Postkarten-Aktion Wie ein Berliner Bezirk gegen sexistische Werbung vorgeht

Mit einer "Roten Karte" sollen sich Berliner über sexistische Werbung beschweren. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann erläutert das Prinzip und erklärt, warum nackte Haut nicht zwangsläufig ein Problem ist.

imago/ PEMAX

Ein Interview von Birte Bredow


"Herzlichen Glückwunsch! Sie haben gerade mit Ihrer sexistischen, diskriminierenden und frauenfeindlichen Werbung eine Kundin verloren" - das steht auf einer Postkarte, die der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in Umlauf gebracht hat. Sogenannte Rote Karten sollen Bürger an Unternehmen schicken, die Menschen in ihren Anzeigen oder Spots herabwürdigen.

Nicht jeder begrüßt die Aktion. Die "Bild"-Zeitung schreibt über die "Irre Jagd auf Nacktwerbung" und Kreuzbergs CDU-Fraktionschef Timur Husein spricht von einem "Aufruf zum Denunziantentum". Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann von den Grünen hält dagegen. Hier erklärt sie, warum sie die Aktion für wichtig hält.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee zu dieser Postkartenaktion?

Monika Herrmann: Die Rote Karte bedeutet "Stopp! So nicht!". Sie steht dafür, dass einer Sache ein Ende gesetzt werden muss, das passt gut für das Problem mit sexistischer Werbung. Die Aktion war übrigens nicht unsere Idee, in Detmold gab es das schon früher.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange soll die Aktion in Berlin laufen?

Herrmann: Bis das Problem behoben ist.

SPIEGEL ONLINE: Geht es Ihnen um Aufmerksamkeit oder um eine direkte Reaktion der Firmen?

Herrmann: Beides. Wir beschäftigen uns schon lange mit sexistischer Werbung. Ein Aspekt war immer wieder die Frage: "Wohin können wir uns wenden, wenn wir solche Anzeigen sehen?" Die Postkartenaktion ist ein Beispiel dafür, was man machen kann, um sich dagegen zu wehren oder darauf aufmerksam zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Werbung sexistisch?

Herrmann: Wenn sie Personen herabwürdigt. Zum Beispiel, wenn eine Frau sich in einer Autowerbung auf der Motorhaube räkelt.

SPIEGEL ONLINE: Ist nackte Haut per se ein Problem?

Herrmann: Nein. Nehmen Sie die Werbung von Dove. Da werden selbstbewusste Frauen dargestellt. Sie entsprechen nicht nur einem Typ, sondern spiegeln die Vielfalt der Gesellschaft wieder: Das ist keine herabwürdigende Darstellung von Frauen - auch, wenn sie nur Unterwäsche tragen.

SPIEGEL ONLINE: Welches Feedback bekommen Sie auf Ihre Kampagne?

Herrmann: Die Resonanz von den Menschen, die sich mit dem Thema schon länger beschäftigen, ist sehr positiv. Aber nachdem die Springermedien die Aktion in die Öffentlichkeit gebracht haben, häufen sich sexistische und auch gewalttätige E-Mails - das geht bis zu Vergewaltigungsfantasien. Zu 95 Prozent kommen die Nachrichten von Männern.

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Sexistische Werbung: Umstrittene Postkartenaktion in Berlin

SPIEGEL ONLINE: Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, dass Sie Steuergelder für so eine Aktion verwenden?

Herrmann: Das sind gar nicht so viele Steuern. Wir sprechen vielleicht von 2000 Euro für Layout und Druckkosten.

SPIEGEL ONLINE: Und der Vorwurf, dass Sie mit den Postkarten Unternehmen denunzieren?

Herrmann: Das ist keine Denunziation. Werbung, das sind öffentliche Plakate und Anzeigen. Menschen, die sich davon diskriminiert fühlen, können mit den Postkarten ihren Protest ausdrücken. Das gehört zu dem Recht, dass jeder seine Meinung äußern darf. Eine Werbeagentur sollte vom Verbraucher eine Rückmeldung bekommen. Schließlich machen sie Werbung, damit die Leute ein Produkt kaufen. Wenn jemand das wegen bestimmter Anzeigen nicht mehr tut, dann gehört es in einem demokratischen System dazu, dass man sich darüber austauscht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst schon eine Karte verschickt?

Herrmann: Nein, noch nicht. Ganz aktuell wüsste ich auch nicht, an welches Unternehmen.

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