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Benedikt-Reise: Papst empört Kritiker mit Kondom-Verbot

"Kondome verschlimmern das Aids-Problem" - mit dieser lebensfernen Botschaft sorgt Papst Benedikt XVI. für Verwunderung und Entrüstung. "Wir brauchen Kondome, um uns zu schützen", belehren ihn Kritiker zum Auftakt seiner Afrika-Reise.

Yaoundé - Mit einem Eklat hat Papst Benedikt XVI. seine Afrika-Reise begonnen. Bei seinem Flug zum Kontinent, auf dem geschätzte 22 Millionen Menschen mit der Immunschwächekrankheit HIV leben, erklärte der Pontifex, dass Kondome das Aids-Problem nicht lösen, sondern eher verschärfen würden.

Benedikt XVI. mit Gläubigen auf dem Flughafen von Yaoundé: Eklat in Afrika
REUTERS

Benedikt XVI. mit Gläubigen auf dem Flughafen von Yaoundé: Eklat in Afrika

In der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé, der ersten Station des Papstbesuchs, wurde der heilige Vater von Tausenden Gläubigen Fähnchen schwingend begrüßt. Seine Botschaft jedoch löste Empörung und Unverständnis aus.

"Was der Papst sagt, ist ein Ideal für die katholische Kirche. Aber er muss auf die Realität an der Basis schauen", sagte Stanley Obale Okpu vom Ministerium für Stadtentwicklung. Er betonte, in ganz Afrika seien Kondome sehr wichtig, nicht nur im Kampf gegen HIV, sondern auch zur Geburtenkontrolle. "Wir brauchen Kondome, um uns gegen Aids und andere Krankheiten zu schützen", erklärte der Lehrer Narcisse Takou.

Die Theologin Uta Ranke-Heinemann warf Benedikt XVI. ein "Verbrechen in Form von tödlicher Irreführung der Menschheit" vor, wie sie SPIEGEL ONLINE schriftlich mitteilte. "Ich klage ihn an, an Krankheit und Tod vieler Menschen die Schuld zu tragen", schrieb die Kirchenkritikerin. Sie verlange vom Vatikan, "allen betroffenen Ehefrauen (...) medizinische Versorgung zu finanzieren und ihnen und ihren Familien Schadenersatz zu leisten".

Benedikt XVI. hatte auf dem Flug nach Kamerun vor Journalisten gesagt, die Verteilung von Kondomen sei nicht die richtige Lösung im Kampf gegen Aids. "Im Gegenteil, es vergrößert das Problem", so der Heilige Vater.

Der Papst sollte besser die Verbreitung von Kondomen fördern und den Menschen ihre Verwendung beibringen, wenn er es ernst meine mit dem Kampf gegen Aids, empörte sich Rebecca Hodes von der südafrikanischen Organisation Treatment Action Campaign. Mit seiner Opposition gegen die Verhütung zeige Benedikt, "dass ihm das religiöse Dogma wichtiger ist als das Leben von Afrikanern", sagte Hodes. Es sei richtig, dass Kondome nicht die einzige Lösung für die Aids-Probleme in Afrika seien. Sie seien aber eines von wenigen erprobten Mitteln, um HIV-Infektionen zu verhindern.

Auch das Weltkinderhilfswerk Unicef reagierte mit Unverständnis auf die Äußerungen des Papstes. Erwachsene und Jugendliche müssten wissen, wie man sich vor Aids schützen könne, sagte die deutsche Geschäftsführerin Regine Stachelhaus dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Und Kondome seien nun einmal Teil der weltweiten Aufklärungskampagnen. Auch Politiker äußerten sich kritisch. Der SPD- Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der "Hamburger Morgenpost": "Bei allem Respekt vor dem Papst, und ich bin selbst Katholik, aber diese Position halte ich für absurd." Als "höchst unverantwortlich" bezeichnete die Grünen-Chefin Claudia Roth die Haltung Benedikts. "Der Papst setzt damit eine kontraproduktive, destruktive, lebensfremde und liebesfeindliche Politik fort, die jeglichen vernünftigen Ansatz bei der Bekämpfung der HIV- und Aids-Epidemie zunichte macht", sagte sie dem Blatt.

In seinen vier Jahren im Amt hatte Benedikt die öffentliche Diskussion der Kondom-Frage bisher stets ausgespart. Seine konservative Haltung dazu ist jedoch hinlänglich bekannt. Sein Vorgänger Johannes Paul II. hatte stets erklärt, nicht Kondome, sondern sexuelle Abstinenz seien der beste Weg, die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Kardinal Alfonso Lopez Trujillo hatte im Jahr 2003 für Schlagzeilen gesorgt, als er erklärte, der Gebrauch von Kondomen könne die Verbreitung von Aids fördern, weil sich die Menschen dadurch in falscher Sicherheit wiegen würden.

In Yaoundé wurde Benedikt am Dienstag von Präsident Paul Biya begrüßt, der seit 1982 regiert. Der Papst ging nicht auf die konkrete Situation in Kamerun ein und sagte allgemein zu Afrika, dass ein Christ angesichts von Gewalt, Armut, Hunger, Korruption und Machtmissbrauch nicht schweigen könne. Am Freitag wird Benedikt in Angola erwartet, der zweiten Station seiner einwöchigen Reise.

Afrika ist fruchtbares Terrain für die katholische Kirche. Ihre Anhängerschaft wächst dort so stark wie kaum irgendwo sonst; fast 20 Prozent der Bevölkerung sind Katholiken.

Auf die Frage, ob er nach dem Skandal um den erzkonservativen Holocaust-Leugner Richard Williamson innerhalb der Kirche isoliert sei und auf immer mehr Widerstand treffe, sagte Benedikt: "Der Mythos um meine Einsamkeit bringt mich zum Lachen." Er verfüge über ein funktionierendes Netzwerk von Freunden und Helfern.

ala/AP

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