Muslimische Männergruppe in Neukölln "Meine Schwester kann machen, was sie will" 

In Berlin-Neukölln diskutiert ein halbes Dutzend muslimischer Männer jeden Dienstagabend über Politik, Frauen und ihr Selbstverständnis. Auch wenn es nicht immer leicht fällt.

Faiz im Gespräch
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Faiz im Gespräch

Von Caroline Schmidt


Der Sozialarbeiter Mehmet Kiratli, 56, trägt Jeans, einen blauen Rollkragenpullover und glaubt an die Kraft des Wortes. Der Rede. Der Kommunikation. Daran mangele es in der muslimischen Welt, findet er. Und er hat auch schon einen Schuldigen für dieses Problem ausgemacht: Den "orientalischen Mann". Er zeige, sagt er, "keine Schwäche". Auch nicht, wenn er arbeitslos ist. Oder seine Ehe gegen die Wand fährt. Oder alles gleichzeitig eintritt, und das ist gar nicht so selten hier in Berlin-Neukölln.

Kiratli leitet deshalb in seiner Freizeit eine Männergruppe mit der Freude eines Menschen, der weiß, dass er etwas Sinnvolles tut. Er hat in die Räume des Vereins Aufbruch in Neukölln geladen, ihm gegenüber: Sieben muslimische Männer zwischen 30 und 55 Jahren, die meisten mit türkischen Wurzeln. Sie wollen jetzt zwei Stunden miteinander sprechen. Hauptthema heute: Die Ereignisse an den Silvesterabenden in Köln und anderswo, als vor allem muslimische Männer Frauen angrabschten und misshandelten.

Kiratli blickt ernst in die Runde, schaut die Männer nacheinander prüfend an und sagt, er finde, sie müssten sich doch als "orientalische Männer" fragen, was das mit ihnen zu tun hat. Erste Reaktion: nichts. Sie seien hier alle gegen Gewalt, und waren das nicht vor allem Flüchtlinge gewesen, die keine Ahnung von Sitten und Gebräuchen hier in Deutschland hätten?

Mehmet Kiratli
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Mehmet Kiratli

Kiratli lässt nicht locker. Und deren Frauenbild? Käme ihnen das nicht ein wenig bekannt vor? Schweigen. Man könne schon davon ausgehen, dass diese Männer deutsche, unverschleierte Frauen für "ehrlos" gehalten hätten, wagt sich Murat vor, 33 Jahre alt, Baseballkappe. Aber, ergänzt er, man müsse bedenken, dass sie "alle betrunken waren". Kiratli kontert sofort, das sei eine Entschuldigung, die er hier nicht gelten lasse. Wieder Schweigen.

Den Männern fällt es sichtlich schwer, über das delikate Thema zu sprechen. Und so kreist die Gruppe lange um die Frage, wie sie selbst Frauen wahrnehmen, warum Frauen in der arabischen und der türkischen Kultur oft hinter Mauern versteckt werden und inwiefern dieser Umstand dazu geführt haben könnte, dass Tausende Männer besonders an diesem Silvesterabend in Köln ausgerastet sind. Am Ende hält Kiratli ein langes Plädoyer dafür, dass alle Männer sich mit der Frage befassen sollten, wie eigentlich ihr Gehirn "ticke".

Ob es um sexuelle Übergriffe geht oder darum, wieweit man als Mann auch noch die erwachsene Schwester erziehen darf: Die Meinungen sind sehr unterschiedlich. Manche Männer argumentieren modern ("meine Schwester kann machen, was sie will"), andere konservativ ("deutsche Männer wollen doch auch nicht, dass ihre Schwester als Flittchen gilt"), und wieder andere haben sich noch kaum Gedanken über diese Themen gemacht und hören interessiert zu.

Gesprächsrunde in Neukölln
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Gesprächsrunde in Neukölln

Der Psychologe Kazim Erdogan, 63, hat den Verein Aufbruch vor über zehn Jahren gegründet mit einem klaren Ziel: Er wollte die Männer in Neukölln aus der Isolation holen, in die sie mehr und mehr abrutschten. Damals, als die Arbeitslosigkeit in Neukölln nicht mehr sinken wollte. Als der Druck in den Familien stieg, und auch die Gewalt in dem Viertel zunahm. Und so zog er durch die Teehäuser, sprach Familienväter an, überzeugte sie, dass Reden helfen könnte.

Heute gibt es insgesamt sechs solcher Gruppen in Berlin. Und es kommen nicht nur alteingesessene Berliner Muslime hierhin, manche schon seit vielen Jahren, weil sie doch Freude an den Debatten entwickelt haben. Sondern auch viele Menschen wie Faiz, der mit seiner Familie erst vor anderthalb Jahren aus Afghanistan geflohen ist. Er hat von der Gruppe über Freunde erfahren und ist nun hier, weil er Anschluss finden will, sich integrieren, so schnell es geht. Denn nur so werden seine Kinder in dieser Gesellschaft glücklich werden.

Die Gruppen basieren auf einer alten Tradition in orientalischen Ländern: der Rat der Älteren wird geschätzt. So hat jede Gruppe mindestens einen Leiter. Er moderiert die Debatten und sorgt dafür, dass sie immer in die richtige Richtung laufen, Richtung Integration. Gruppenleiter Mehmet Kiratli hört deshalb immer mal wieder den Vorwurf von Teilnehmern, er wolle ihnen ihre eigene Kultur abgewöhnen. Darum gehe es nicht, entgegnet er in solchen Momenten, sie wollten "ihnen helfen, sich mit ihren Werten in dieser Gesellschaft zurecht zu finden".

Für Kiratli ist es ein großer Erfolg, dass Faiz nun auf die Kinder aufpasst, damit seine Frau einen Deutschkurs besuchen kann. Oder als ein anderer Mann ihm erzählte, dass er nun besser mit seinen Aggressionen umgehen könne, so dass die ganze Familie aufatme. "Reden hilft eben", sagt Kiratli. Nicht nur muslimischen Männern.

Die Autorin hat zusammen mit der freien Journalistin Fabienne Hurst über diese Männergruppe auch eine Reportage gedreht. Der Film läuft heute Abend um 21:45 Uhr im ARD-Magazin "Panorama".

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