Streit in Kölner Szeneviertel Buttersäure gegen Barlärm

Das Belgische Viertel in Köln ist unter Nachtschwärmern beliebt. Viele Anwohner stört jedoch der Lärm - und mancher greift zu rabiaten Mitteln. Kann die Stadt die Situation noch retten?

Barbetreiber Katarina Eilers und Florian Deubel
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Barbetreiber Katarina Eilers und Florian Deubel

Von , Köln


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Psychoterror. Selbstjustiz. Wutbürgertum. Katarina Eilers und Florian Deubel finden deutliche Worte, um das zu beschreiben, was ihnen in den vergangenen Monaten widerfahren ist. Die beiden betreiben die Frieda, eine kleine Bar in einem Kölner Szeneviertel, doch statt mit Kölschbestellungen müssen sie sich derzeit vor allem mit der Wut von Anwohnern beschäftigen.

Regelmäßig werde die Bar von außen mit Buttersäureampullen beworfen, berichten die Betreiber. "Der Gestank ist bestialisch." Mit Hackerangriffen werde immer wieder die Website der Bar attackiert. Gäste, die draußen standen, seien bereits beschimpft und mit Eiern, Böllern und Tomaten beworfen worden. Nun sei sogar mehrmals eine falsche Verkaufsanzeige für die Frieda ins Netz gestellt worden: 10.000 Euro für die Bar inklusive Mobiliar. Ein Anwalt ist längst eingeschaltet, mehrere Klagen laufen.

Wer hinter den Aktionen steckt, ist nicht bewiesen. Doch der Streit beschäftigt das Viertel seit Monaten: Die Bar sei zu laut, die Gäste, die vor dem Lokal rauchen und trinken, würden die Straße zumüllen, beschweren sich einige Anwohner. Ordnungsamt und Polizei sind Dauergast in der Frieda.

Die Betreiber tun nach eigener Aussage alles dafür, die Auflagen der Stadt zu erfüllen. "Wir haben einen Türsteher eingestellt, der die Lautstärke von Gästen vor der Tür regelt und verhindert, dass Getränke mit rausgenommen werden. Wir haben die Fenster abgedichtet, die Bässe rausgenommen, Boxen abgehangen, den Schallschutz verbessert. Tausende Euro hat das bisher gekostet." Weitere Maßnahmen seien geplant. "Die Lautstärke in unserer Bar können wir regeln", sagt Deubel, "aber wir können nicht jedem Einzelnen auf der Straße vorgeben, wie er sich zu verhalten hat. Das sind doch nicht einmal alles unsere Gäste."

Die Auseinandersetzung zwischen Anwohnern und den Betreibern der Frieda trifft in Köln einen Nerv. Das zentrale Belgische Viertel ist seit Jahren ein interessenpolitisches Schlachtfeld, auf dem um mehr gekämpft wird als nur um die Nachtruhe. Es geht um die Frage, was die Attraktivität eines Viertels ausmacht; um die Frage, wie stark öffentlicher Raum reguliert werden darf, und darum, wer mehr Rechte hat: Anwohner, Gastronomen oder Partygänger.

Es ist ein Konflikt, der in vielen Ballungsgebieten ausgetragen wird. Was macht die Lebensqualität in einer Großstadt aus - und wer entscheidet darüber?

Nachtschwärmer bevölkern den Platz

Wenig Verkehr, zahlreiche Altbauten, verhältnismäßig viel Grün: Tagsüber ist das Belgische Viertel in weiten Zügen eine Ruheoase. Boutiquen, Restaurants und Cafés machen die Gegend sowohl für Touristen als für Anwohner attraktiv, die Mieten sind dementsprechend hoch.

Vor rund elf Jahren entdeckten auch noch Freiluft liebende Nachtschwärmer die Ecke für sich. In Sommernächten versammeln sich seitdem regelmäßig Hunderte Menschen am Zentrum des Viertels, dem Brüsseler Platz. So mauserte sich das Belgische Viertel auch für junge Menschen, die sich den Quadratmeterpreis der umliegenden Wohnungen nicht leisten können, endgültig zum Szeneviertel.

Brüsseler Platz in Köln: Treffpunkt für Nachtschwärmer
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Brüsseler Platz in Köln: Treffpunkt für Nachtschwärmer

Die Nachtschwärmer wurden zum Ärgernis für die Anwohner am Brüsseler Platz. Schnell gingen Beschwerden bei der Stadt ein: Ruhestörung, Verschmutzung, Vandalismus. Erste Bürgerinitiativen formten sich, die Stadt griff ein: Platzverweise, erhöhte Polizeipräsenz, Ordnungsverfügungen für angrenzende Kioske, um den Alkoholfluss einzudämmen, Urinale, Hinweisschilder, Mediatoren, auf Deeskalation geschulte Ordnungshüter. Bis heute hat keine der Maßnahmen wirklich gegriffen.

Dafür wurden auf allen Seiten jede Menge Schuldige ausgemacht: Anwohner zeigen mit dem Finger auf Gastronomen und Ladenbesitzer, die Partygänger ins Viertel locken. Die Unternehmer fühlen sich fälschlich in die Verantwortung genommen und von der Stadt gegängelt. Die Nachtschwärmer wiederum fühlen sich von Ordnungshütern in ihren Rechten beschnitten.

Geht es nach Stadt und Anwohnern, soll ein Bebauungsplan den Streit im Belgischen Viertel endlich lösen. Mehrere Straßenzüge sollen in Wohngebiet umgewandelt, die gewerbliche Nutzung eingeschränkt werden. Unterm Strich heißt das: keine neuen Bars, keine neuen Kioske, keine neuen Büros. Schon jetzt, sagen Gastronomen, seien neue Ausschanklizenzen im Viertel kaum noch zu erhalten.

"Wie wollen alle dasselbe"

Die Kölner Gewerbetreibenden fühlen sich in die Ecke gedrängt. "Es geht um Existenzen. Was, wenn ich meinen Betrieb erweitern will? Was, wenn ich irgendwann verkaufen will?", fragt ein Betriebsinhaber aus dem Belgischen Viertel am Freitag bei einer Diskussionsrunde der IHK. Unterstützer des Bebauungsplans halten dagegen: Der Plan erhöhe die Lebensqualität im Viertel. Der Betreiber einer Bar unweit des Brüsseler Platzes versucht, die Wogen zu glätten: "Wir wollen alle dasselbe: ein entspanntes Nachtleben und ein vielfältiges Viertel. Auch wir haben nichts von Menschen, die nachts auf dem Platz trinken, das sind nicht unsere Kunden."

Frieda-Betreiber Katarina Eilers und Florian Deubel bezweifeln, dass ein Bebauungsplan dem Viertel hilft. Von den Problemen am Brüsseler Platz, der unweit ihrer Bar liegt, distanzieren sie sich; die Diskussion über Barbesucher vor der Tür sei eine andere.

"Wir brauchen eine Änderung im Nichtraucherschutzgesetz, damit die Leute, die in Bars gehen, nicht mehr draußen rauchen müssen. Das würde zumindest im Winter helfen", sagt Eilers. In Nordrhein-Westfalen gilt seit Jahren ein striktes Rauchverbot in Gastronomiebetrieben. Im Sommer, sagt Eilers, sei das Ganze jedoch eine andere Geschichte. "Die Menschen wollen raus. Das ist nun mal so, auch in der Stadt. Da können dann vielleicht mehr Ordnungskräfte etwas ausrichten." Tatsächlich will die Stadt die Präsenz des Ordnungsamtes im Viertel erhöhen. Uwe Kaven, Leiter des Kölner Gewerbeamtes, stellt aber klar: "Die Verantwortlichkeit des Gastronomen endet nicht an der Tür."

Die Bar Frieda in Köln
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Die Bar Frieda in Köln

Deubel hofft derweil auf Hilfe von anderer Stelle. Bauministerin Barbara Hendricks (SPD) will den neuen Baurechtstypen "Urbanes Gebiet" einführen, mit dem unter anderem Lärmschutzbedingungen aufgeweicht werden. "Vielleicht stärkt das auch die Gastronomen", sagt Deubel.

Im Bebauungsplan spielen die Überlegungen zum "Urbanen Gebiet" zunächst keine Rolle, sagt Christian Seibel, der Bauvorhaben für die Stadt Köln prüft. Dass die Pläne auf starken Widerstand stoßen, ist ihm bewusst. "Als Stadt sehen wir bei Diskussion solcher Pläne natürlich leider oft unsouverän aus. Aber wir prüfen nach geltendem Recht, nicht nach Emotionen."


Zusammengefasst: Im Belgischen Viertel in Köln fühlen sich Anwohner durch die zahlreichen Nachtschwärmer gestört. Mancherorts eskaliert der Streit: Die Bar Frieda wurde schon mit Buttersäureampullen beworfen. Die Stadt will den Streit rund um den beliebten Brüsseler Platz mit einem neuen Bebauungsplan lösen.

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insgesamt 56 Beiträge
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hossh 02.05.2016
1. Dank dem Nichtrauchergesetz
Seit es das Nichtrauchergesetz gibt, kommt es in allen Städten und Gemeinden zu sogenannten Ruhestörungen. Also lasst die Raucher in separaten Räumen mit Ihren Bekannten und Freunden feiern, wer sich vom Rauch belästigt fühlt kann in ein Nichtraucherlokal gehen
tchantchès 02.05.2016
2. Es werden Wetten angenommen...
wann hier gleich der Erste meint, wir Anwohner hätten doch wissen müssen, dass wir in einem Partymeile ziehen. Als wir eingezogen sind, war hier ein ganz normales Wohnviertel und diejenigen, die solche Sprüche ablassen, waren noch Jahrzehnte davon entfernt ihre erste Windel vollzumachen. Soll die Stadt den ganze Krawall doch auf die grüne Wiese verlagern.
HaraldKönig 02.05.2016
3.
Ich habe selbst mal in einem Szeneviertel gewohnt. Mein Hauseingang lag genau zwischen zwei Studentenkneipen. Rücksichtnahme konnte man von den Kneipengästen nicht erwarten. Selbstverständlich wurde vor den Lokalen auf dem Bürgersteig getrunken und gelärmt. Gläser und Flaschen oder deren Scherben wurden zurückgelassen. Mein Hauseingang diente als Urinal, die geparkten Autos als Sofa. Einmal war meine Kühlerhaube mit Kerzenstumpen beklebt, man liebte es wohl romantisch. Es blieb nur der Wegzug in ein ruhigeres Viertel. Natürlich sind die Gastronomen in der Pflicht, denn die verdienen sich in den angesagten Kneipen eine goldene Nase auf Kosten der Anwohner.
masc74 02.05.2016
4. Kenn ich aus München
Die Problematik kenn ich aus eigener Anschauung aus München. Ich betreue da beruflich ein Wohnhaus im Glockenbachviertel. Einstmals ein "Glasscherbenviertel", in welchem sich eine bunte Szene etabliert hatte (weil da keiner hinwollte, haben "bunte Vögel" ihre Chance genutzt). Vom Establishment dann als charmant erkannt erlebte das Viertel einen enormen Boom und ist nun eins der teuersten und beliebtesten Wohnpflaster in München. Bei den Mietern herrscht weitgehende Monokultur, dank sehr hoher Mieten besserverdienende Akademiker, Kreative und die sich dafür halten zwischen 30 und 40. Nix mehr Vielfalt ... und auf einmal ist das auch ach so pittoreske Nachtleben ein Problem, vor allem wenn sich der biozertifizierte Nachwuchs der Hubschraubereltern im Nachtschlaf gestört fühlt. Unsere Gesellschaft ist dann ach so kinderfeindlich, wenn nicht sofort jeder seinen Laden zumacht, nur weil nebenan ein Kind geboren wurde. Ich hatte tatsächlich Anrufe von Mietern, die verlangt haben, die Kneipe im Nachbargebäude (mit dem ich gar nix zu tun habe) solle wegen ihres Nachwuchses bitte schließen. Von den wenigen verbliebenen Alteingesessenen beschwert sich keiner, die regeln das mit Augenmaß direkt mit dem Lärmverursacher. Ich bin weit davon entfernt, mich über Gentrifizierung zu beklagen, denn dies ist nun mal der Lauf der Dinge und es gibt kein vernüfntiges und vor allem gerechtes Konzept, welches das verhindern würde. Aber trotzdem zählt schon ein wenig, was zuerst da war. Und hier meine ich nicht das jeweils konkrete Lokal, sondern die Struktur des Viertels. Wenn´s da viele Kneipen gibt, weiß ich das, bevor ich da hinziehe. Aber selbiges Problem gibt es ja auch mit Kirchenglocken, Hähnen, Biergärten und sonstigem, was den Neuzugezogenen in seinem Idyll stören könnte. Es entsteht eine Gesellschaft, in der meist "neuwohlhabende" Ichlinge mit Geld für einen Rechtsanwalt einfach so seit Jahrzehnten bis Jahrhunderten gewachsene Strukturen zerstören können, einfach weil das Recht es hergibt, dass jeder ein Anrecht auf "normierte Ruhe" hat, selbst wenn das in der Gegend schon seit ewig anders gehandhabt wurde. Dies ist dann noch nicht einmal ein Fehler der Kläger, unser Staat hat hier einfach verpennt, dass auch nicht Normiertes und Korrektes Bestandsschutz genießt und entsprechend geschützt werden muss. Dabei ist es so einfach: Wenn ich keine Kneipen, Bauernhöfe, Biergärten etc. mag, muss ich ja nicht in der Gegend wohnen.
Knossos 02.05.2016
5.
Hier treffen zwei Phänomene zusammen. Zum einen Auswirkungen mißverstandenenr antiautoritärer Erziehung, welche im besagten Beispiel auf sozialen Autismus hinausgelaufen ist (Krakeelen, Müllen und Pinkeln), zum anderen jene seltsam devote Übernahme amerikanischer Trends in der Welt, mit der sowohl die Hysterie über Passivrauchen als auch gleich die orthodox-rigiden Maßnahmen dagegen adaptiert wurden. Was für ein anachronistischer Quatsch! Raucherfreie Gastronomie für jene, die es wünschen ist die pragmatische Antwort. So wie althergebrachte Bedingungen in Lokalen, in denen sich Raucher und Nichtraucher treffen können, wie dazumal. Ein Diktat zum Rauchverhalten der Leute nach mittelaterlicher Gutsherrenart paßt nicht ins 3. Jahrtausend.
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