Bericht der Atombehörde Japan hat Tsunami-Gefahr unterschätzt

Krisenmanagement "beispielhaft", Sicherheitsstandards nicht ausreichend: So lautet das vorläufige Fazit der Internationalen Atomenergiebehörde zum GAU in Japan. Demnach hat Tokio die Tsunami-Gefahr für Fukushima unterschätzt. Das Land brauche dringend neue Sicherheitsstandards.


Tokio - Ein Expertenteam der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) hat einen vorläufigen Bericht verfasst, der am Mittwoch der japanischen Regierung in Tokio überreicht wurde. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass die Tsunami-Gefahr gleich für mehrere Standorte in Japan falsch eingeschätzt worden sei.

Planer und Betreiber von Atomkraftwerken müssten die Risiken durch Naturkatastrophen besser abschätzen und die Anlagen entsprechend schützen, forderten sie. Der Deich um die Anlage in Fukushima war weniger als sechs Meter hoch, die verheerende Tsunami-Welle hingegen 14 Meter. Die Sicherheitsvorkehrungen müssten so effektiv und robust sein, dass sie nach einem schweren Unfall "rechtzeitig" in Gang gesetzt werden könnten.

Die 18-köpfige Expertengruppe um den Briten Michael Weightman hatte zehn Tage lang in Japan die schwerste Atomkatastrophe seit Tschernobyl untersucht. Zu seinem Team gehörten auch Spezialisten aus China, Russland und den Vereinigten Staaten. Der Anspruch ist hoch: "Wir versuchen, die Lage zu analysieren und die höchsten Sicherheitsstandards weltweit durchzusetzen", so Weightman.

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Japan: Das Krisen-AKW Fukushima
Zwar lobte die IAEA in der Zusammenfassung ihres Berichts den Umgang Tokios mit der Krise als "beispielhaft". Sie mahnte aber der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo zufolge eine bessere Kommunikation an. Zudem sprach sich das Team für die Schaffung einer unabhängigen Atomaufsicht aus.

Die Regierung in Tokio hatte die Experten der IAEA eingeladen. Ein Berater von Premier Naoto Kan erklärte, man werde die geltenden Normen an die neuen Anforderungen anpassen. Schon in der kommenden Woche werde man erste Reformen verkünden, so Goshi Hosono. Der komplette IAEA-Bericht soll bei einem internationalen Treffen zur Atomsicherheit im Juni in Wien vorgestellt werden.

Der Tsunami in Folge des Megabebens vom 11. März war den Wissenschaftlern zufolge eindeutig die direkte Ursache für die nachfolgende Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima. Derzeit sind nur noch 17 der insgesamt 54 Reaktoren im Land am Netz. Der jetzt veröffentlichte Bericht könnte die Debatte darüber befeuern, ob diese Anlagen überhaupt wieder in Betrieb genommen werden sollen.

Sollten tatsächlich alle japanischen Reaktoren, wie es Kritiker fordern, bis 2012 heruntergefahren werden, würden 30 Prozent der derzeit produzierten Elektrizitätsmenge fehlen.

In Folge des Megabebens und des Tsunamis wurden die Reaktoren des AKWs Fukushima schwer beschädigt. Die Brennstäbe der Reaktoren 1, 2, und 3 sollen größtenteils geschmolzen sein. Noch immer tritt aus der Ruine radioaktive Strahlung aus. Wann die Anlage unter Kontrolle gebracht werden kann, ist derzeit noch nicht absehbar.

ala/dpa

insgesamt 28 Beiträge
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Arne Karl 01.06.2011
1. Unterschätzen lohnt sich
Kosten aus Gefahren zu unterschätzen bzw. nicht zu kalkulieren, die andere tragen müssen steigert die Gewinne der Energieriesen weltweit. Die nicht versicherbare Atomwirtschaft lässt die virtuellen Versicherungsprämien (unendlich hoch) einfach später von der Allgemeinheit zahlen. Das lohnt sich.
jenzy 01.06.2011
2. !!!---!!!
welch ein glück das solche falscheinschätzungen in europa nicht möglich sind. nun sollten wir alle ein wenig entspannter sein....
Coroner 01.06.2011
3. Tokios Umgang mit der Krise als "beispielhaft" ?!
Mit dieser Beurteilung disqualifiziert sich die IAEA selbst. Was das Desater von Fukushima angeht haben die japanischen Betreiber und Behörden: - schwerste Sicherheitversäumnisse begangen - verschwiegen - vertuscht - gelogen. Nachweislich waren den Ingenieure von TEPCO bereits wenige Tage nach dem Erdbeben/Tsunami die Kernschmelzen bekannt. Falls sich die Behörden damit rausreden wollen, sie hätten TEPCO vertrauensvoll geglaubt, dann macht das die Sache um kein Haar besser. Sowohl TEPCO als auch die japanischen Behörden haben grob fahrlässig ihre Aufgaben vernachlässigt und die Öffentlichkeit getäuscht. Wenn nun die internationale IAEA solches Verhalten als "beispielhaft bezeichnet, zeigt sie damit, das ist sie selbst auch nicht besser ist. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Sovietunion den Unfall von Tschernobyl wesentlich besser gemanaged hat. In Japan haben wir eine anhaltende radioaktive Verseuchung deren Ende noch längst nicht absehbar ist.
Originalaufnahme 01.06.2011
4. ===
Zitat von sysopKrisenmanagement "beispielhaft", Sicherheitsstandards nicht ausreichend: So lautet das vorläufige Fazit der*Internationalen Atomenergiebehörde zum*GAU in Japan. Demnach hat*Tokio*die Tsunami-Gefahr*für Fukushima unterschätzt. Das Land brauche dringend neue Sicherheitsstandards. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,766087,00.html
Und wie lautet das Fazit unserer gewaehlten Poltiker zum Thema IAEA? Laut eigener Satzung ist die Organisation dafuer zustaendig "den Beitrag der Kernenergie zu Frieden, GESUNDHEIT und WOHLSTAND weltweit zu beschleunigen und zu vergroessern“. Ich weiss zwar nicht, inwiefern das Krisenmanagement von TEPCO etwas mit Gesundheit zu tun hat, aber vielleicht einer unserer Volksvertreter?
cemi 01.06.2011
5. Tolle Behörde
Und, um noch eins draufzusetzen, Block 1 ist als Folge des Erdbebens hochgegangen, der Zunami hat dann die anderen erwischt.
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