Übermalte Nazi-Symbole "Aus einem Hakenkreuz wird einfach eine Eule"

Berliner Graffitikünstler haben rassistischen Schmierereien den Kampf angesagt. Sie nehmen die Hassbotschaften persönlich - und antworten einfallsreich.

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An die erste Verschönerung erinnert sich Ibo Omari noch genau. Vor mehr als zwei Jahren stand ein Mann in seinem Laden, der wollte zwei Spraydosen kaufen, sah aber so gar nicht aus wie ein Graffitikünstler. Anliegen und Absicht des Mannes, stellte sich auf Nachfrage heraus, unterschieden sich deutlich von denen der meisten Kunden.

Jemand habe ein großes Hakenkreuz auf eine Spielplatzmauer im Kiez gemalt, sagte der Mann, ein Anwohner und Vater. Er wolle es übersprühen. "Ich habe ihm zuerst nicht geglaubt", sagt Omari heute. Er steht im "Legacy", seinem Fachgeschäft für Graffitizubehör in Berlin-Schöneberg, hinter dem Tresen und vor einer großen Wand von Spraydosen.

Damals schloss Ibo Omari seinen Laden ab und begleitete den Mann zum Kinderspielplatz. Dort sah er an einer Wand ein Hakenkreuz. Es wurde zum ersten Nazi-Symbol, das sie hier übermalten - oder wie Omari sagt: verschönerten. Aus dem Hakenkreuz wurde ein Moskito, der vor einem Kescher davonfliegt.

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Paint Back: Vom Hakenkreuz zum Zauberwürfel

"Wir haben das persönlich genommen, es war bei uns im Kiez lange nicht vorgekommen", sagt Omari. Mit seinem Hip-Hop-Kulturverein "Die kulturellen Erben" startete er daraufhin "Paint Back" - ein Projekt mit Workshops für Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren. "Wir zeigen ihnen Fotos von Hakenkreuzen, die in der Stadt gesichtet werden", sagt Omari. "Die Kinder entwickeln dann Symbole, mit denen sie diese übermalen."

Inzwischen haben sie in Berlin knapp 20 Hakenkreuze übermalt. Bekannte Graffitikünstler arbeiten dabei mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Die Aktionen seien stets legal, betont Ibo Omari. Sie würden immer beim Hauseigentümer, bei der Bahn oder dem Land Berlin anfragen und eine Erlaubnis einholen.

Eine Werbeagentur unterstützte das Projekt. Ein Video, das die Sprayer beim Übermalen von Hakenkreuzen zeigt, wurde auf YouTube fast 200.000-mal angeschaut. Sprayer in anderen deutschen Städten zogen ebenso nach wie Menschen in Spanien, Italien und Griechenland.

"Letztes Jahr habe ich eine Postkarte aus Valencia bekommen", sagt Ibo Omari. Er bekomme auch Anfragen aus anderen deutschen Städten. "Wir können aber nicht durch ganz Deutschland fahren. Wenn mich Leute aus Köln oder Hamburg anrufen, dann sage ich: Informiert euch selbst!"

Letztlich wolle er das Bewusstsein junger Menschen schärfen, sagt Ibo Omari. Sie müssten nicht gleich zur Dose greifen, es genüge, rassistische Schmierereien zu melden.

Und doch ist "Paint Back" ohne Omaris Beziehung zu der Spraydose nicht denkbar. "Ich bin in Berlin-Schöneberg aufgewachsen", sagt er. Es ist ein Satz, den er im Gespräch öfter sagt, einer, mit dem er vieles begründet. "Das heißt: Ich bin mit Hip-Hop-Kultur aufgewachsen, mit Graffiti."

Gerade deshalb hätten ihn die gesprayten Hakenkreuze besonders gestört, mehr noch als solche, die mit Stiften in Aufzüge oder auf S-Bahn-Stationen gekritzelt werden, sagt Omari. Hier werde Graffitikunst für Hassbotschaften zweckentfremdet. "Graffiti richtet sich aber absolut gegen rassistische Ideologien. Deshalb dachten wir uns: Wir antworten darauf auf unsere Art."

Migrationshintergrund? Ein hässliches Wort

Ibo Omari nimmt die Nazi-Schmierereien doppelt persönlich: als Junge aus dem Kiez und als Bewahrer der Graffitikultur. Bei der Frage, ob er sie auch unter einem dritten Aspekt persönlich nehme, weil er ja auch einen Migrationshintergrund habe, fällt Omari einem ins Wort. In das Wort Migrationshintergrund, um genau zu sein; er schneidet es in der Mitte durch, lässt die letzten drei Silben nicht zu. "Das ist so ein hässliches Wort", sagt der 37-Jährige mit kurdischen Wurzeln. "Ich bin durch und durch ein Berliner Junge."

Naja, so ganz stimme das nicht, präzisiert er über die Theke seines Ladens hinweg. Die ersten zehn Tage seines Lebens hätte er woanders verbracht. Geboren sei er in Warschau. In einem kurzen Einschub erzählt Omari von den Tagen vor seiner Geburt. Er schildert sie in einem Ton, in dem man sonst Nebensächliches schildert. Die wenigen Tage aber enthalten mehr Dramatik als manches Leben.

Während des Bürgerkriegs im Libanon habe eine Bombe den Billardsalon seines Großvaters zerstört. "Meine Eltern sind dann zum Flughafen gefahren. Einige Ostblock-Airlines flogen damals Leute aus", sagt er. "Meine Mutter war hochschwanger und hätte eigentlich nicht an Bord gehen dürfen. Wegen der humanitären Lage wurde aber eine Ausnahme gemacht. Zur Welt gekommen bin ich dann im Flughafenkrankenhaus in Warschau. Wenige Tage später ging es nach Berlin."

Wie dem auch sei, das Wort Migrationshintergrund findet Ibo Omari hässlich. Kinder zum Beispiel benutzten es nie. Stattdessen leisteten die Kinder, die bei "Paint Back" mitmachen, einen entscheidenden kreativen Beitrag. Wenn es darum gehe, Hakenkreuze zu übermalen, seien die erwachsenen Künstler oft zu verkopft, zu verbissen. "Kinder gehen aber ganz unverkrampft und mit Humor an die Sache", sagt Omari. "Aus einem Hakenkreuz wird dann einfach eine Eule."



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