Angriff auf Israeli in Berlin "Ich glaube, es gibt in der Gesellschaft einen latenten Antisemitismus"

Wie lebt eine Jüdin in Berlin? Welche Wirkung haben Angriffe wie der jüngste in Prenzlauer Berg? Im Interview schildert Juna Grossmann ihre Erfahrungen.

Facebook/privat/JFDA

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In Berlin ist ein 21-jähriger Israeli mit einem Gürtel geschlagen worden. Die Attacke löste Empörung aus. Kanzlerin Angela Merkel sprach von einem "schrecklichen Vorfall".

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zeigte sich erschüttert. "Ich hatte bereits vor einigen Jahren auf die Problematik hingewiesen, in muslimisch geprägten Stadtvierteln eine Kippa zu tragen", sagte er dem SPIEGEL. "Dieser Vorfall hat sich im gutbürgerlichen Prenzlauer Berg ereignet. Hier wurde eine rote Linie deutlich überschritten." Der Fall müsse mit der vollen Härte des Gesetzes geahndet werden.

In Berlin war es in den vergangenen Monaten immer wieder zu antisemitischen Übergriffen gekommen. Wie fühlt sich für eine Jüdin das Leben in der deutschen Hauptstadt an?

Juna Grossmann ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Sie bloggt über jüdisches Leben und arbeitet bei der Stiftung "Topografie des Terrors".

Juna Grossmann (Archiv)
Steffen Lüdke

Juna Grossmann (Archiv)

SPIEGEL ONLINE: Sie leben und arbeiten in Berlin. Wurden Sie dort schon mal auf der Straße als Jüdin angegangen?

Juna Grossmann: Nein, in der letzten Zeit nicht. Ich trage zwar den Davidstern als Kette und verstecke das auch nicht. Aber das zu sehen, müsste man mir schon ins Dekolleté schauen. In Gesprächen höre ich allerdings schnell Kommentare zu Israel oder Palästina und soll mich rechtfertigen. Da muss ich dann oft klarstellen: Ich bin Deutsche.

SPIEGEL ONLINE: Sie bloggen und twittern über jüdische Themen. Bekommen Sie viele antisemitische Reaktionen?

Grossmann: Ja. Meistens sind es die bekannten Ressentiments, die Juden und das Geld,… Dinge, bei denen ich denke, sie sind mittelalterlich. Ich bin sogar schon der rituellen Kindestötung beschuldigt worden. Ich kenne Blogger, die wegen solcher Reaktionen nicht mehr über Antisemitismus schreiben. Diese Stimmen fehlen.

SPIEGEL ONLINE: Denken auch Sie manchmal ans Aufhören?

Grossmann: Ja, aber dann hätten die Hetzer gewonnen. Nach ein paar Tagen Abstand geht es wieder. Irgendwer muss ja drüber sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie von körperlichen Angriffen wie jetzt in Prenzlauer Berg hören - was denken Sie dann?

Grossmann: Mich erschreckt das jeden Tag mehr. Ich beobachte auch einen belehrenden Unterton der Gesellschaft, eine Täter-Opfer-Umkehr. Bestimmt heißt es wieder irgendwo: Man darf halt keine Kippa tragen. Aber darum geht's ja nicht! Warum müssen die, die angegriffen werden, sich verstecken? Es ist Aufgabe der Gesellschaft, sie zu schützen; es ist Aufgabe jedes einzelnen Bürgers.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich in Berlin als Jüdin sicher?

Grossmann: Nicht mehr so sicher wie früher. Wenn mein Freund zu mir sagt: "Pass auf dich auf", dann gibt mir das zu denken. Das kriegt einen anderen Ton, wenn wieder so etwas wie jetzt passiert ist. Ich passe ohnehin auf, das muss er nicht sagen. Wir reden schon zuhause viel über die Angriffe und meine Mutter macht sich Sorgen. Das ändert das Leben, man ist vorsichtiger und bedachter.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hat sich Ihr Denken verändert?

Grossmann: Ich habe lange gedacht, das antisemitische Täter ein paar vereinzelte Verrückte und Ewiggestrige sind. Aber mittlerweile glaube ich, dass es in der Mehrheit der Gesellschaft einen latenten Antisemitismus gibt. Irgendwann schlägt das durch. Das ist ein komisches Gefühl, wenn man sich nicht mehr auf sein Land, seine Demokratie verlässt.

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen Sie sich?

Grossmann: Dass nach solchen Angriffen nicht wieder so schnell Normalität einkehrt. Dass nicht wieder so getan wird, als sei das kein Problem mehr. Dass Leute nicht aus Angst vor Widerspruch schweigen. Warum gibt es keine Spontan-Demo? Warum geht man nicht mal auf die Straße?



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