Benedikts erste 100 Tage Nummer 16 schweigt

"Wir sind Papst" - Die Euphorie in Deutschland war groß, als in Rom vor 100 Tagen ein Landsmann den Stuhl Petri bestieg. Obwohl sich seither inhaltlich in der Kirche nichts bewegt hat, sind viele in Joseph Ratzingers Heimat immer noch optimistisch. Für andere dagegen ist Benedikt XVI. nicht mehr als eine Nummer.

Von Dominik Baur


Papst bei der Generalaudienz: "Das ist ein anderer Ratzinger"
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Papst bei der Generalaudienz: "Das ist ein anderer Ratzinger"

Hamburg - "Annuntio vobis gaudium magnum; habemus papam." Als Kardinal Jorge Medina Estévez dem Kirchenvolk am Abend des 19. April von der Loggia des Petersdoms die frohe Nachricht verkündet, sitzt Bernd Jochen Hilberath wie Millionen andere vor dem Fernseher. "Eminentissimum ac reverendissimum dominum, dominum Iosephum..." Weiter muss Estévez nicht sprechen, die Menschen wissen genau, wer gemeint ist: Joseph Ratzinger, bislang Chef der Glaubenskongregation, ist neuer Papst.

Hilberath ist überrascht. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er gewählt würde. Ich musste mich einen Augenblick besinnen", erzählt der Tübinger Theologieprofessor. "Da war so eine Mischung aus Skepsis und Hoffnung auf die Wandlungsfähigkeit des neuen Papstes." Erste Anzeichen für eine solche gab es schon Minuten später. "Als er auf den Balkon trat, hatte ich den Eindruck, das ist ein ganz anderer Ratzinger, als ich ihn kenne", sagt Hilberath, der heute den Lehrstuhl für Dogmatische Theologie und Dogmengeschichte innehat, auf dem von 1966 bis 1969 Ratzinger saß. "Dieses Lächeln auf dem Gesicht. Da war eine Offenheit zu sehen."

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Ein Papst aus Deutschland: 100 Tage Benedikt

Ein völlig neuer Ratzinger also? Hatte sich der als "Großinquisitor aus Marktl", "Panzerkardinal" und "Rottweiler Gottes" verschriene Kirchenvertreter über Nacht in der Sixtinischen Kapelle zum versöhnlichen Pontifex gewandelt? War, wie es die härtesten der innerkirchlichen Ratzinger-Kritiker wohl formulieren würden, aus dem Saulus ein Paulus geworden? Erstaunen sollte es einen nicht; schließlich war doch die Wahl Ratzingers, glaubt man seinem Landsmann, dem Kardinal Joachim Meisner, "ein Wunder".

In der Tat ist die Begeisterung über den neuen Papst bei vielen deutschen Katholiken groß. Rita Waschbüsch, die Vorsitzende von "Donum Vitae" beispielsweise ist voll des Lobes für das neue Kirchenoberhaupt: "Der Start in dieses Amt war sehr gut", sagt die Katholikin, die mit Ratzinger als Kardinal wegen dessen Haltung zur Schwangerenkonfliktberatung öfters im Clinch gelegen hatte. "Er hat sich als offener, verbindlicher und vor allem als dialogwilliger Papst gezeigt."

Golf und Breitner

Hans Joachim Meyer, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), stimmt in das Lob ein: "Bisher hat er jene unter den Realisten bestärkt, die positive Erwartungen an dieses Pontifikat knüpfen." Meyer verweist zudem auf einen Anstieg der Kircheneintritte in der Bundesrepublik, seit ein Deutscher auf dem Stuhl Petri sitzt.

Benedikt kommt an. Bedenkt man die heftige Kritik, der sich Ratzinger gerade in seiner Heimat oft ausgesetzt sah, erscheint das überraschend. Die Metamorphose, die der Mann durchgemacht hat, muss radikal gewesen sein. Oder war es vielleicht doch weniger Ratzinger, der sich geändert hat, als vielmehr das Bild, das sich das Kirchenvolk von ihm macht? "Die öffentliche Meinung begegnet einem Papst anders als jemandem, von dem man sagt, er sei der oberste Glaubenshüter", erklärt Hilberath. Und Waschbüsch sagt: "Die Leute verwechseln manchmal die Aufgaben mit den Menschen. Ich bin mir sicher, dass Ratzinger als Papst erkennen wird, dass man neuen Problemen mit neuen Rezepten begegnen muss."

Optimismus allerorten. Die kritischen Stimmen scheint der positive Klangteppich gänzlich zu schlucken. "Ich trau dem Frieden nicht", sagt Horst Herrmann. Der soeben emeritierte Theologe aus Münster zieht eine ganz andere Bilanz von Benedikts ersten 100 Tagen. "Unter dem Strich bin ich von diesem Papst sehr enttäuscht."

Viel ist es tatsächlich nicht, was von den ersten 100 Tagen im Gedächtnis haften bleibt: Da ist der unbeholfen lächelnde und winkende Benedikt auf der Loggia; da ist die Einleitung des Seligsprechungsprozesses für Johannes Paul II.; da ist der Aufruf zum Boykott eines Bioethik-Referendums in Italien; da ist eine Reise zum Eucharistischen Kongress nach Bari; und da ist die Ankündigung, wiederverheiratete Geschiedene hätten auch künftig nichts bei der Eucharistie zu suchen. Der Rest war Urlaub - im Aosta-Tal. Mehr Aufsehen erregten da schon der Verkauf des "Papstgolfes" bei Ebay, das Papstbier von Marktl am Inn und die Nachricht, Benedikt sei mit Ex-Nationalspieler Paul Breitner verwandt.

"Lass die Aids-Kranken verrecken"

Bislang habe es keine Hinweise gegeben, dass von Benedikt XVI. irgendetwas Bedeutendes zu erwarten sei, findet Herrmann. Am wenigsten schwer wiegt in seiner Bilanz noch ein unseliger verbaler Ausrutscher gleich zu Beginn der Amtszeit Benedikts. Mit einem "Fallbeil" verglich der Papst seine Wahl - eine Wahl, die dem katholischen Glauben zufolge vom Heiligen Geist inspiriert ist. Herrmann regt sich viel mehr über Benedikts Auftritt bei einem Besuch afrikanischer Bischöfe in Rom auf: In einem Atemzug verdammte der Papst da Prostitution, Menschenhandel und Verhütung - und predigte Enthaltsamkeit. "Hat der nichts Wegweisenderes zu bieten als diesen alten Hut?" Kondome zu verbieten heiße doch nichts anderes als zu sagen: "Lass die Aids-Kranken einfach verrecken!" Herrmanns Urteil dieser päpstlichen Einstellung ist mehr als deutlich: "Inhuman, schäbig, kriminell."

"Bild"-Schlagzeile nach der Wahl Benedikts: "Wunsch Vater des Gedankens"
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"Bild"-Schlagzeile nach der Wahl Benedikts: "Wunsch Vater des Gedankens"

Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler ist ebenfalls enttäuscht von seinem neuen Papst. Statt sich ständig in Fragen der Sexualmoral zu verbeißen, sollte Benedikt lieber eine scharfe Enzyklika gegen das herrschende globale Wirtschaftssystem verfassen. Geißler will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich doch noch was bewegt. Aber das sei reiner Zweckoptimismus, gibt der Ex-Politiker zu. Mehr nicht. Ob er denn Ratzingers ersten Monaten im Amt gar nichts Positives abgewinnen könne? Doch. Dass Benedikt seinen Urlaub im Gebirge verbracht hat, findet der passionierte Bergsteiger sympathisch.

Und die Reformbewegung "Wir sind Kirche" bemängelt: "Die zentralen Fragen der katholischen Kirche bleiben ungelöst." Außer Ratzingers starrer Haltung in Fragen der Sexualmoral ärgert sie vor allem die einseitige Betonung der Ökumene mit der orthodoxen Kirche: Sie komme einer vorläufigen Absage an den Dialog mit den Protestanten gleich.

Doch viele deutsche Katholiken wollen sich einem derart harten Urteil nicht anschließen. ZdK-Präsident Meyer etwa verteidigt das Kirchenoberhaupt gegen das Etikett des Erzkonservativen: "Wer das geistige Spektrum der katholischen Kirche kennt, konnte Joseph Ratzinger niemals ernsthaft 'erzkonservativ' nennen." Immer wieder wird Ratzingers Wandlungsfähigkeit beschworen. "Schließlich gehören zu seiner Biografie", so Meyer, "sowohl das entschiedene Drängen auf Erneuerung der Kirche als Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil als auch die Tätigkeit als oberster Glaubenswächter der Kirche." Auch die Donum-Vitae-Chefin und ehemalige ZdK-Präsidentin Waschbüsch sieht einen veränderten Menschen: "Bisher war der Kardinal Ratzinger Verteidiger des Glaubens, jetzt ist er Spielmacher." Die neue Aufgabe werde auch den Menschen prägen.

Ein Bayer im Himmel

"Ich erwarte keine sensationelle Wendung", räumt Theologe Hilberath ein. "Benedikt wird sicher nicht die Frauenordination einführen, es wird noch nicht einmal der Pflichtzölibat aufgehoben werden, und es wird auch nicht schlagartig zu einer Kirchengemeinschaft mit den Protestanten kommen." Aber: "Auch bei Johannes XXIII. hätte man gesagt, da sei nichts zu erwarten." Und doch sei er derjenige gewesen, der das Zweite Vatikanische Konzil angeschoben habe. Es sei auch denkbar, dass Benedikt den Weg für einen Nachfolger bereitet, der dann wirkliche Reformen anstößt.

"Hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens", winkt Hilberaths Kollege Herrmann ab. Für ihn ist der Nachfolger von Johannes Paul II. lediglich ein Zählpapst. Es habe einen Benedikt XV. gegeben, es werde vielleicht einen Benedikt XVII. geben, der Amtsinhaber sei da nur das numerische Bindeglied. Auch die Behauptung des Papstes, er habe nie mit seiner Wahl gerechnet, nimmt Herrmann ihm nicht ab. Benedikt sei ein innerkirchlicher Karrierist, der lange auf dieses Amt hingearbeitet habe und nun den Traum seines Lebens erreicht habe: "Der ist jetzt ein Bayer im Himmel." Und halte es mit Leo X., dem Renaissance-Papst, der gesagt haben soll: "Der Herr hat uns das Papsttum verliehen, jetzt wollen wir es auch genießen."

Derweil warten die katholischen Schäfchen weiter auf ein wegweisendes Wort ihres Oberhirten. "Ich bin gespannt, was in seiner ersten Enzyklika steht", sagt Hilberath, "und was dann für konkrete Schritte folgen." Im Urlaub, heißt es, habe der Heilige Vater an seinem ersten päpstlichen Rundschreiben gearbeitet. Drei Koffer voller Bücher habe er dafür ins Aosta-Tal schleppen lassen. Doch noch schweigt Benedikt.

Der Weltjugendtag in wenigen Wochen wäre eine ideale Plattform, das Schweigen zu brechen. "Vielleicht fällt ihm oder dem Heiligen Geist ja etwas ein, was Medienaufmerksamkeit bringt", sagt Herrmann. "Wenn er dort das nächste Vatikanische Konzil ankündigt, dann hätte er seinen Platz in der Geschichte sicher. Dann kann er nächstes Jahr schon sterben. Aber ich denke eher, dass er wieder seine alten Sprüche loslässt."



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