Papst-Geburtstag: Heiliger Vater, ich lach mich schief

Von Matthias Matussek

Benedikt XVI. ist die unterhaltsamste Störung der Moderne, die sich der liebe Gott einfallen lassen konnte. Wie der Heilige Vater seine Kritiker ein ums andere Mal widerlegt, ist schon sehr amüsant. Am Montag wird er 85 Jahre alt. Ein Geburtstagsgruß von einem bekennenden Papst-Fan.

Papst-Fan Matussek, Benedikt XVI.: Nichts ist falscher, als dass wir Papst seien Zur Großansicht
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Papst-Fan Matussek, Benedikt XVI.: Nichts ist falscher, als dass wir Papst seien

Man muss schon reichlich abgestumpft ein, um sich mit diesem deutschen Papst, bei aller Ehrfurcht, nicht schiefzulachen.

Er ist die unterhaltsamste Störung, die sich der liebe Gott einfallen lassen konnte in dem, was wir so selbstüberzeugt Moderne nennen, besonders in Deutschland, wo Moderne nur ein anderes Wort für rasendes Mitläufertum ist.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Heiliger Vater, wie schön, dass es Sie gibt.

Ich habe von Ihnen zum ersten Mal gehört im Geschützdonner der britischen Boulevardpresse, die den Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen immer gerne noch einmal gewinnen. Da wurden Sie mir präsentiert als "Panzerkardinal" und "Hitlerjunge" und "Gottes Rottweiler".

Und heraus auf den Balkon traten Sie, ein lächelnder alter Professor, der mit hoher Stimme die frohe Botschaft verkündete.

Das britische Gegröle wurde in Deutschland mit dem Schlachtengesang "Wir sind Papst" beantwortet. Oder waren wir mal wieder diejenigen, die angefangen haben? Auf jeden Fall ist natürlich nichts falscher, als dass wir Papst seien.

Wir sind ganz ausgesprochen NICHT Papst. Weder das Land noch seine Katholiken. Wir legen außerordentlichen Wert darauf, NICHT Papst zu sein.

Bei uns glaubt man, das ergeben Straßenumfragen immer wieder, dass Golgotha eine Zahnpasta ist, und dass wir zu Ostern den Osterhasen feiern. Wir sind aber - besonders diejenigen unter uns, die nicht mehr in die Kirche gehen - fest der Meinung, dass sie nur überlebt, die Kirche, wenn sie ihre "Sexualmoral" korrigiert und der Zölibat abgeschafft wird.

Zumindest sagen das die diversen deutschen Gegenpäpste, allen voran Heiner Geißler, der erstens ohne Sünde ist, wie er jüngst in einer Talkshow noch einmal bekräftigte, und der zweitens die Sexualmoral korrigiert haben möchte, als sei immer noch 1968 und das freie Rammeln ein revolutionäres Programm, und als gäbe es jenseits der 80 nicht doch heilsnähere Fragen, mit denen man sich beschäftigen sollte.

Sie haben da übrigens, Heiliger Vater, in ihren Enzykliken und Predigten eine Fülle von Anregungen gegeben. Und nun muss ich wieder mit Ihnen lächeln: Ihre erste Enzyklika galt der Liebe, der wahren Liebe: "Deus caritas est".

Und schon in dieser Enzyklika machten Sie deutlich, wie sehr das innere Heil und die Welt zusammenhängen, wie die äußere Verwüstung auch auf eine innere Wüste schließen lässt.

Aber zurück. Ich fand es großartig, wie Sie in ihrer Regensburger Rede ganz gelehrtennaiv den Islam zur Toleranz aufriefen und klar gemacht haben, wie sehr Glaube und Vernunft einander bedingen statt sich auszuschließen. Und da ich Pointen mag, mochte ich auch diese: dass sich die Leitartikler, die sich in der Karikaturen-Debatte der gleichen Argumente bedienten, nun schnappatmend auf Sie losgingen, um endlich - endlich! - die Schreckstarre abschütteln zu können, in die sie nach Ihrer Wahl gefallen waren.

Ich habe Sie kurz davor in Altötting erlebt, nicht weit von Ihrem Heimatort Marktl am Inn, und plötzlich ist mir die Melodie ihres Pontifikats klar geworden. Nämlich wie sehr Sie zwar Theologe und Gelehrter sind, aber wie sehr Sie gleichzeitig in dieser demütigen Volksfrömmigkeit wurzeln, die sich auf den Votivtafeln in der Wallfahrtskirche manifestiert.

In Altötting gab es einen Freiluftgottesdienst. Sie trugen die Monstranz, hielten sie hoch über Ihren Kopf, sie trippelten vorsichtig, Ihre Augen wieselflink links und rechts daran vorbei, gleichzeitig stolz und ergriffen und misstrauisch, als müssten Sie stets darauf gefasst sein, es zu verteidigen, das Allerheiligste. Könnte ja Hans Küng plötzlich mit einem Messer zwischen den Zähnen durch die Absperrung brechen.

Dann habe ich Sie in Madrid erlebt. Und hier eine Bemerkung zu Ihrer Garderobe, Heiliger Vater. Sie sehen manchmal aus wie ein Weihnachtsbaum. Wie schön. Brokat und Ornat. Es funkelt. Ja, Sie schleppen die ganze Kirche mit, ihre Macht, ihre Tradition, ihren Schönheitssinn.

Ihr heiliges Theater. Und das in einer Zeit der radikalen Profanierung, der Verbilligung, der Trivialisierung. Geiz ist geil? Ihre Roben sagen: in your face - hier kommt der heilige Geist! Wiederum zum Brüllen komisch all die verständnislosen Kommentare über die Geldverschwendung, die in dieser Schaustellung sichtbar würde. Der Wert liegt darin, dass sie aussehen wie 2000 Jahre.

Die anderthalb Millionen Jugendlichen, die ihnen dort in Madrid zugejubelt, die dort mit Ihnen gebetet haben, haben das besser verstanden.

Nun hat die Kollegin Florin in der "Zeit" beobachtet: "Manche attackieren das Oberhaupt der Katholiken deshalb, weil ihm Matthias Matussek den Ring küsst." Aber Heiliger Vater, wir beide wissen, dass es nicht zu diesem Äußersten gekommen ist. Ich hätte übrigens den Ring durchaus küssen sollen, denn ich hätte damit nicht Ihren Ring geküsst, sondern den des Nachfolgers Petri, des Amtes, der Kirche, das wird oft verwechselt, wenn man solche Szenen sieht.

Nein, ich war so aufgeregt darüber, dass ich auf dem Flug nach Madrid kurz neben Ihnen sitzen durfte, dass ich Ihnen nur die Hand gegeben habe. Und sie gedrückt habe mit dem Wunsch, dass Sie den bevorstehenden Besuch bei den Deutschen heil überstehen.

Ich hatte Ihnen mein Buch geschenkt und ein Augustinus-Wort hineingeschrieben, ohne zu ahnen, dass es ein Motiv sein würde bei Ihrem Deutschland-Besuch. Ich wusste nur, dass Sie Augustinus mögen: "Incipit exire, qui incipit amare." Gemeinsam übersetzten wir: "Nur wer loslässt, beginnt zu lieben", nur wer hinausgeht, ist überhaupt in der Lage dazu, und da klang doch schon das Wort einer "Entweltlichung" an.

Seither wird gestritten, was damit gemeint ist. Dabei steht das Wort doch in einem Kontext. Sie haben davon gesprochen, die "Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen".

Die Weltlichkeit der Kirche in Deutschland nimmt mit jeder Gremienverlautbarung, mit jeder Meinungsumfrage zu Zölibat und Priesterfrauentum Gestalt an. Die Kirche in Deutschland ist reich, missmutig und glaubensmatt. Ihre Theologen haben den Kompass verloren und marschieren in Richtung einer erloschenen grauen Küng-Lehre, die Jesus als charismatischen Menschen und, klar, Revolutionär gelten lässt, der begraben wurde - aber nicht als Gottes Sohn.

Die meisten Katholiken sind nicht mehr in der Lage, das "Credo" tatsächlich zu beten: "Ich glaube an den Heiligen Geist/ die heilige katholische Kirche/ Gemeinschaft der Heiligen/ Vergebung der Sünden/ Auferstehung der Toten/ und das ewige Leben/ Amen."

Als "kritischer Katholik" würde ich HIER sagen: Das ist nicht mehr zeitgemäß. Kann man das nicht anders formulieren, so mehr in Richtung Osterhase? Also mit dem Zölibat könnte ich mich anfreunden, auch damit, dass es keine Priesterinnen gibt, aber jetzt mal im Ernst: Auferstehung der Toten und das ewige Leben?

Also, wenn ich wahrhaft kritischer Katholik wäre, würde mir hier der Hut hochgehen und ich würde drei weitere Stuhlkreise fordern. Und nun kommen Sie, lieber Papst und Seelsorger, nach Freiburg, und Sie reden, und ich verstehe Sie so: Bevor wir nicht diese Glaubenskerne wieder aufgefrischt und gestärkt haben, zum Beispiel durch verstärkte Anstrengungen in einem gerade ausgerufenen "Jahr des Glaubens", solange sollten wir die üppig bezuschusste kirchliche Bastelgruppe 'Traditionszerstörung und Revolte' ruhen lassen. Und mal wieder den Rosenkranz beten.

Aber da ich ja nur einen "Rabauken-Katholizismus" pflege, wie Christan Geyer es in einer äußerst wirren, gedanklich merkwürdig-verstolperten Papst-Abrechnung zur "heiligen Einfalt" in der FAZ nennt, bleiben mir seine Feinheiten verschlossen. Ich tröste mich damit, dass den Armen im Geiste das Himmelreich winkt.

Aber das Argument des von Geyer zitierten Memorandumstheologen Höhn verstehe ich immer noch nicht. Höhn sieht hinter Ihrer Weigerung, dem Zeitgeist hinterherzulaufen, eine besonders perfide Form von Anpassung, einen Zeitgeist-Trick, um die Kirche voll zu kriegen. Weshalb er, Höhn, mutig all die Sachen fordert in seinem "Memorandum", die sowieso alle wollen: Aufhebung des Zölibats, Priesterinnen etc.

Ich hab dieses Argument schon nicht verstanden, als er es mir in der Katholischen Akademie in einem Podiumsgespräch entgegenhielt. Beziehungsweise: Ich habe nicht verstanden, was daran verkehrt sein sollte. Auch wenn Ihre Zeitgeist-Abkehr, Heiliger Vater, nicht als Marketing-Maßnahme beabsichtigt war, sondern einer inneren Wahrheit verpflichtet ist - so wäre sie meiner Ansicht nach doch sehr wirkungsvoll.

Ja, meine tiefe Überzeugung ist, dass die Kirche der Ort sein sollte, wo wir uns dem Hochmut der Moderne entziehen dürfen. Aufatmend die Ohren verschließen vor dem Geplärr der nächsten Welterklärung, des nächsten Systemsturzes, der nächsten Fünf-Minuten-Mode, der nächsten Sau, die durchs Dorf rennt, und sich stattdessen der ewigen Wahrheit zuwenden.

Antimodern ist mittlerweile nach "antisemitisch" die deftigste Ausschlussvokabel aus dem "kulturellen Diskurs", ja aus der "demokratischen Gemeinschaft" überhaupt. Meistens übrigens werden beide Attribute in einem Atemzug genannt, wie jetzt gerade von dem Kollegen Diez in einer Literaturkritik. Was ist eigentlich an "antimodern" so schlimm? Mir hängt das Moderne-Geklapper zum Hals raus. Ja, ich finde Michelangelos "Pieta" beeindruckender und tiefer und schöner als die aufgeblasenen Riesen-Ballon-Pudel von Jeff Koons. Ich bin gerne antimodern.

Aber zurück zu Ihrem Deutschland-Besuch, Heiliger Vater. Wieder musste ich lachen, als Sie zielstrebig auf den Stuhl von Bundestagspräsident Norbert Lammert losgingen. Und wie Sie anschließend das Parlament so wunderbar überforderten. Wie Sie den Grünen die grüne Idee erklärten und allen übrigen den Unterschied zwischen Wahrheit und Mehrheit klarmachten. Denn der ist gewaltig, auch heute. Besonders hier im Reichstag, sagten Sie, sei exemplarisch vorgeführt worden, wie fürchterlich die Mehrheit gegen die Wahrheit entscheiden kann. Seitdem dürfte klar sein: Manchmal muss man ertragen, in der Minderheit zu sein. Ich bin gerne Minderheit.

Und das empfahlen Sie auch Ihrer Kirche, wie in Rom im letzten Jahr in einem Priesterseminar: "Wir wollen nicht immer konform, angepasst sein, gelobt werden, wir wollen nicht den Schein, sondern die Wahrheit, und das gibt uns Freiheit - und zwar die wahre christliche Freiheit: das Freisein von dieser Notwendigkeit, gefallen zu wollen, so zu reden, wie die Masse denkt, dass es sein müsste." Ich finde es wunderbar, wie Sie mit sanfter, hoher Stimme "Nein" sagen, und das in einem guten Dutzend Sprachen, aber auf Deutsch hört es sich besonders schön an. Weil die anderen Sprachen dieses Nein gar nicht so sehr benötigen. Unsere Kirche ist eine wunderbare Weltkirche, und der deutsche Stuhlkreis macht gerade mal 2 Prozent dieser gewaltigen Gemeinschaft aus.

Die hat andere Probleme, die Sie in Ihrem österlichen Segen an die "Stadt und den Erdkreis" angesprochen haben: das schiere Überleben nämlich für unsere Brüder und Schwestern, die ihren Glauben bekennen, in Nigeria, im Sudan und anderswo.

Die Weltkirche braucht Sie, Heiliger Vater.

Die größte Provokation für Ihre Gegner ist wohl, dass Sie jetzt gegen alle Wetten tatsächlich Ihren 85. Geburtstag feiern. Als Sie gewählt wurden, machten sich Ihre Gegner Mut damit, dass es wohl nicht lange dauern würde.

Nun haben Sie sie schon wieder geärgert.

Und ich lach mich schief.

Danke dafür.

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insgesamt 266 Beiträge
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    Seite 1    
1. Lieber Gott...
HirataDentata 15.04.2012
... bitte lass Verstand und Aufklärung kommen über unser Land, und die vollkommene Säkularisation. Dann, aber erst dann, mag Matthias "Prediger" Matussek Liebesoden an Kirchenobere publizieren, wann immer, wo immer er mag. Sogar bei SPON.
2. Möchte dem Heiligen Vater auch alles Gute wünschen!
al2510 15.04.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBenedikt XVI. ist die unterhaltsamste Störung der Moderne, die sich der liebe Gott einfallen lassen konnte. Wie der Heilige Vater seine Kritiker ein ums andere Mal widerlegt, ist schon sehr amüsant. Am Montag wird er 85 Jahre alt. Ein Geburtstagsgruß von einem bekennenden Papst-Fan. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,827594,00.html
und wünsche mir, dass er zum !000 Jährigen Jubiläum des Besuches von Benedikt dem VIII in Bamberg auch nach Bamberg kommt.
3.
grauegans 15.04.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBenedikt XVI. ist die unterhaltsamste Störung der Moderne, die sich der liebe Gott einfallen lassen konnte. Wie der Heilige Vater seine Kritiker ein ums andere Mal widerlegt, ist schon sehr amüsant. Am Montag wird er 85 Jahre alt. Ein Geburtstagsgruß von einem bekennenden Papst-Fan. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,827594,00.html
Warum dieser neophobe Hanswurst im Spiegel schreibt ist mir bis heute ein Rätsel, beim lesen dieses Mists tut einem ja das Hirn weh. Pfaffen sie woanders herum.
4.
Whitejack 15.04.2012
Mittlerweile bin ich überzeugt: Matussek und Fleischhauer werden als Quotenkonservative von SPON gehalten, um konservative Einstellungen zu diskreditieren. Denn nach dem Lesen der Kolumnen dieser beiden Schreiberlinge kann ein geistig gesunder Mensch einfach Konservative nicht mehr ernstnehmen, zumindest wenn er auf den Trick hereinfällt und die beiden wirklich als "typisch" begreift (was sie nicht sind). Der Witz an der Sache: Beide sind viel zu eitel, um das zu kapieren. Selbst wenn man es, wie ich jetzt gerade, ihnen ins Gesicht sagt. Die machen munter sich und konservative Einstellungen weiter lächerlich und glauben dabei auch noch, der Welt tiefgreifende Erkenntnisse zu geben. Wenn es nicht so raffiniert-fies von SPON wäre, man könnte darüber herzlich lachen. Aber Matussek sagt ja bereits selbst im Artikel, dass er gerne Geisterfahrer ist. Besserung ist also nicht in Sicht.
5. Journalisten oder Schreiberlinge?
uwecux 15.04.2012
Was bezweckt spon mit den Beiträgen von Matussek, Fleischhauer oder Broder? Kann mir mal jemand bei der Aufklärung helfen?
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