände zu vermeiden. "Der Faktor Mensch", sagt Meyer, "ist viel wichtiger als die Technik."

Unterstützung erhält Meyer von Ulrich Dietmann, Lehrbeauftragter für Vorbeugenden Brandschutz an der Hochschule Darmstadt. "In Einrichtungen für Menschen mit Behinderung ist das Personal der Schlüssel", sagt Dietmann. Entscheidend sei, die Angestellten für das Thema Brandschutz zu sensibilisieren und diesen auch mit den Behinderten zu trainieren. "Das darf nicht ins Lächerliche gezogen werden, Wiederholung ist absolut notwendig - wie im Flugzeug."

Experten halten Sprinkleranlagen für wenig sinnvoll

Doch welche Sicherheitskonzepte gibt es für Gebäude von Einrichtungen für behinderte Menschen? Das abgebrannte Caritas-Haus in Titisee-Neustadt wurde erst vor sechs Jahren generalüberholt und um einen Neubau erweitert. Der stellvertretende Vorstand des Caritas-Verbands Freiburg-Stadt sagte SPIEGEL ONLINE, die Bausubstanz sei solide und entspreche den Sicherheitsstandards. Auch aus Sicht der Behörden war der Brandschutz in der Einrichtung völlig ausreichend. "Der vorbeugende Brandschutz war absolut ordnungsgemäß", sagte Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer."

Von den 97 Menschen, die sich aus dem Gebäude retten konnten, schafften dies den Behörden zufolge 86 aus eigener Kraft. Nur elf Menschen mussten von der Feuerwehr aus dem Gebäude geleitet werden. Dies spreche für das Funktionieren des Rettungskonzepts über eine Rampe für Rollstuhlfahrer und eine Stahltreppe, sagte Schäfer.

Welchen Brandschutz-Anforderungen Gebäude genügen müssen, ist in den Bauordnungen der Bundesländer festgelegt, die zwischen Regel- und Sonderbauten unterscheiden. Für erstere gelten die Auflagen der Bauordnung, an letztere kann die Bauaufsicht zusätzliche Anforderungen stellen. In der Praxis ist fast jede Einrichtung für Behinderte ein Sonderbau, auch in Baden-Württemberg.

Während Experten in solchen Einrichtungen einen flächendeckenden automatischen Feueralarm für absolut notwendig halten, sind sie bei Sprinkleranlagen - wie sie nach dem Brand in Titisee-Neustadt gefordert wurden - skeptisch. Damit sie auslösen, müssen sehr hohe Temperaturen herrschen - "an der Zimmerdecke über hundert Grad", sagt Lothar Hügin, Lehrbeauftragter für Vorbeugenden Brandschutz an der Uni Kassel. "Wenn die Sprinkleranlage auslöst, ist es schon zu spät." Schließlich reichten wenige Atemzüge, bis der Rauch den Körper lähme.

Kurze Fluchtwege, möglichst ebenerdig

Umso wichtiger ist es deshalb, in den Einrichtungen die Ausbreitung von Feuer und Rauch möglichst lange einzudämmen. "Wenn der vorbeugende Brandschutz funktioniert, breitet sich Feuer und Rauch nicht gleich über die ganze Etage und mehrere Geschosse aus", sagt der Brandschutzexperte Franz Schächer. Dafür sei es insbesondere in Einrichtungen für Behinderte geboten, das Gebäude in viele Brandabschnitte zu unterteilen. "Wenn ich auf einer Etage vier Zimmer mache statt einen großen Raum, kann ich bei einem Brand ins Nebenzimmer gehen und gewinne dadurch Zeit."

Zudem müsse berücksichtigt werden, dass viele Personen in Behinderteneinrichtungen nicht schnell fliehen könnten. Rettungswege müssen deshalb möglichst kurz sein. Ebenfalls für sinnvoll halten Experten, zwei Rettungswege im Gebäude zu haben. "Wenn der zweite Fluchtweg über eine Feuerwehrleiter führt, kann es sein, dass sich Behinderte fürchten und dann wehren - dann hat die Feuerwehr ein echtes Problem", sagt der Brandschutzexperte Schächer.

Auch die Architektur selbst kann dazu beitragen, eine Behinderteneinrichtung sicherer zu machen. "Orientierung ist sehr wichtig", sagt der Architekt Linus Hofrichter, der schon mehr als drei Dutzend Behinderteneinrichtungen gebaut hat. "Der Mensch läuft immer ins Helle. Deshalb sollten Flure mit dunklem Ende vermieden werden. Wichtig sind viele Fenster und Türen ins Freie." Bei großen Gebäuden ließen sich dunkle Sackgassen etwa durch Innen- oder Lichthöfe vermeiden.

Schließlich halten Experten ebenerdige Gebäude für empfehlenswert. Darin sind keine Treppen notwendig, die etwa für Rollstuhlfahrer zum Hindernis werden - und man ist nicht auf Aufzüge angewiesen, die im Brandfall zur Falle werden können.



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