In Berlin angegriffener Israeli "Jeder sollte das Recht haben zu tragen, was er will"

Er wurde in Berlin angegriffen, weil er eine Kippa trug: Adam schildert, wie er den Vorfall im Prenzlauer Berg erlebte. Er habe nichts provozieren wollen, sagt der 21-jährige Israeli.

Facebook/privat/JFDA

Von und


Zwei Tage nach dem Angriff ist Adam noch mitgenommen. Er habe etwas Schmerzen, sagt er am Telefon, er wolle noch zum Arzt gehen. Ein junger Mann hatte ihn am Dienstagabend in Berlin mit einem Gürtel geschlagen und auf Arabisch beschimpft, weil Adam eine Kippa trug.

Adam, ein 21 Jahre alter Israeli, filmte den Angriff mit dem Handy und lud ihn in einer geschlossenen Facebook-Gruppe hoch. Das Video verbreitete sich rasant, der Fall löste große Empörung aus, Kanzlerin Merkel äußerte sich, Außenminister Heiko Maas und Justizministerin Katarina Barley verurteilten die Tat als "unerträglich", die "Washington Post" und das israelische Fernsehen berichteten.

Ein antisemitischer Angriff in einem bürgerlichen Stadtteil Berlins, kurz nach dem Holocaust-Gedenktag in Israel, mitten in einer aufgeregten Antisemitismus-Debatte um die Rapper Kollegah und Farid Bang. Adam erzählte seine Geschichte vielfach in den Medien, das ideologisch aufgeladene Thema wurde im Netz hitzig diskutiert - und manche Kommentatoren zweifelten auch an Adams Version. Man sieht nicht, was vor dem Video geschah, und der Schläger aus dem Video war abgetaucht.

Dass Adam nicht immer richtig verstanden wurde, machte die Sache noch komplizierter. Nun will er seine Sicht der Dinge klarstellen. Doch der Reihe nach.

Geschenk aus Tel Aviv

Adam lebt eigenen Angaben zufolge seit drei Jahren in Deutschland, er studiert Tiermedizin. Kürzlich war er wieder mal in Tel Aviv, dort habe ihm ein jüdischer Freund eine Kippa geschenkt. Er selbst sei kein Jude, sagt Adam, aber er habe sich über das Geschenk gefreut, er habe "Solidarität zeigen" wollen, so kurz nach dem israelischen Holocaust-Gedenktag. Also trug er die Kippa in Tel Aviv und auch im Flugzeug zurück nach Deutschland. "Ich glaube, jeder sollte das Recht haben zu tragen, was er will."

Sein jüdischer Freund in Israel habe ihm gesagt, in Berlin solle er die Kippa lieber nicht aufsetzen, das sei gefährlich. Doch Adam wollte das nicht glauben. Er habe zeigen wollen, dass es sicher sei, sagte er in einem auf Englisch geführten Gespräch mit der Deutschen Welle. In dem Interview sagte er auch, es sei eine "experience" gewesen, die Kippa in Berlin zu tragen, eine "Erfahrung". In einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, die auch SPIEGEL ONLINE aufgriff, wurde die Formulierung fälschlicherweise mit "Experiment" übersetzt.

Er habe am Dienstag, als er die Kippa in Berlin trug, nichts provozieren oder inszenieren wollen, sagt Adam auf Nachfrage. Das sei "Schwachsinn" und "Quatsch": "Wenn das mein Ziel wäre, würde ich mir eine Kippa in Neukölln aufsetzen." So einen Angriff wolle ja ohnehin niemand erleben.

"Ich filme dich"

Warum er am Dienstag in Berlin überhaupt Kippa trug, obwohl er kein Jude ist? "Ich bin in Israel aufgewachsen unter Juden", sagt Adam. "Ich habe auch eine zweite Familie, die jüdisch ist, meine ganzen Freunde sind jüdisch. Von daher habe ich das Gefühl, dass das auch ein Teil von mir ist." Er habe sich solidarisch zeigen wollen, wiederholt er.

Am Dienstag seien er und sein deutscher Freund auf dem Weg zur U-Bahn gewesen, um bei einem weiteren Freund etwas abzuholen. Nach wenigen Minuten seien sie dann von drei jungen Männern bepöbelt worden. Sie hätten die drei zunächst ignoriert, sagt Adam, dann habe sein Kumpel die drei aufgefordert, sie in Ruhe zu lassen. Einer der jungen Männer sei dann auf ihre Straßenseite gewechselt und aggressiv auf ihn zugegangen, so Adam.

Als der Angreifer den Gürtel in die Hand nahm, habe er mit dem Handy gefilmt, in der Hoffnung, das würde den aggressiven Jugendlichen abschrecken, sagt Adam. In dem Video ist auch zu hören, wie er ruft: "Ich filme dich." Doch der wütende junge Mann beschimpft ihn nur und schlägt mehrfach mit dem Gürtel zu.

Der Angriff im Video:

Facebook/privat/JFDA

Sein Freund sei aus Angst kurz weggerannt, sagt Adam, er habe dem Schläger allein gegenübergestanden. Er habe versucht zu filmen, aber auch, sich vor den Schlägen zu schützen. Deswegen sehe man an einer Stelle auch nichts mehr auf dem Video.

Adam sagt auch, er habe den Film als Beweis für die Polizei haben wollen. Die drei pöbelnden Jugendlichen entfernten sich schließlich. Als Adam hinterherging, soll einer noch eine Flasche genommen haben, um ihn zu schlagen. Eine Zeugin habe alles beobachtet, sagt Adam. Die Stimme der Frau ist auch im Video zu hören; sie sagt, sie werde die Polizei rufen. Als die Beamten eintrafen, waren die Verdächtigen verschwunden.

Doch es dauerte nicht lange, bis erste Hinweise eingingen, der Mann mit dem Gürtel war in dem Video gut zu erkennen. Der mutmaßliche Schläger hat sich inzwischen der Berliner Polizei gestellt: Der 19-Jährige aus Syrien, der seit 2015 in Deutschland sein soll, meldete sich nach Informationen des SPIEGEL mit einer Anwältin bei den Ermittlern. Er sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

Adam ist erleichtert. "Ich glaube, dass er sich gestellt hat, weil er gesehen hat, dass das Video überall ist und er keine Chance hat."

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.