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Drei Tage im Flüchtlingsheim: Kaiserdamm 3, Zimmer 48

Flüchtlingsheim am Kaiserdamm: "Es geht hier eigentlich sehr friedlich zu" Zur Großansicht
Amin Akhtar

Flüchtlingsheim am Kaiserdamm: "Es geht hier eigentlich sehr friedlich zu"

Wie sieht der Alltag in einer Asylunterkunft aus? Ansgar Siemens ist für drei Tage in eine Berliner Erstaufnahme gezogen.

Kaiserdamm 3, Berlin-Charlottenburg. Ein gelber Betonklotz, fünf Etagen, die Front eine Serie aus Balkonen. Seit Ende 2013 betreibt die Arbeiterwohlfahrt (Awo) in dem früheren Hostel die kleinste Berliner Erstaufnahme für Asylbewerber. Etwa die Hälfte der gut hundert Bewohner stammt vom Balkan, andere kommen aus Syrien und Afghanistan, aus Iran und dem Irak.

Wer die schmale Lobby betritt, steht in einer Jugendherberge, die in die Jahre gekommen ist. An der Wand hinter dem Tresen baumeln Zimmerschlüssel mit abgewetzten Anhängern. Aus dem Innern des Hauses gellen Kinderrufe. Es riecht nach Früchtetee, Kartoffelbrei und gespültem Geschirr.

Leiterin Gauhar Besmil, eine kleine Frau mit grauen Haaren und tiefen dunklen Augen, zieht ein Blatt Papier aus dem Drucker. "Ausweis", sagt sie lächelnd, es klingt wie ein freundlicher Befehl. Ich bekomme den Schlüssel für Zimmer 48 - und prompt eine Belehrung: kein Alkohol. Rauchen nur auf dem Balkon. Damenbesuch bis höchstens 22 Uhr.

Gauhar Besmil erklärt die Vorzüge ihres Heims:

Amin Akhtar
Hauswirtschafterin Oyonna geht voran in den Keller, in die Vorratsräume. Hier reicht sie die Grundausstattung, die jeder Neue bekommt:

- eine Dose Rasierschaum

- ein Putzschwamm

- ein Haushaltstuch

- fünf Einwegrasierer

- eine Zahnbürste

- eine Tube Zahnpasta

- eine Flasche Duschgel

- eine Flasche Shampoo,

- ein Spender mit Flüssigseife

- zwei Rollen Klopapier

- drei Handtücher

- Bettzeug

Das Schlafzimmer liegt in Etage vier. In den Ecken drei einzelne Holzbetten, von denen bisher nur eins belegt ist. Ein Bad mit WC, Waschbecken, Badewanne. Hostelstandard. Nicht mehr, nicht weniger.

Die Bundesregierung erwartet, dass in diesem Jahr bis zu 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen - das wären fast doppelt so viele wie Anfang der Neunzigerjahre, als es einen historischen Höchststand gab. Der Staat weiß kaum, wie und wo er die Menschen unterbringen soll.

Viele Unterkünfte sind überfüllt, manchmal schlafen sie dicht gedrängt in eilig aufgestellten Zelten. Die Kritik an den Zuständen nimmt zu. In den vergangenen Monaten gab es mehrfach Berichte über Aggressionen zwischen Bewohnern. Wie wird es in der Berliner Erstaufnahme zugehen?

Huhn, Kartoffeln und Apfel zum Mittag

Mittagessen: Huhn, Kartoffeln, Currygemüse, Apfel

Körbe mit Brötchen: Ein Teil sind Spenden vom Bäcker

Kalte Platten: Aufschnitt für das Abendbrot

Das Mittagessen im Speisesaal beginnt um 13 Uhr. Elf Holztische, Stühle mit Stoffbezug. Ein Caterer hat geliefert - vor dem Buffett warten etwa 15 Bewohner. Oyonna drapiert Kartoffeln, Currygemüse und ein Stück Hähnchen ordentlich auf einen Teller. Dazu gibt es einen Apfel. Ein paar Frauen reichen leere Töpfe, nehmen das Essen für die Familie mit aufs Zimmer. Nachschlag gibt es ab 14 Uhr, um halb drei macht die Küche zu.

Oyonna heißt eigentlich Oyuntsetseg, aber den Namen kann hier niemand aussprechen. Die 53-Jährige stammt aus der Mongolei, sie hat in der DDR studiert und besitzt einen deutschen Pass. Seit Mai arbeitet sie hier, bezog vorher auch schon einmal zwei Jahre Hartz IV. Oyonna strahlt Wärme aus, sie lacht nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen.

Sie sagt, man müsse manchmal aufpassen. Einige Bewohner wollten mehr haben als sie essen können, vielleicht um draußen Illegale zu versorgen. Neulich habe eine Frau aus Serbien das ganze Glas Honig geleert. Wenn Oyonna einschreitet, muss sie sich manchmal Beschimpfungen in fremder Sprache anhören, sagt sie. Das aber sei die Ausnahme. "Es geht hier eigentlich sehr friedlich zu."

Wer in Deutschland Asyl beantragt, muss die ersten drei Monate in einer Erstaufnahme leben - das kann ein Wohnheim sein wie am Kaiserdamm oder ein Containerdorf. In dieser Zeit werden die Menschen gemeinschaftlich verpflegt, dazu gibt es pro Monat 143 Euro Taschengeld in bar. Am Kaiserdamm bekommt die Awo als Betreiberin vom Stadtstaat 25,54 Euro pro Flüchtling am Tag. Für das Essen - Frühstück, Mittag, Abend - werden davon 9,50 Euro veranschlagt.

In Berlin bleiben viele Menschen länger in der Erstaufnahme als früher, weil Folgeunterkünfte fehlen. In Flächenländern wie Niedersachsen kommen die Menschen nach drei Monaten in die Obhut der Kommunen, die fortan für die Unterbringung zuständig sind. Bis über einen Asylantrag entschieden ist, kann es manchmal länger als ein Jahr dauern.

Warum Ahmad nicht erwachsen sein will

Zuflucht Kaiserdamm: Ahmad Jdea (17) auf seinem Balkon
Amin Akhtar

Zuflucht Kaiserdamm: Ahmad Jdea (17) auf seinem Balkon

Im Aufenthaltsraum, in dem kleine Kinder wuseln, hat Ahmad seinen Laptop aufgeklappt. Er ist aus Syrien geflohen, ohne Familie, aus einem Dorf bei Aleppo. Dort terrorisiert der "Islamische Staat" (IS) die Menschen. Ahmad sagt, er sei 17. Minderjährig. Die Behörden sagen, er sei 18. Erwachsen.

Ahmad spricht nur ein paar Brocken Deutsch, er hat Mitbewohner Ismael* gebeten, aus dem Arabischen zu übersetzen. Im März hat Ahmad Asyl beantragt. Seinen Pass habe die Polizei beschlagnahmt, jetzt sei er verschwunden.

Ahmad legt Dokumente auf den Tisch, einen Auszug aus seinem Familienbuch, der sein jugendliches Alter belegen soll. Es ist eine Übersetzung, die er privat bezahlt hat. Die Ausländerbehörde erkenne das inzwischen an, das Bundesamt auch. Die Senatsverwaltung nicht. Auf die kommt es aber an.

"Ich fühle mich seit Monaten wie ein vergessener Mensch", sagt Ahmad. Er hat Schulden bei seinem älteren Schwager gemacht, für die Flucht, für die Dokumente. In Deutschland will er in die Schule gehen. "Jetzt sind mir die Hände gebunden", klagt er und dreht die Innenflächen seiner Hände nach oben. Als Minderjähriger dürfte er lernen - als Erwachsener nicht. Er habe vor Kurzem mit seiner Mutter telefoniert. Sie habe gesagt: "Komm bloß nicht zurück."

Zwei Mädchen betreten den Raum, sie stellen sich an einen Nebentisch mit ein paar jungen Männern. "Wollt ihr Deutsch lernen?" Sie setzen sich. Ahmad zeigt sein Handy. Fotos auf Instagram, die er in Aleppo gemacht haben will.

Auf einem Video schreit ein Kind, neben ihm liegt sein Arm, im Körper klafft ein Loch. Die Mädchen erklären, dass bei der Aussprache von "23" im Englischen zuerst die "20" genannt werde. Im Deutschen zuerst die "drei". Die Männer gucken stumm die Mädchen an.

Silvesterhimmel in der Nacht

Mitbewohner Mohamad: Lichterkette und Ventilator

Ein paar Quadratmeter Privatheit: Zimmerecke von Bewohner Mohamad

Hostelstandard: Ein Bad für drei Personen

Erstausstattung für Neue: Duschgel und Rasierklingen

Es ist halb eins in der Nacht, es ist heiß, und auch das offene Fenster vertreibt die Hitze nicht. Von draußen dringt ein anonymer Stimmenchor herein. Mohamad steht plötzlich da, mein Mitbewohner. Ein mittelgroßer junger Mann von 22 Jahren. "Hallo, Bruder", sagt er auf Deutsch.

Blinzelnd sehe ich, wie er nach meinen Schuhen greift. Er sagt: "Ich Moslem" und lächelt mich an. Dann trägt er die Schuhe in die kleine Diele. Am nächsten Morgen wird er mir ein Duplo schenken. Er ist schon seit neun Monaten hier, dürfte ausziehen, findet aber keine Wohnung.

Jetzt will er erst einmal rauchen. Er qualmt zwei Selbstgedrehte und knipst eine überdimensionale Lichterkette an, die über seinem Bett hängt und zu blinken beginnt - bei geschlossenen Augen erscheint eine Art Silvesterhimmel.

Bevor Mohamad sich hinlegt, schaltet er seinen Ventilator ein, der den Lärm von draußen mühelos übertönt. "Palästina", sagt Mohamad und zeigt auf eine Karte an der Wand. Als palästinensischer Flüchtling hat er in Syrien gelebt. Klar, er mache die Lichterkette gleich aus. Leider schläft er sofort ein.

Die Leere im Alltag

Amin Akhtar
Langeweile plagt viele, so scheint es, die am späten Vormittag im Haus herumsitzen. Einige daddeln auf Smartphones und haben sich Kopfhörer in die Ohren gestöpselt. Ein junger Mann schaut auf den großen Flachbildfernseher an der Wand im Aufenthaltsraum. Es läuft eine Zoo-Sendung, stumm, eine Pflegerin schaut einem Elefanten tief in den Rüssel. Ständig surrt ein Automat, aus dem jeder Leitungswasser zapfen kann, das auf Wunsch mit Kohlensäure versetzt wird.

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Draußen vor der Lobby steht eine Bank, auf der einige Männer sitzen und rauchen. Sie kommen aus Albanien und aus Russland, sie sprechen nur ihre Muttersprache. Zwischen ihnen sitzt Islam, ein Junge mit einem offenen Lachen, vielleicht zehn, zwölf Jahre alt. Er scherzt mit vielen, sie knuffen ihn in die Seite. "Heim gut", sagt er, als er mir kurz darauf im Treppenhaus folgt. "Leute nett."

Hauswirtschafterin Oyonna erzählt, dass Islam mit seiner Mutter aus Turkmenistan kam. Die Mutter habe erleben müssen, wie ein naher Verwandter umgebracht wurde - und verschanze sich den Tag über im Zimmer. Der Junge aber sei aufgeweckt. "Er tut mir leid."

In den ersten drei Monaten sind Flüchtlinge in Deutschland zum Nichtstun verdammt. Danach dürfen sie einen Job antreten - allerdings nur wenn kein Deutscher oder EU-Bürger für ihn infrage kommt. Experten wie Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer kritisieren, dass zu viele Flüchtlinge vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden. Die Parteien diskutieren derzeit, hochqualifizierten Flüchtlingen eine Blue Card zu geben, eine EU-Arbeitserlaubnis.

An einem Integrationskurs dürfen Flüchtlinge nicht teilnehmen, solange über ihren Asylantrag nicht entschieden ist. Ihnen bleibt nur, Sprachkurse selbst zu finanzieren oder Angebote von Ehrenamtlichen und Kommunen anzunehmen.

Der Mann, der bei den Ämtern hilft

Sekretär für Flüchtlinge: Sozialarbeiter Jonas Feldmann
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Sekretär für Flüchtlinge: Sozialarbeiter Jonas Feldmann

An der Wand hängt ein Poster - "Friede statt Frontex". Ein Appell gegen die EU-Behörde, die Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer abfängt. Jonas Feldmann, groß, hager, sitzt in T-Shirt und Dreiviertel-Hosen hinter seinem Computer. Durch das offene Balkonfenster rauscht der Autolärm vom achtspurigen Kaiserdamm.

An der Tür zum Büro, das früher ein Schlafzimmer war, hat es bereits zweimal geklopft. Das Telefon klingelt zum dritten Mal in 30 Minuten. "Schon wieder ein Anruf, schon wieder ein Amt", seufzt der 34-Jährige und nimmt ab.

Geograf Feldmann hat seine Diplomarbeit über die afrikanische Migration nach Griechenland geschrieben, er kennt sich aus mit den Details im Asylrecht. Vor drei Monaten hat ihn die Awo zum Vizeleiter am Kaiserdamm gemacht. "Ich bin eine Art Sekretär für die Flüchtlinge", sagt er. Jeder könne zu ihm kommen, er helfe weiter, beim Amt, bei Arztbesuchen. "Es ist Teil meines Jobs, Vertrauen aufzubauen."

Feldmann sagt, das Heim sei "weit über Standard" - wegen der kleinen Zimmer, der vielen Nasszellen. "Es hat einen sehr persönlichen Charakter." Man versuche, die Räume so zu belegen, "dass es sich sozial verträgt". Flüchtlinge dürfen auch im Haus umziehen, wenn sie neue Bekannte gefunden haben. Familien können zusammen leben.

Feldmann sagt, er höre viele schreckliche Geschichten, schaffe es aber, zu Hause abzuschalten. Gewalt spiele im Heim kaum eine Rolle. Und wenn, dann gehe es meist um gewalttätige Familienväter. Ein Security-Unternehmen gibt es nicht. Einmal haben hier Rechte protestiert - doch die Zahl der Gegendemonstranten war um ein Vielfaches höher.

Feldmann kritisiert an der Asylpolitik vor allem, dass die Bürokraten so lange brauchen. "Teilweise warten die Menschen ein Jahr auf eine Entscheidung. Das macht sie psychisch krank." Und oft höre er, dass die Menschen auf den Ämtern respektlos behandelt würden. Viele wehrten sich nicht - aus Angst, dass sie dann kein Asyl bekommen.

"Ich habe nie gedacht, dass ich mal ein Asylbewerber sein werde"

Nick trägt ein weißes Achselshirt, das seinen drahtigen Oberkörper betont, dazu kurze Hosen und Baseballmütze. Der 24-Jährige spricht fließend Englisch, aber das hilft ihm gerade nicht. Beim Copyshop nebenan will er Formulare für eine Selbstauskunft kopieren, um sich für eine Wohnung zu bewerben. Aber der Mann nebenan versteht ihn nicht. Nick sagt: "Er ist manchmal unhöflich." Ich begleite Nick und übersetze.

Nick muss 50 Cent pro Scan und 50 Cent für eine E-Mail zahlen. Insgesamt 4,50 Euro. Viel Geld für einen Asylbewerber. Als ich Nick das Geld geben will, sagt er bestimmt: "Willst du für alle hier bezahlen?" Er lehnt ab. Er habe im Iran als Immobilienberater gearbeitet, viel Geld verdient. "Ich habe nie gedacht, dass ich mal ein Asylbewerber sein werde."

Kurz vor Weihnachten sei er geflohen, sagt er. Die Revolutionsgarde Sepah habe ihn eingesperrt, weil er kein Moslem habe werden wollen. Schließlich konnte er entkommen. "Für einen gefälschten Pass und ein gefälschtes Visum habe ich 8000 Euro an Schlepper bezahlt." Die hätten ihn im Flugzeug über Griechenland nach Deutschland begleitet.

Er sagt, er wolle hier studieren, etwas mit Grafik. Im Iran habe er Abitur gemacht. Seinen wahren Namen sagt er nicht, seine Mutter daheim geriete in Gefahr. Der Nick-Name reiche. Nickname, das englische Wort für Spitzname. Er lacht über den Wortwitz.

Die Hoffnung auf das gelobte Land

Fatime sitzt auf dem blauen Sofa in der Lobby und streicht mit den Händen über ihre Kaffeetasse. Von 1993 bis 2000 hat die 47-Jährige mit ihrem Mann in Berlin gewohnt. Sie stammen aus dem Kosovo, damals herrschte dort Krieg. Ihre drei Kinder sind in Deutschland geboren.

Nach der Rückkehr in die Heimat hat die Familie 15 Jahre in der Hauptstadt Pristina gewohnt. Jetzt wollen sie wieder in Deutschland leben. Warum? Fatime sagt in gebrochenem Deutsch: "Ich war schwer krank, vier OPs, ich habe wieder Probleme, Medizin nicht gut da." Die Gallensteine, die Brust.

In Deutschland sei alles besser. Ihr Mann habe im Kosovo als Fahrkartenverkäufer gearbeitet, ihr Sohn als Kellner, die älteste Tochter habe studiert. Am Vortag war die Familie schwimmen.

Vor allem konservative Politiker wollen Flüchtlinge vom Balkan rascher zurückschicken als bisher. Wer aus dem Kosovo kommt, aus Serbien oder Albanien, hat in Deutschland in der Regel kaum eine Chance auf Asyl.

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) setzt auf Sach- statt Geldleistungen für diese Flüchtlinge. Das Kosovo und Serbien etwa sollen zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt werden. So soll die Dauer des Verfahrens verkürzt und die Abschiebung erleichtert werden. Vor allem linke Politiker sehen das skeptisch, weil sie fürchten, dass dann das Recht auf ein faires Asylverfahren leide.

Ein Wunsch zum Abschied

Fünf Stockwerke, viele Balkons: Front des Heimes am Kaiserdamm

34 Zimmer, 100 Bewohner: Schlüsselleiste in der Lobby

Zimmerschild: Das Flüchtlingsheim war früher ein Hostel

Als ich gehe, reicht mir Ahmad im Aufenthaltsraum die Hand, der Junge, der zur Schule gehen will. Auch Ismael, der für uns übersetzt hat, verabschiedet sich. Auf Deutsch sagt er, es habe ihn sehr gefreut. Ob ich vielleicht Arbeit wüsste, vielleicht als Übersetzer? Er ist 60, war Reiseveranstalter in Syrien, besaß eine große Wohnung in Damaskus.

Mehrfach reiste er in friedlichen Zeiten zur Internationalen Tourismusbörse nach Berlin. Vor seiner lebensgefährlichen Flucht über das Mittelmeer habe er bei der deutschen Botschaft in Libanon ein Visum beantragt, sagt er. Die Beamten hätten sich geweigert - er wolle doch eh nicht zurück. Ismael hat deutsche Freunde in Berlin, die er nicht anruft, weil er sich schämt. Jetzt kämpft er darum, dass er seinen minderjährigen Sohn und seine Frau nachholen darf.

Mit der Reisetasche über der Schulter verlasse ich den Kaiserdamm. Im Gepäck die Erkenntnis, dass man sich hier um Menschen in Not kümmert, dass sie genug zu essen haben, dass sie schlafen können. Ich gehe zurück in ein normales Leben. In ein Leben, das viele im Kaiserdamm früher auch hatten. Und das es für sie nicht mehr gibt.

*Name geändert

Zum Autor
Ansgar Siemens, Jahrgang 1978, ist Panorama-Redakteur bei SPIEGEL ONLINE. Als er ein Flüchtlingsheim suchte, das ihn ein paar Tage aufnehmen würde, bekam er viele Absagen. Gauhar Besmil gefiel das Vorhaben sofort - sie ließ dem Reporter völlige Freiheit bei der Recherche. Nur eine Zusage verlangte sie: Die Menschen im Haus seien so zu behandeln wie jeder andere Gesprächspartner auch.

E-Mail: ansgar_siemens@spiegel.de

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