Bericht zu Zwangsarbeit Fast 36 Millionen Menschen leben als Sklaven

Kinder werden zur Arbeit gezwungen, Männer dürfen wegen hoher Schulden nicht kündigen, Frauen werden als Hausangestellte schwer misshandelt: Auch heute gibt es noch Millionen Sklaven - selbst in Europa.

Sklavin in einem Slum in Mauretanien: Vier Prozent der Bevölkerung werden ausgebeutet.
REUTERS

Sklavin in einem Slum in Mauretanien: Vier Prozent der Bevölkerung werden ausgebeutet.


London - Die Stiftung Walk Free ist eine in Australien beheimatete Menschenrechtsgruppe, die weltweit zu Sklaverei und Menschenhandel forscht. Jetzt hat sie ihren zweiten Jahresbericht zu dem Thema veröffentlicht - und der ist erschreckend: Die Autoren analysierten die Situation in 167 Ländern und mussten feststellen: In allen gab es sexuelle Ausbeutung, Zwangsarbeit oder Zwangsverheiratungen.

Waren es im vergangenen Jahr noch insgesamt 29,8 Millionen Menschen, die ausgebeutet wurden, sind es im aktuellen Index 35,8 Millionen. An der unrühmlichen Spitze des Rankings steht Mauretanien. "Sklaverei ist in der mauretanischen Gesellschaft verwurzelt", heißt es in dem Bericht. Vier Prozent macht hier der Anteil der Sklaven aus - fast genauso viele sind es in Usbekistan, wo die Regierung jedes Jahr im Herbst mehrere Millionen Männer, Frauen und Kinder zur Baumwollernte zwingt.

Auf Platz drei steht Haiti, gefolgt vom Emirat Katar, das Ausrichter der Fußball-WM 2022 ist und wegen seines notorischen Versagens im Kampf gegen Zwangsarbeit in der internationalen Kritik steht.

Rechtlos, unbezahlt, misshandelt

Dem Bericht zufolge hat die moderne Sklaverei viele Gesichter: Da gibt es Kinder, denen der Zugang zu Bildung verwehrt wird, weil sie zur Arbeit gezwungen oder früh verheiratet werden. Oder Männer, die wegen hoher Schulden bei den Arbeitsvermittlern nicht kündigen können. Außerdem Frauen und Mädchen, die rechtlos als unbezahlte Hausangestellte gehalten und schwer misshandelt werden.

Indien ist das Land mit den meisten Sklaven überhaupt: Bis zu 14,3 Millionen der insgesamt 1,25 Milliarden Einwohner werden in die Prostitution oder zur Arbeit gezwungen. Beim Pro-Kopf-Verhältnis liegt der Subkontinent auf Rang fünf.

Der rasante Anstieg der Sklaverei weltweit um etwa 20 Prozent liegt den Verfassern des Berichts zufolge weniger an einem generellen Anwachsen der Ausbeutung, sondern an der besseren Datenerfassung und aufwendigen Recherche.

Am unteren Ende der Liste finden sich Island und Luxemburg mit jeweils einhundert Opfern. Auch Irland und Frankreich schneiden vergleichsweise gut ab. Doch selbst wenn Europa im Vergleich zur Bevölkerungszahl mit 1,6 Prozent die niedrigste Rate weltweit aufweist, zählte die Organisation doch 566.200 Opfer von Sklaverei - oft sexuelle oder wirtschaftliche Ausbeutung. Bulgarien, Tschechien und Ungarn sind dabei die schlimmsten Länder. Die meisten Fälle wurden aber in der Türkei mit 185.500 gezählt, darunter auch die Zwangsverheiratung von Kindern.

ala/AFP



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