Berliner Fashion Week: Anziehender Mode-Porno

Von Wlada Kolosowa

Die meisten Modekampagnen sind sexy, begnügen sich aber mit Anspielungen. Zwei Blogger gingen deutlich weiter und drehten ihren eigenen Film: "Será el comienzo - der vielleicht erste Fashion-Porno der Welt". Darin ziehen sich die Protagonisten nicht aus, sondern an. Trotzdem geht es hart zur Sache.

Berliner Fashion Week: Filmpremiere im Sexshop Fotos
DPA

Der Anfang ist gleichzeitig ein Ende: Schon in den ersten Sekunden des Films kommt der Mann. Aber das wie nebenbei. So, als würde er der Kamera bloß einen Vorwand geben wollen, den Ring an der Frauenhand zu zeigen, die sein Geschlecht hält. Die Herkunft des Schmucks wird in dicken Buchstaben eingeblendet: Unisex, kuriert von JP Singson.

In diesem Porno spielen auch Klamotten eine Hauptrolle. Und anders als bei den meisten Filmen des Genres haben die Protagonisten mit der Zeit immer mehr an: Schulter-Hülle von Esther Perbandt, Schuhe von Michael Kors, Strümpfe von Christian Dior, Rock von Yohji Yamamoto, Pin von Martin Margiela. Die Sexszene ist rückwärts erzählt: Am Schluss steht das Paar voll bekleidet in einem Raum, so weiß wie die Showrooms, in denen die Zuschauer während der Fashion Week viel Zeit verbringen werden. "Das Ende wird mein Anfang sein", hauchen auf Spanisch feuchte Frauenlippen in Großaufnahme. Der Anfang wovon?

Von Mode abseits der sexuell aufgeladenen Werbekampagnen?

Es ist zumindest der Anfang eines ziemlich gut dokumentierten Abends. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg ist gekommen, eine Presseagentur, Blogger aus verschiedenen Ländern. Und das alles wegen des dreiminütigen Kurzfilms "Será el comienzo". Außerdem sind ein paar Models anwesend, noch mehr solche, die es gern werden wollen, und sogar eine, die diesen Wunsch wahr machen könnte: Andrea Matthias, die Leiterin der Agentur Viva-Models.

"Ehrlicher Modefilm"

Anstatt sich für die Eröffnungsparty der Bread and Butter, Berlins größter Modemesse, anzustellen, drängen sie sich in einen Kreuzberger Sexshop neben Babette, der aufblasbaren Schwangeren, und ihren Kollegen Naomi Night Nurse und Long John. "Oh my God!" an jeder Ecke, ein Mädchen in himmelhohen Peeptoes und Kunstpelzmäntel blättert in einem Heft über Abenteuer von "Klolita". Die meisten Gäste stehen verlegen zwischen Dildo-Regalen und Einzel-Videokabinen und halten sich an einem Glas mit Premieren-Prosecco fest.

Das Männermodeblog dandydiary.de hat einen roten Teppich in einem Sexshop ausgerollt, um "Será el comienzo" zu präsentieren - "den vielleicht ersten Fashion-Porno der Welt". "Mode läuft auf Sex hinaus. Wir drehen das um: Bei uns führt der Sex zur Mode", sagt Jakob H., einer der zwei Betreiber des Blogs. "Man kann unseren Film kritisch sehen oder einfach ästhetisch." Sie wollten eine Geschichte zu Ende erzählen, "die in mindestens jeder zweiten Fashion-Fotostrecke und in den momentan schwer angesagten Fashionfilmen der großen Modehäuser immer explizit angedeutet, aber doch nie zum Abschluss gebracht wird."

Ob sie wirklich die weltweit ersten mit einem Fashion-Porno sind, können die Blogger zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Bisher haben sie aber niemanden gefunden, der die sexuellen Anspielungen der Mode in solcher Konsequenz zeigt. Und es gehe ihnen sowieso viel mehr darum, "einen ehrlichen Modefilm" zu zeigen, als die Ersten zu sein.

Es kommt nicht auf Klamotten an, sondern wie man sie auszieht

Dass Sex und Mode Hand in Hand gehen, ist nichts Neues. "Frauenkleider aus allen Ländern und Epochen sind Variationen des ewigen Kampfes zwischen dem ausgesprochenen Wunsch, sich anzuziehen, und dem unausgesprochenen Wunsch, ausgezogen zu werden", sagte einst der chinesische Autor Lin Yutang. Tiefe Ausschnitte, hautenge Kleider, durchsichtige Stoffe: Mode verkauft oft Sex mit dazu.

Und Sex verkauft Mode. In der Fashion-Fotografie werden spätestens seit den siebziger Jahren die sexuellen Anspielungen deutlicher: Legendär sind die Akt- und Halbakt-Aufnahmen von Helmut Newton für die französische und italienische "Vogue". Momentan ist Terry Richardson der Provokateur der Stunde. Dieser fotografiert unter anderem kopulierende fettleibige Amerikaner - und eine Kampagne für Sisley, in der ein Mädchen mit weißverschmiertem Mund aus einem Kuheuter trinkt.

Im Fashion-Film, einem vergleichweise jungen Genre an der Schnittstelle von Musikvideo, Modewerbung und Kurzfilm, geht es noch zahm zu - zumindest bei den großen Modehäusern. Zwar experimentieren sie gern: Christian Dior kooperiert mit David Lynch für einen verstörenden Film um eine mysteriöse Tasche, Louboutin versucht es mit einer Hommage an Alfred Hitchcocks Hollywood-Thriller "Psycho". Was Sex angeht, bleiben große Fashionfilme aber ziemlich brav: "Es wird viel angedeutet, aber wenig gezeigt", sagt Cristian Straub, 34, einer der ersten Fashionfilm-Regisseure in Deutschland, der auch ein Blog zu dem Thema betreibt. "Große Firmen wollen ihre Kunden nicht vor den Kopf stoßen." Außerdem sei es auch eine Budgetfrage: Die Nacktheit von professionellen Models habe ihren Preis.

Vielleicht hätte sich der Preis sogar gelohnt. Der Menschenauflauf, der vom Zauberwort "Porno" gelockt wurde, bestätigt: Sex sells. Und nicht nur Mode.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Gab's schon
ludo76 18.01.2012
Zitat von sysopDie meisten Modekampagnen sind sexy, begnügen sich aber mit Anspielungen. Zwei Blogger aus Berlin gingen deutlich weiter und drehten ihren eigenen Film: "Será el comienzo - der*vielleicht erste Fashion-Porno der Welt". Darin ziehen sich die Protagonisten nicht aus, sondern an - trotzdem geht es hart zur Sache. Berliner Fashion Week: Anziehender Mode-Porno - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,809734,00.html)
Porno und Mode gab's schon mal (allerdings nicht mit An- sondern Ausziehen): Shaï hat das mal vor ein paar Jahren gemacht mit drei Filmchen. War ganz hübsch, hat dem Label auber außer ein bisschen Aufregung nicht allzu viel gebracht, soweit ich weiß.
2. Fischer Technik
favela lynch 18.01.2012
Biederes Berlin. Mode. Musik. Sex. Himmel, das war schon unter den Pharaonen so. Und das, was es online zu sehen gibt, zeigt vor allem eines: Das Handwerk sitzt in der Mode. In der Inszenierung wohl eher nicht. Kleine Buben mit einem Technik-Spielzeug. Dazu das Code-Wort Porno. Die Fashion Week Berlin ist doch vor allem eines: Schrott!
3.
Deepthought42.0815 18.01.2012
Zitat von sysopDie meisten Modekampagnen sind sexy, begnügen sich aber mit Anspielungen. Zwei Blogger aus Berlin gingen deutlich weiter und drehten ihren eigenen Film: "Será el comienzo - der*vielleicht erste Fashion-Porno der Welt". Darin ziehen sich die Protagonisten nicht aus, sondern an - trotzdem geht es hart zur Sache. Berliner Fashion Week: Anziehender Mode-Porno - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,809734,00.html)
Boah, was ein "krasser" Tabubruch für ein wenig attention. Not impressed
4. her mit dem Film
keinzeitungsleser 18.01.2012
Zitat von sysopDie meisten Modekampagnen sind sexy, begnügen sich aber mit Anspielungen. Zwei Blogger aus Berlin gingen deutlich weiter und drehten ihren eigenen Film: "Será el comienzo - der*vielleicht erste Fashion-Porno der Welt". Darin ziehen sich die Protagonisten nicht aus, sondern an - trotzdem geht es hart zur Sache. Berliner Fashion Week: Anziehender Mode-Porno - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,809734,00.html)
Na gutes, provokantes Marketing hat. Wie das bewusste Ramsteinvideo. Funktioniert meistens. Aber wieso kann ich den Film jetzt hier nicht sehen?
5. Oh Mann
oinkoink 18.01.2012
Zitat von favela lynchDie Fashion Week Berlin ist doch vor allem eines: Schrott!
Die Fashion Week hat heute angefangen. Und ein kleiner Artikel auf spiegel.de reicht, damit Sie ihr Urteil bereits jetzt fällen. Die Fashion Week entwickelt sich Jahr für Jahr und wird immer vielfältiger, spannender und wichtiger. Für Berlin aber auch als internationales Aushängeschild wird die Fashion Week, genau wie die Start-Up-Szene, immer mehr an Bedeutung gewinnen.
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