Recycelte Flüchtlingsboote Mit Taschen gegen das Vergessen

In einer Kreativwerkstatt in Berlin entstehen aus kaputten Flüchtlingsbooten hippe Rucksäcke und Taschen. Das mag makaber klingen - doch dahinter steht eine gute Idee.

SPIEGEL ONLINE

Von Lea Utz und (Video)


Abid Ali näht mit der konzentrierten Gelassenheit eines Mannes, der sein Handwerk versteht. Manchmal summt er vor sich hin, während die Nähmaschine rattert und ein Rucksack unter seinen Händen Gestalt annimmt. Das Gummimaterial, mit dem er arbeitet, ist ein paar Millimeter dick. Diese paar Millimeter trennten Ali vom Meer, als er sich vor mehr als eineinhalb Jahren an der türkischen Küste auf den Weg nach Europa machte.

47 Menschen kauerten in einem völlig überfüllten Schlauchboot, unter ihnen sieben Kinder - so erzählt es der Pakistaner heute. Nach kurzer Zeit auf See zog ein Sturm auf. Ali betete. Eine Stunde und 50 Minuten später hatte er griechischen Boden unter den Füßen und die Gewissheit: Er hatte es geschafft.

Heute sitzt der 35-Jährige in einer Kreativwerkstatt in Berlin und näht aus den Resten solcher Flüchtlingsboote Taschen und Rucksäcke. In den Räumen im Prenzlauer Berg verbringt auch die Unternehmensberaterin Nora Azzaoui ihre Feierabende - "der Chef", wie Ali sie nennt. Azzaoui - ernste Augen, schallendes Lachen - ist eine der Gründerinnen des Non-Profit-Projekts "mimycri", das aus kaputten Booten Accessoires macht. "Wir wollen ein Stück Zeitgeschichte bewahren", sagt die 30-Jährige.

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Projekt in Berlin: Wie aus Schlauchbooten Taschen werden

Es sieht so aus, als könnte der Plan aufgehen: 15.000 Euro sollten bei einer Crowdfunding-Aktion im Internet eingesammelt werden. Inzwischen sind mehr als 40.000 Euro an Spenden eingegangen. Zudem wird das Projekt vom Deutschen Integrationspreis gefördert. Neben Ali und einem Geflüchteten aus Syrien bastelt ein internationales Team aus Designern und Planern mehrere Abende in der Woche an Drucken, Schnittmustern und Designs.

"Wir freuen uns, wenn wir eine Reaktion provozieren"

Ist es nicht makaber, ein Accessoire herzustellen, das an Krieg, Flucht und Verzweiflung erinnert? Die Berührungsängste mit dem Material, die viele Menschen im ersten Moment verspüren, sind für Azzaoui gerade das Spannende an dem Projekt: "Wir freuen uns, wenn wir eine Reaktion provozieren und Leute zum Nachdenken bringen." Ihr geht es nicht nur um Recycling, sondern auch darum, ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. "Das eigentlich Makabre ist doch, dass Menschen mit einem Boot nach Europa kommen und dabei ertrinken."

Die Geschichte von mimycri begann im Dezember 2015, an der Küste der griechischen Insel Chios. Azzaoui und eine Freundin waren nicht wegen des klaren Wassers und der wilden Berglandschaft angereist - sie wollten helfen. Mit anderen Freiwilligen fuhren sie die Küste ab und suchten nach Booten, die ans Ufer steuerten. Auch in den Wintermonaten, in denen das Meer unruhig ist, erreichten Hunderte Flüchtlinge die Insel in der nördlichen Ägäis. Die Helfer verteilten Kleidung, Wasser und Decken an die erleichterten Ankömmlinge. Zurück blieben nasse und dreckige Klamotten, ein paar Schwimmwesten und die Schlauchboote.

"Da lag richtig viel Müll rum", sagt Azzaoui. Zuerst kauften die Freiwilligen eine Waschmaschine, um zumindest die Kleidung wiederzuverwerten. Zurück in Deutschland kam Azzaoui ein Gedanke: Was, wenn man auch aus den Bootsresten noch etwas machen könnte?

"Ich bin einfach glücklich, dass ich hier arbeiten kann"

Vier Monate später war Azzaoui zurück auf Chios, es war die Zeit nach dem Flüchtlingsdeal mit der Türkei. Jede Nacht trug das Meer weniger Menschen ans Ufer. "Wir haben dann stattdessen die Boote aus dem Sand gegraben", sagt sie. Ein Bekannter schnitt die Bootsreste zu und schickte sie nach Deutschland. Rund 400 Kilogramm Gummi stapelten sich zwischenzeitlich in Azzaouis Wohnung. Über Facebook starteten die Freundinnen einen Aufruf. Unter den Helfern, die sich meldeten, war auch der geflüchtete Näher Abid Ali.

"Für mich ist es nicht schwierig, mit dem Material zu arbeiten", sagt der Pakistaner - und meint damit vor allem die handwerkliche Herausforderung. Mit seiner eigenen Flucht bringt er die roten, grauen und schwarzen Gummi-Rechtecke nicht in Verbindung. "Ich bin einfach glücklich, dass ich hier arbeiten kann."

Nora Azzaoui will Abid Ali auch eine wirtschaftliche Teilhabe an dem Projekt ermöglichen - doch im Moment wirft mimycri noch nicht so viel Geld ab. In Zukunft soll sich das ändern. "Der absolute Oberwahnsinn wäre, wenn wir unsere Leute irgendwann auch bezahlen könnten", sagt die 30-Jährige. Dann geht es zurück in die Werkstatt, wo die Nähmaschine schon wieder rattert.

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