Berlin-Neukölln Der Hinterhof der Hauptstadt

Jugendgewalt, soziale Verelendung, Bildungsnotstand: Längst ist Neukölln zum Synonym geworden für eine aus den Fugen geratene Gesellschaft. Nur wenige Minuten vom Berliner Regierungsviertel entfernt, konzentrieren sich die Probleme der Republik. SPIEGEL TV hat sich im Kiez umgesehen.

Von Markus Pohl


Berlin - Hier gibt es nichts zu holen, das ist Frank Bossin nach dem ersten Blick klar. Hinter den verschmierten Scheiben sind nur noch leere Räume zu sehen. Ein paar Kabel am Boden, herausgerissene Armaturen. Nichts deutet darauf hin, dass hier vor kurzem noch Döner verkauft wurden.

"Typisch für Neukölln", sagt Bossin, "die müssen den Laden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgeräumt haben." Bossin ist Gerichtsvollzieher, seit 16 Jahren schon. Eigentlich wollte er von dem verschuldeten Döner-Dealer eine Eidesstattliche Versicherung einholen. Jetzt zieht er, wie so oft, mit leeren Händen ab.

Bossins Mission ist fast aussichtslos. Der 42-jährige Beamte soll Geld eintreiben in einem Viertel, in dem jeder Zweite von Sozialleistungen lebt. "Hier sind die Leute teilweise jenseits von Gut und Böse", sagt Bossin. "Die sitzen den ganzen Tag vorm Fernseher, gucken Gameshows und leben von Hartz IV."

Bossin trägt Pferdeschwanz, eine modische Sonnenbrille und eine Camouflage-Jacke. Man könnte ihn sich gut in einer Werbeagentur vorstellen. Stattdessen streift er fast täglich durch den Neuköllner Norden. Mehr als 150.000 Menschen leben hier in dichtgedrängten Gründerzeit-Bauten. Die Straßen säumen Billig-Discounter, Handy-Läden und Imbissbuden. Es ist der Hinterhof der Hauptstadt: 50 Prozent Migrantenanteil, die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 35 Prozent.

Der Arbeitslose

Michael Hess ist einer von Bossins ältesten Fällen. Es ist zehn Uhr morgens, das Klopfen des Gerichtsvollziehers hat den Arbeitslosen aus dem Schlaf geschreckt. Auf dem Couchtisch leere Bierflaschen, daneben ein verschlafen wirkender Besucher. "Wir haben gestern was getrunken", entschuldigt sich Hess, "dann sind wir eingepennt." 15.000 Euro Schulden hat der 60-Jährige angehäuft. "Die verjähren, wenn ich tot bin", sagt Hess gelassen. "Die können warten."

Der Wegfall der Berlin-Subventionen nach der Wende hat Neukölln besonders hart getroffen. Zehntausende Arbeitsplätze in der Industrie wurden eingespart. Übriggeblieben ist ein Heer gering Qualifizierter ohne Perspektive. Wer aufsteigen will, verlässt den Kiez. Auch Gerichtsvollzieher Frank Bossin hat zehn Jahre in Neukölln gewohnt. Dann packte er die Koffer, seines Sohnes wegen: "Ich wollte nicht, dass mein Kind in Neukölln zur Schule gehen muss."

Man ahnt warum, wenn man die Karl-Weise-Grundschule besucht. Draußen patrouillieren private Wachschützer, drinnen steht Lisa Fey in einem kleinen Klassenzimmer. Violetter Pulli, lange schwarze Haare, Ring im rechten Nasenflügel. Eine engagierte Pädagogin, die gerade einer Förderklasse Lese- und Rechtschreibunterricht erteilt: ein Deutscher, sechs Migrantenkinder. Selbst einfachste Dinge müssen die Drittklässler noch üben. "Wir haben hier Kinder, die nicht wissen, wie man einen Stift richtig hält", sagt Fey.

Die Schüler

Vor Kurzem wurde die gesamte dritte Jahrgangsstufe einer Schreibprobe unterzogen. Das Ergebnis war verheerend. Nahezu die Hälfte aller Schüler hat gravierende Probleme mit der deutschen Sprache. Sollen die Kinder "Fernseher" schreiben, kommt nicht selten "frensia" heraus. "Sie schreiben wie sie sprechen", sagt die Lehrerin. "Viele Eltern haben selbst so große Defizite, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu fördern."

Paul soll "Schiedsrichter" an die Tafel schreiben. Ein schüchterner Neunjähriger mit Nickelbrille, der ein wenig lispelt. Unsicher fährt die Kinderhand mit der Kreide über die Tafel. "Zitsrechta" steht da schließlich. "Wenn wir jetzt nicht eingreifen", sagt Fey, "dann kann es sein, dass die Kinder lebenslang Analphabeten bleiben."

Von den Neuköllner Migrantenkindern verlassen drei Viertel die Schule ohne Abschluss oder mit Hauptschulzeugnis. Eine Jugend ohne Perspektiven, die abzurutschen droht. Nirgendwo in Berlin ist die Jugendkriminalität ein größeres Problem: 162 Intensivtäter führt die Polizei in Neukölln in den Akten. Die Zahl hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht.

Der Rapper

Jahrelang hat auch Ali Kaya Neukölln unsicher gemacht, ein 20-jähriger Deutsch-Türke mit Silberkettchen und Gel-Frisur. Aufgewachsen als Sohn eines sittenstrengen Imams, war er auf der Straße Anführer einer Gang von 60 Jugendlichen. "Es verging kaum ein Tag ohne Schlägerei", sagt Ali. Die Gang nannte sich R44 - nach der alten Postleitzahl Neuköllns. Einige Mitglieder landeten schließlich im Gefängnis. Kaya hat daraus gelernt: "Ich mach lieber Rap statt Überfälle", sagt er heute.

In seinen Liedern aber leben die alten Zeiten weiter. "Ich bin die Plage der Straße", rappt er als DJ AK: "Die erste Kugel ist gratis und wenn ich mit dir fertig bin, weißt du, wer von uns hart ist." Zehntausende klicken seine Videos im Internet an. Es ist der Soundtrack der zu kurz gekommenen Migrantenjugend.

In der Nähe des S-Bahnhofs Neukölln ist Kaya mit einigen Freunden verabredet. Später wollen sie ein neues Rap-Video drehen. Einer führt einen Kampfhund an der Leine, fast alle haben Messer griffbereit unterm Gürtel versteckt. "Normal", sagt einer mit Türkei-Trainingsjacke und roter Baseballmütze. "Das ist nicht, um Leute abzustechen, aber wenn etwas passiert, muss man es in der Tasche haben."

Fernab der Ghetto-Attitüde, direkt an der Grenze zu Kreuzberg, leuchtet derzeit so etwas wie Hoffnungsschimmer. Angelockt von billigen Mieten haben sich hier in den vergangenen Jahren viele junge Leute angesiedelt. Überall eröffnen Boutiquen, Bars und Szenecafés. Künstler und Kreative haben dafür gesorgt, dass der Kiez mittlerweile als hippes Szeneviertel "Kreuzkölln" gilt.

Die Transen

Stellenweise wirkt Neukölln hier quietschbunt statt knallhart. In der Galerie St. St. etwa strahlen die Wände gelb und rosa, überall hängen großformatige Gemälde mit Blumen und erotischen Motiven. Mittendrin Zsa Zsa und Juwelia, zwei grell geschminkte Transvestiten, die gemeinsam den Laden betreiben. "Man ist hier schon so eine Art Pionier", sagt Zsa Zsa.

In ihrem Laden haben sich die beiden ein Stück Freiheit auf 50 Quadratmetern geschaffen. Gut 20 Gäste sind an diesem Abend zur Performance gekommen. Transen, Schwule, Szenegänger. Die Musik kommt aus dem CD-Player, Zsa Zsa und Juwelia singen Chansons und tanzen. Alles mehr gewollt als gekonnt, aber sehr unterhaltsam. "Das ist wie New York in den 80ern", sagt ein Besucher mit leuchtenden Augen. "Du gehst durch eine dunkle Straße, hast Angst, gleich wird dein iPod geklaut, und dann ist da eine Kneipe rammelvoll mit jungen Leuten."

Schon fürchtet mancher um den ursprünglichen Charakter des Kiezes. In Internet rufen linke Aktivisten zum Kampf gegen Gentryfizierung und Latte-Macchiato-Trinker auf. Vielleicht sind die Kreativen und Künstler tatsächlich Vorboten eines wirtschaftlichen Aufschwungs. Wahrscheinlicher aber ist, dass auch sie irgendwann Neukölln den Rücken kehren. Spätestens dann, wenn die eigenen Kinder schulpflichtig werden.

Szenen aus dem Leben der Neuköllner sind ab heute täglich auf SPIEGEL ONLINE zu sehen. Die Filme basieren auf einem SPIEGEL-TV-Special "Leben im Brennpunkt: Berlin Neukölln" von Markus Pohl



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