Missbrauchsbericht Mütter als Mitwisserinnen

Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat einen vorläufigen Bericht vorgelegt. Die erste traurige Erkenntnis: Missbrauchte Kinder bekommen nur selten Hilfe - auch weil mitwissende Mütter nicht eingreifen.

Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch
imago/ Metodi Popow

Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch


Der häufigste Tatort für Kindesmissbrauch ist die Familie. Und viel zu oft sind Mütter Mitwisser des Verbrechens. Der Zwischenbericht der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs legt den Finger in genau diese Wunde.

Der unabhängige Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Johannes-Wilhelm Rörig, erklärte im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, die zahlreichen Berichte von Betroffenen gäben einen tiefen Einblick in das Versagen der Mütter, die ihre Schutzrolle nicht wahrgenommen hätten.

"Sie sind als Mitwisserinnen nicht eingeschritten und haben ihren Kindern die geforderte Hilfe verwehrt." Es gebe Fälle, in denen Kinder ihre Mütter gefragt hätten, ob sie wüssten, "was der Papa mit mir macht". Die Mütter hätten daraufhin ihre Töchter als Hure oder Schlampe beschimpft.

"Meine Mutter hat uns nie gegen ihn geschützt, mit der Zeit wurde auch sie gewalttätig", berichtete ein Betroffener. "Nach außen waren wir jedoch immer die Vorzeigefamilie besonders meiner Mutter ist dieser Schein nach außen wichtiger als alles andere."

Gründe für das Dulden des Missbrauchs sind dem Bericht zufolge Abhängigkeiten, Ohnmachtserfahrungen oder Gewalt in der Partnerschaft. Dazu kämen auch die Angst vor einem Verlust des Partners oder der gesamten Familie sowie eigene Missbrauchserfahrungen.

Missbrauchsbeauftragter Johannes Rörig
imago/ photothek

Missbrauchsbeauftragter Johannes Rörig

Im Mai 2016 hatte die Kommission ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR. Bis zum 5. Mai 2017 hatten sich 943 Personen für eine vertrauliche Anhörung gemeldet, 190 davon wurden angehört. Zusätzlich gingen 170 schriftliche Berichte ein. Bei etwa 70 Prozent der Betroffenen fand laut der Kommission der Missbrauch in der Familie oder im engeren sozialen Umfeld statt.

Aufgrund der begrenzten Anzahl könnten noch keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden, heißt es in dem Zwischenbericht. Es ließen sich jedoch Kernprobleme und Forderungen ableiten:

  • Fast alle Betroffenen hätten berichtet, dass ihnen in der Jugend nicht geglaubt worden sei und sie diese Erfahrung auch als Erwachsene hätten machen müssen.
  • Die Anhörungen zeigten, wie einschneidend sexueller Missbrauch für die Betroffenen ist, schon die Schullaufbahn verlaufe oft anders, "als sie vermutlich bei einem gewaltfreien Aufwachsen verlaufen wäre". Ein Betroffener sagte: "Ich zahle lebenslang für etwas, was ich überhaupt nicht verschuldet habe."
  • Man müsse die Sensibilität in Institutionen und Behörden stärken, die Tabuisierung beenden, die Entschädigung erleichtern, fasst die Kommission die Aussagen der Betroffenen zusammen. Zudem erlebten viele die strafrechtliche Aufarbeitung als enorm belastend.
  • Vor allem im familiären Umfeld hätten viele Kinder den Missbrauch nicht offenbart - was den Aussagen zufolge auch mit der Täterstrategie zu tun hat, dem Kind zu drohen oder ihm Schuldgefühle einzureden. "Da hat er mir ins Ohr geflüstert: Das ist jetzt unser Geheimnis, das darfst du niemandem verraten, auch der Oma nicht. Sonst müssen wir alle ins Gefängnis", wird ein Betroffener zitiert. Ein anderer sagte: "Mir wurde schon immer eingebläut, nichts zu verraten. Die Polizei würde mich mitnehmen mit dem, was ich gemacht hatte."
Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs

Mit der Schaffung der unabhängigen Kommission habe man in Deutschland Neuland betreten, sagt Matthias Katsch vom Eckigen Tisch, einer Initiative, die sich seit 2010 für Betroffene aus Jesuitenschulen engagiert. Leider taugten angelsächsische Kommissionen wie die australische Royal Commission nur bedingt als Vorbild, weil diese "auf gesetzlicher Grundlage, in Vollzeit und auf gesicherter finanzieller Basis ihrem Auftrag nachkommen".

Die deutsche Kommission handle zwar im Auftrag des Bundestages, "arbeitet aber untergesetzlich und ehrenamtlich und ist zudem vergleichsweise knapp finanziell ausgestattet."

Die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen, warnte, dass in Zukunft keine Anmeldungen für vertrauliche Anhörungen von Betroffenen mehr entgegengenommen werden könnten. Zwar reichten die Mittel für die fast tausend Anmeldungen, die das Gremium bislang bekommen hat. "Wir wissen aber schon heute, dass der Bedarf viel höher ist", sagt Andresen dem SPIEGEL. Man brauche mehr finanzielle und personelle Ressourcen, auch über das Jahr 2018 hinaus.

Die Kommission bekam 2017 mit 1,6 Millionen Euro nur die Hälfte der Mittel, die sie ursprünglich als notwendig kalkuliert hatte. Zum Vergleich: Einer in England und Wales eingesetzten Kommission mit ähnlichen Aufgaben stehen pro Jahr umgerechnet 23 Millionen Euro zur Verfügung.

ala/hut/dpa

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.