Tod auf dem Alexanderplatz "Berlin war, ist und bleibt Hauptstadt der Gewalt"

Die Schreckensmeldungen aus der Hauptstadt mehren sich. Nun fahndet die Polizei nach sieben Männern, die einen 20-Jährigen auf dem Alexanderplatz attackiert haben: Noch als er am Boden lag, traten sie auf seinen Kopf ein, der junge Mann starb. Wird Berlin tatsächlich immer gefährlicher?

Von

dapd

Berlin - Wieder ist Berlin in den Schlagzeilen, wieder geht es um eine brutale Attacke. Die Polizei fahndet derzeit nach sieben Männern, die in der Nacht zu Sonntag am Berliner Alexanderplatz einen 20-Jährigen malträtiert haben sollen: Selbst als der junge Mann am Boden lag, traten die Angreifer ihm demnach gegen den Kopf. Er starb einen Tag später im Krankenhaus an Blutungen im Gehirn.

Der Fall reiht sich ein in eine Chronologie von Gewaltattacken in der Hauptstadt. Erst vor wenigen Tagen schossen Unbekannte ganz in der Nähe des Tatorts einen 23-Jährigen nieder, nach einer Notoperation ist er Polizeiangaben zufolge außer Lebensgefahr. Am selben Wochenende wurde ein Mann nach einem Streit in Schöneberg durch Schüsse verletzt. Ende September überfielen unbekannte Täter auf dem S-Bahnhof Olympiastadion einen Hertha-Fan mit Down-Syndrom und erwürgten ihn beinahe mit seinem Schal.

Ist die Hauptstadt besonders gefährlich? Laut Polizeilicher Kriminalstatistik gab es 2010 in Berlin pro 100.000 Einwohner 319 Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung. Damit ist die Zahl höher als beispielsweise in München (243) oder Dresden (135). Doch Berlin ist nicht Spitzenreiter der Statistik: Die Zahlen liegen unter anderem in Aachen (325) und Dortmund (353) höher. In Hamburg (320) kommt es nahezu ebenso häufig zu entsprechenden Gewalttaten.

Auch die Entwicklung in der Hauptstadt sieht auf dem Papier wenig dramatisch aus. Wie die Polizeiliche Kriminalstatistik Berlin zeigt, ist die Zahl der Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung auf Straßen, Wegen oder Plätzen in der Hauptstadt 2011 um 13,9 Prozent zurückgegangen: 2010 wurden noch 4529 Fälle registriert, 2011 waren es 3899.

Der Geschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin bezweifelt allerdings, dass dies auf einen Rückgang der Gewalt zurückzuführen ist. "Wenn Sie 4000 Polizisten einsparen, werden natürlich weniger Straftaten registriert", sagte Klaus Eisenreich. Das schlage sich dann in der Statistik nieder.

Die Zahl der Straftaten habe sich also nicht verändert, sagte Eisenreich, "Berlin war, ist und bleibt die Hauptstadt der Gewalt". Die Hemmschwelle der Täter sei in den vergangenen Jahren "absolut gesunken". Inzwischen würden alte, wehrlose oder gar behinderte Menschen angegriffen und fast totgeprügelt. Das habe es früher nicht gegeben.

Das sieht der Berliner Gewaltforscher Claudius Ohder ähnlich. Seiner Meinung nach hat nicht die Gewalt zugenommen. "Was sich geändert hat, ist, dass solche Gewaltfälle von purem Hass getragen werden."

Fotostrecke

4  Bilder
Berlin Alexanderplatz: 20-Jähriger stirbt nach Prügelattacke

Im Fall des ermordeten 20-Jährigen in Berlin gehen die Ermittler vier Hinweisen nach, eine konkrete Spur zu den Tätern sei aber nicht darunter. Es handle sich um Männer südländischen Aussehens, sagte die Leiterin der Berliner Mordkommission, Jutta Porzucek. Die Täterbeschreibungen seien aber sehr vage. Die Staatsanwaltschaft setzte eine Belohnung von bis zu 15.000 Euro für Hinweise aus. Das Opfer war Porzucek zufolge Asiate.

Die Ermittlungsbehörden würden alles tun, um diese "abscheuliche" Gewalttat aufzuklären und die Täter festzunehmen, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). "Es ist mir unbegreiflich, wie sich ein solcher Gewaltexzess entfesseln konnte."

Die GdP will mit einem neuen Sicherheitskonzept gegensteuern: Die Bundespolizei müsse enger mit den Berliner Beamten und den Sicherheitskräften im öffentlichen Nahverkehr zusammenarbeiten. "Wer Sicherheit gewährleisten will, braucht Menschen", sagt Eisenreich. Videoüberwachung sei sinnvoll, reiche aber nicht.

Auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) hält "eine größere Polizeipräsenz für sehr wichtig, um das Sicherheitsgefühl zu stärken". Man müsse jedoch ehrlich sein: "Auch wenn wir 20.000 Polizisten hätten, würden wir nur bedingt weiterkommen." Polizei und Justiz stünden am Ende einer langen Kette. Das Problem beginne in den Köpfen.

Die 1. Mordkommission des Landeskriminalamtes ermittelt und sucht dringend Zeugen. Hinweise werden unter der Telefonnummer 030-466 4911 100 oder in jeder Polizeidienststelle entgegengenommen.

mit Material von dapd und dpa



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.