Von Christian Bleher, Christian Fuchs, Barbara Hans, Julia Jüttner, Christoph Ruf und Hendrik Ternieden
Von Christian Fuchs
Gott wohnt gleich hinter Schlecker. Nichts deutet hier in einer Seitenstraße des Leipziger Studentenviertels Südvorstadt darauf hin, das sich im Hof des Drogeriemarktes eine Kapelle befindet. Nur ein kleines Schild zwischen Wegweisern zu Steuerberatern und einer Ärztin für Geschlechtskrankheiten führt zu: "St. Hedwig".
Die kleine Kapelle ist zwar nur eins von 13 katholischen Gotteshäusern in der Stadt, aber wohl das ungewöhnlichste. Gleich am Eingang empfängt Pater Klaus Gräve die Gemeindemitglieder mit einem festen Händedruck und einem fröhlichen "Schönen Sonntag". Die Einrichtung des großen Raumes ist spartanisch: Ein dunkelhäutiger Jesus hängt an einem schmalen Kreuz an der beigen Paneelwand. Davor steht der schlichte Altar, bestehend aus einem goldenen Tabernakel und einem schweren Tisch, darauf zwei brennende Kerzen, die Bibel und ein Sträußchen violetter Winterastern, die eine ehrenamtliche Helferin aus dem Garten einer Freundin mitgebracht hat. Viel mehr christliche Symbolik gibt es nicht. An der Decke verlaufen metallische Lüftungsschächte, die Besucher der Messe sitzen auf Holzstühlen, die man aus Seminarräumen kennt.
Auf den ersten Blick hat der funktionale Raum den Charme einer Hinterhofmoschee, aber was darin passiert, könnte die katholische Kirche in die Zukunft tragen: Während des Gottesdienstes rennen Kinder durch den Raum, quaken Babys, Frauen verschränken ihre Arme beim Singen eines Kanons und ein behindertes Paar stupst im Minutentakt verliebt die Nasen gegeneinander.
Nach der Messe: Kartoffelsuppe und Würstchen
Viele junge Familien aber auch Senioren in beiger Funktionskleidung füllen fast alle der 150 Sitzplätze. Das ist jeden Sonntag so, trotz zweier Messen um 8.00 und 10.30 Uhr. Man könnte meinen, die vier Prozent Katholiken in Sachsen seien geschlossen zu "St. Hedwig" gepilgert. Unter den Besuchern sind aber auch Atheisten und Protestanten.
Das selbst an einem regnerischen Sonntag die Kirche voll ist, hat viel mit Pater Gräve zu tun. "Unsere Gemeinde ist weniger konventionell", sagt er. Als Priestergewand trägt Gräve eine Tunika aus dem Kongo. Sein Gottesdienst wirkt nie steif oder verkrustet, er ist eine warme Feier des Glaubens. Man nimmt Gräve jedes Wort ab, wenn er mit heller Stimme das Alte Testament als "psychologisches Handbuch" empfiehlt oder ein Leben mit Freude am Erfolg und am Glück Anderer preist. Während seiner Predigt erlaubt sich der Pater auch mal einen spontanen Scherz, wenn Kinder am Lichtschalter spielen ("Oh, es werde Licht"). "Er macht ein niederschwelliges Angebot an die Menschen", begründet ein Besucher den Zuspruch. Nach der Messe gibt es Kartoffelsuppe und Würstchen für alle.
Nachdem einige Gemeindemitglieder Fürbitten vorgetragen haben, möchte Pater Gräve noch eine persönliche Bitte hinzufügen: "Der Papstbesuch kommende Woche möge nicht zum Spektakel verkommen, sondern uns in unserem Glauben stärken." Ganz sicher ist er sich aber wohl nicht: Während die gesamte katholische Welt in den nächsten Tagen auch auf Mitteldeutschland schaut, flüchtet Herz-Jesu-Missionar Gräve ab Montag zu einem Exerzitienseminar nach Österreich.
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