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Berliner Hedwigschwestern: Missbrauchsvorwürfe gegen frühere Nonne

Im Skandal um den sexuellen Missbrauch von Kindern in katholischen Einrichtungen gibt es jetzt auch Vorwürfe gegen ein Kinderheim der Berliner Hedwigschwestern. Ein Opfer sagte im ZDF: "Man hört immer nur von den Priestern, dabei waren's doch die Nonnen genauso."

Hamburg - In der ZDF-Sendung "Mona Lisa" berichtete am Sonntag eine ehemalige Bewohnerin des Kinderheims der Berliner Hedwigschwestern, dass sie in den fünfziger und sechziger Jahren von einer Nonne über Jahre hinweg missbraucht wurde. Das heute 60-jährige Opfer spricht von ständigen Berührungen im Intimbereich, die begonnen haben sollen, als sie gerade einmal acht Jahre alt war. "Man hört immer nur von den Priestern, dabei waren's doch die Nonnen genauso."

Die Vorwürfe richten sich gegen eine Frau, die heute 79 Jahre alt ist und noch immer in Berlin lebt. Man habe Kontakt zu der früheren Nonne aufgenommen, die bereits 1986 aus dem Orden ausgetreten sei, sagte Thomas Gleißner, der von den Hedwigschwestern als Pressesprecher eingesetzt wurde.

Die Ordensgemeinschaft sagte die Aufklärung der Vorfälle zu. "Wir sind tief betroffen über die Vorwürfe und werden alles daran setzen, diese rückhaltlos aufzuklären", versicherte Generaloberin Schwester Vincentia in einer Pressemitteilung. Zudem erklärte sie sich ausdrücklich zu einem Gespräch mit der Betroffenen bereit.

Das Kinderheim der Hedwigschwestern liegt in Zehlendorf in direkter Nachbarschaft zum Mutterhaus "Sancta Maria". Noch heute ist dort Platz für bis zu 80 Jungen und Mädchen. Nachdem Ende Januar erste Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt wurden, hat der Skandal immer weitere Kreise gezogen. Bundesweit haben sich mittlerweile mehr als 150 Betroffene gemeldet, die von sexuellen Übergriffen in katholischen Schulen und Heimen berichten.

Der Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen reicht indes viel weiter als bisher bekannt. Therapeuten im Münchner Raum behandelten mehrere ehemalige Chormitglieder, die durch sexuelle und andere körperliche Misshandlungen traumatisiert wurden.

Bei Rotwein soll der Priester mit den Minderjährigen masturbiert haben

Ein Betroffener aus dem Allgäu berichtete dem SPIEGEL von grausamen Ritualen im Internat Etterzhausen, einer Vorschule für jüngere Schüler, aus dem sich die Domspatzen in Regensburg rekrutierten. Dort habe Ende der fünfziger Jahre der Direktor M., ein katholischer Priester, härteste Bestrafungen exerziert: Häufig habe er auch in seinen Privaträumen ein "Nacktprügeln" betrieben, bei dem sich die acht- bis neunjährigen Kinder entblößen mussten und Schläge mit der Hand bekamen. In einigen Fällen, so das Opfer, sei es zu Penetrationen gekommen.

Der Regisseur und Komponist Franz Wittenbrink, der bis 1967 im Regensburger Internat der Domspatzen lebte, spricht von einem "ausgeklügelten System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust", das dort bestand. Der Internatsdirektor Z. habe sich "abends im Schlafsaal zwei, drei von uns Jungs ausgesucht, die er in seine Wohnung mitnahm". Dort habe es Rotwein gegeben und der Priester habe mit den Minderjährigen masturbiert. "Jeder wusste es", sagt Wittenbrink, ein Neffe des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel.

"Warum der Papstbruder Georg Ratzinger, der seit 1964 Domkapellmeister war, davon nichts mitbekommen haben soll, ist mir unerklärlich", fügte der Regisseur hinzu. In seinem Jahrgang habe ein Mitschüler kurz vor dem Abitur Selbstmord begangen. Nun will das Ordinariat alles rigoros aufklären und Ende März einen Zwischenbericht vorlegen.

Vatikan verspricht "Null Toleranz"

Eine Aufklärung hält der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper auch in den zahlreichen anderen Verdachtsfällen für dringend geboten. Die Schuldigen müssten verurteilt, die Opfer entschädigt werden, sagte der im Vatikan für die Einheit der Christenheit verantwortlich Kardinal der römischen Tageszeitung "La Repubblica". Es sei gut, dass Papst Benedikt XVI. Klarheit schaffen wolle und "Null-Toleranz" denen gegenüber verlange, die so schwere Schuld auf sich geladen hätten.

Die jüngste Welle von Missbrauchsfällen in Deutschland könnte auch in dem angekündigten Brief erwähnt werden, den der Papst an die katholische Kirche in Irland wegen der dortigen Skandale vorbereite, deutete Kasper an. Der Kurienkardinal erklärte, "große Traurigkeit, tiefe Enttäuschung, Schmerz und viel, viel Wut" wegen der sexuellen Missbrauchsfälle mit minderjährigen Opfern zu verspüren. "Das sind kriminelle, schändliche Akte, nicht hinnehmbare Todsünden", sagte er.

"Dafür gibt es keine Rechtfertigung." Dieses Übel habe sich in der Gesellschaft eingegraben, also auch in der Kirche, "die, wie wir wohl wissen, nicht immun gegen Sünden ist". Er sage dies nicht, um etwas zu rechtfertigen, erläuterte Kasper. Vielmehr gehe es darum, eine "Tragödie" zur Kenntnis zu nehmen, bei der alle angesprochen seien.

Bayerns Justizministerin pocht auf konsequente Zusammenarbeit

Die bayerische Justizministerin Beate Merk mahnte eine konsequentere Zusammenarbeit mit der Justiz an. "Es gibt Fälle, in denen es nicht so läuft, wie es laufen sollte", sagte die CSU-Politikerin der "Süddeutschen Zeitung". Stelle sich heraus, dass die Kirche der Staatsanwaltschaft bewusst Verdachtsfälle von Kindesmissbrauch verschwiegen habe, dann werde das Verhältnis von Staat und Kirche beschädigt.

"Die Kirche muss jetzt ein klares Signal geben, dass ihr der Schutz der Opfer, das Mitgefühl mit den Kindern, wirklich das Wichtigste ist", forderte Merk. "Dafür muss sie ganz konsequent mit den Staatsanwaltschaften zusammenarbeiten." Es sei für sie unabdingbar, dass die Kirche sofort die Staatsanwaltschaft einschalte, wenn sie Hinweise auf Missbrauch erhalte. Merk forderte zudem, die Verjährungsfristen bei Kindesmissbrauch auf 30 Jahre zu erweitern - die jetzigen Verjährungsfristen seien viel zu kurz.

Nahles prangert Vertuschung an

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nannte die Missbrauchsdebatte um die katholische Kirche sehr deprimierend. Es sei richtig, dass sich die katholische Bischofskonferenz jetzt entschlossen habe, die Aufklärung der Missbrauchsfälle entschieden voranzutreiben. "Manche Verantwortliche wie zum Beispiel Bischof Ackermann aus meinem Bistum Trier gehen da vorbildlich voran", sagte Nahles der "Super Illu".

In der Vergangenheit habe es viel Vertuschung gegeben - wahrscheinlich bundesweit in allen Bistümern. "Das macht mir besonders deswegen Kummer, weil sexueller Missbrauch irreparable Schäden bei den Opfern verursacht", sagte Nahles. "Deshalb kann der einzige Weg der katholischen Kirche nur sein, rückhaltlos alles aufzuklären, den Opfern zu helfen und jetzt alle Karten auf den Tisch zu legen."

jjc/dpa

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Illustration Tim O'Brien für den SPIEGEL

Heft 10/2010:
Die Euro-Lüge

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