Benedikt XVI. in Deutschland Läuft was falsch in Gottes Häusern?

Von Christian Bleher, Christian Fuchs, , , und

St. Hedwig-Kirche - Leipzig: Bei Schlecker rein, dann geradeaus


SPIEGEL ONLINE

Von Christian Fuchs

Gott wohnt gleich hinter Schlecker. Nichts deutet hier in einer Seitenstraße des Leipziger Studentenviertels Südvorstadt darauf hin, das sich im Hof des Drogeriemarktes eine Kapelle befindet. Nur ein kleines Schild zwischen Wegweisern zu Steuerberatern und einer Ärztin für Geschlechtskrankheiten führt zu: "St. Hedwig".

Die kleine Kapelle ist zwar nur eins von 13 katholischen Gotteshäusern in der Stadt, aber wohl das ungewöhnlichste. Gleich am Eingang empfängt Pater Klaus Gräve die Gemeindemitglieder mit einem festen Händedruck und einem fröhlichen "Schönen Sonntag". Die Einrichtung des großen Raumes ist spartanisch: Ein dunkelhäutiger Jesus hängt an einem schmalen Kreuz an der beigen Paneelwand. Davor steht der schlichte Altar, bestehend aus einem goldenen Tabernakel und einem schweren Tisch, darauf zwei brennende Kerzen, die Bibel und ein Sträußchen violetter Winterastern, die eine ehrenamtliche Helferin aus dem Garten einer Freundin mitgebracht hat. Viel mehr christliche Symbolik gibt es nicht. An der Decke verlaufen metallische Lüftungsschächte, die Besucher der Messe sitzen auf Holzstühlen, die man aus Seminarräumen kennt.

Auf den ersten Blick hat der funktionale Raum den Charme einer Hinterhofmoschee, aber was darin passiert, könnte die katholische Kirche in die Zukunft tragen: Während des Gottesdienstes rennen Kinder durch den Raum, quaken Babys, Frauen verschränken ihre Arme beim Singen eines Kanons und ein behindertes Paar stupst im Minutentakt verliebt die Nasen gegeneinander.

Nach der Messe: Kartoffelsuppe und Würstchen

Viele junge Familien aber auch Senioren in beiger Funktionskleidung füllen fast alle der 150 Sitzplätze. Das ist jeden Sonntag so, trotz zweier Messen um 8.00 und 10.30 Uhr. Man könnte meinen, die vier Prozent Katholiken in Sachsen seien geschlossen zu "St. Hedwig" gepilgert. Unter den Besuchern sind aber auch Atheisten und Protestanten.

Das selbst an einem regnerischen Sonntag die Kirche voll ist, hat viel mit Pater Gräve zu tun. "Unsere Gemeinde ist weniger konventionell", sagt er. Als Priestergewand trägt Gräve eine Tunika aus dem Kongo. Sein Gottesdienst wirkt nie steif oder verkrustet, er ist eine warme Feier des Glaubens. Man nimmt Gräve jedes Wort ab, wenn er mit heller Stimme das Alte Testament als "psychologisches Handbuch" empfiehlt oder ein Leben mit Freude am Erfolg und am Glück Anderer preist. Während seiner Predigt erlaubt sich der Pater auch mal einen spontanen Scherz, wenn Kinder am Lichtschalter spielen ("Oh, es werde Licht"). "Er macht ein niederschwelliges Angebot an die Menschen", begründet ein Besucher den Zuspruch. Nach der Messe gibt es Kartoffelsuppe und Würstchen für alle.

Nachdem einige Gemeindemitglieder Fürbitten vorgetragen haben, möchte Pater Gräve noch eine persönliche Bitte hinzufügen: "Der Papstbesuch kommende Woche möge nicht zum Spektakel verkommen, sondern uns in unserem Glauben stärken." Ganz sicher ist er sich aber wohl nicht: Während die gesamte katholische Welt in den nächsten Tagen auch auf Mitteldeutschland schaut, flüchtet Herz-Jesu-Missionar Gräve ab Montag zu einem Exerzitienseminar nach Österreich.

insgesamt 93 Beiträge
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unterländer 19.09.2011
1. Ach du liebe Zeit ....
Zitat von sysopDer Papst kommt nach Deutschland, die Massen werden ihn feiern.*Doch tatsächlich ist es um seine Kirche desolat bestellt.*SPIEGEL ONLINE hat Gottesdienste in sechs Gemeinden besucht - und Geistliche gefunden, die es wagen, Tacheles zu reden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,787022,00.html
Ich habe vier der fünf Berichte gelesen und muss sagen, dass die einzelnen Berichte die Zusammenfassung am Anfang des Artikels nicht wiedergeben. Zwei stehen ihr sogar diametral gegenüber.
Regulisssima 19.09.2011
2. desolat bestellt
"Doch tatsächlich ist es um seine Kirche desolat bestellt." Lang genug hat die Kirche sich gegen Logik und Vernunft gestellt, jetzt befasst sich sich lieber mit sich selbst. Das die Kirche ausgerechnet unter einem intellektuellen Papst endgültig in dieses Brunnenloch gefallen ist, ist ein Kuriosum in einer schon zu langen Geschichte.
geroi.truda 19.09.2011
3.
Der Autor hat offensichtlich überhaupt nichts verstanden - es geht bei der Messe nicht um Show, Unterhaltung, Langeweile... sondern um den rituell exakten Vollzug der Liturgie, in der wir Gott auf die rechte, von den Vätern überkommene Weise loben sollen (orthos doxa = die rechte Art zu loben) - auch wenn das in der in den 1970er-Jahren erdachten Bugnigni-Litgurgie nur noch unvollständig zum Ausdruck kommt; "rennen", "quäken", "Arme-verschränken" und "Humor" sind daher definitiv unangebracht... Der Priester steht am Altar "in persona Christi", und tritt als Persönlichkeit gänzlich zurück... Im Übrigen gibt es nach katholischer (=römischer und orthodoxer) Tradition kein "Abendmahl", sondern das Sakrament der Eucharistie als unblutigen Nachvollzug des Kreuzestodes Christi... Wie es richtig geht könnte der Autor in St. Afra in Berlin-Wedding sehen...
buddysoul1, 19.09.2011
4. Es ist wie in der Schule...
...der Erfolg hängt am Personal vorne am Pult. Ein interessanter oder gar fürs Leben wichtiger Stoff allein sorgt nicht dafür, dass am Ende was hängen bleibt. Aber auch wenn vorne ein Langweiler predigt: Man kann immer noch die Stunde am Sonntag mal nutzen, um über sich, das Leben und die universelle Botschaft "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" in Ruhe nachzudenken. Schadet überhaupt nicht. Und wenn es mehr Leute täten, wäre die Welt schnell eine bessere.
mundi 19.09.2011
5. Deutschland - ein Missionsland
Zitat von sysopDer Papst kommt nach Deutschland, die Massen werden ihn feiern.*Doch tatsächlich ist es um seine Kirche desolat bestellt.*SPIEGEL ONLINE hat Gottesdienste in sechs Gemeinden besucht - und Geistliche gefunden, die es wagen, Tacheles zu reden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,787022,00.html
Für die katholische Kirche ist Deutschland inzwischen ein Missionsland geworden. Ähnlich wie in Ländern des Islam kein Ungläubiger predigen darf, protestieren im atheistischen Berlin die Leute gegen die Ansprache eines Gläubigen. Wo ist da der Unterschied?
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