Berliner Kneipen-Sterben Sushi statt Schnaps, Brunch statt Bulette

In Berlin stirbt eine Instanz mit Tradition - die Eckkneipe. Statt Bier und Korn wird lieber Latte macchiato geschlürft, Alteingesessene flüchten sich in Resignation und Wut: "Yuppies und Schwaben raus!"

Von Christian Fuchs


Berlin - Die schöne neue Welt liegt gleich auf der anderen Straßenseite. André Voigt, 43, kann sie von seinem Platz hinter dem Tresen beobachten. Er zapft ein frisches Berliner Pilsner, zündet sich eine Cabinet an und schaut aus dem Fenster. In der gegenüberliegenden Häuserzeile der Greifswalder Straße hat vor einiger Zeit die "Escobar" eröffnet. Die Karte bietet alkoholische Mixgetränke, die Aushilfe an der Espresso-Maschine hat blonde Strähnchen im Haar.

Kneipe im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg: "Wirte müssen jetzt neue Geschäftsfelder erobern"
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Kneipe im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg: "Wirte müssen jetzt neue Geschäftsfelder erobern"

Vor einigen Jahren hieß die "Escobar" mit den falschen Palmen und den wuchtigen Ledercouches noch so wie die Wirtsleute selbst: "Schöbs". Früher sei er da nach Feierabend gern hingegangen, berichtet André Voigt. "Nachdem der Besitzer jewechselt hat, war ick nur noch einmal drin, früher war's da jemütlicher."

Voigt ist der Wirt des "Willy Bresch" gegenüber - einer Berliner Eckkneipen-Institution seit über 40 Jahren. Sein Großvater gab der Gaststätte den Namen, später übernahm sein Vater, seit sieben Jahren führt Voigt Junior den Laden. Und von Tag zu Tag wird ihm klarer, dass er der Vertreter einer aussterbenden Spezies im Szene-Bezirk Prenzlauer Berg ist. Gefragt nach weiteren original Berliner Kneipen wie seiner winkt Voigt nur ab. "Die alten Kneipen im Kiez sind alle weg, auf der ganzen Schönhauser Allee gibt es keine einzige mehr."

Mit den ursprünglichen Einwohnern verschwinden Traditionen

Was Voigt erlebt, sind die Folgen eines Wandels, den Soziologen "Gentrifikation" nennen. Gemeint ist damit die Aufwertung eines Stadtteils und die damit einhergehende Verdrängung der ansässigen Bevölkerung. Mit den ursprünglichen Einwohnern verschwinden auch deren Traditionen.

Der Prenzlauer Berg ist ein gutes Beispiel für die Yuppiesierung eines ehemaligen Arbeiterviertels: Das Szenige, Urbane lockt Menschen aus Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen in den Kiez. Der Ausbildungslevel bei den Zuzüglern ist meist höher, sie verdienen stattliche Gehälter im Bundestag, bei PR-Agenturen und Unternehmensberatungen. Die neuen Nachbarn renovieren die heruntergekommenen Altbauten, die Mieten steigen, die bisherigen Bewohner müssen wegziehen.

Was Wissenschaftler theoretisch beschreiben, zeigt sich an der Gastro-Szene des Prenzlauer Bergs ganz praktisch.

Viele der stolzen Kaschemmen, die in den ersten gesamtdeutschen Kneipenführern noch unter "Ostberlin" geführt wurden, gibt es längst nicht mehr. Im ehemaligen "Choriner Krug", wo früher das Publikum Bierkrüge stemmte, kaufen junge Mütter nun Kinderbücher. In der einstigen Handwerker-Kneipe "Laterne" gibt es inzwischen Fotos für "Bewerbung & Business" und im "Oderkahn", in dem sich vor der Wende Oppositionelle bei Knackern und Bulette trafen, lädt jetzt das "Oderberger" zum "Sonntagsbrunch" ein.

"Was ich anbiete, ist eher nich so jesundheitsfördernd"

Der Kneipen-Wandel illustriert die Zahlenkolonnen der Soziologen. Innerhalb weniger Jahre wurden weite Teile der Bevölkerung des Stadtteils ausgetauscht. Fünf von sechs Anwohnern des Kollwitzplatzes sind innerhalb der letzten 15 Jahre in diesen Teil des Prenzlauer Bergs gezogen. Nur noch vier Prozent der Mieter sind Arbeiter, fast jeder zweite Bewohner verdient sein Geld als Freiberufler.

Manche Graffiti geben die Stimmung unter den Alteingesessenen wieder: An Häuserwänden finden sich "Fuck Yuppies"- und "Schwaben raus!"-Schriftzüge; Unbekannte verteilten unlängst Plakate mit der Aufschrift: "Ostberlin wünscht dir eine gute Heimfahrt". Aber der soziale Wandel ist nicht aufzuhalten. Und mit den Neuen kommen auch veränderte Ansprüche. Latte macchiato statt Filterkaffee, Bioladen statt Bockwurst-Bude. Kinderfreundliches Café statt Kneipe.

"In unserer Straße hat ein Biomarkt uffjemacht", erzählt Wirt Voigt, "die meisten Zugezogenen leben ja eher jesundheitsbewusst. Was ich hier anbiete, ist aber eher nich so jesundheitsfördernd." Dann lacht er und strahlt übers ganze Gesicht. "Machs jut, Jutta", sagt er. Eine ältere Dame geht, als die Fußball-Bundesligakonferenz auf Premiere beginnt.

Seit zwei Jahren hat Voigt eine Videoleinwand und einen Vertrag mit dem Abo-Sender, damit am Wochenende überhaupt noch Kunden kommen. Ein paar junge Männer sitzen stumm vor ihren Biergläsern. Die meisten von ihnen kennt Voigt nicht mehr. "Dieses Jahr ham' schon wieder drei meiner Stammkunden die Augen zujemacht, da freu' ich mich über ein paar junge Leute", sagt er.

"Wirte müssen neue Geschäftsfelder erobern"

Früher saßen hier Möbelpacker, Maurer und Kohlenschlepper zum Mittagessen und nach Feierabend. Ein Korn kostet 80 Cent, ein Bier einen Euro und einen Erbseneintopf mit Wiener Würstchen gibt es für 2,20 Euro. Seit der Einführung von Hartz IV kommen die Gäste seltener, vor allem ab Mitte des Monats bleiben sie aus.

"Die Stammkunden haben den traditionellen Eckkneipen lange gereicht", sagt Klaus-Dieter Richter vom Berliner Hotel- und Gaststättenverband, "jetzt müssten die Wirte neue Geschäftsfelder erobern." Seit zehn Jahren gebe es mehr Gewerbeabmeldungen als Anmeldungen für Schankwirtschaften. "Die Kneipe, wo der Opa und die Oma in Schlappen reinkommen und ein Herrengedeck trinken, wird es bald nicht mehr geben", prognostiziert Richter.

Den Klassiker aus Bier und Korn kann man bei André Voigt noch bestellen. Wie lange, weiß der Wirt selbst nicht. In einem Jahr läuft sein Mietvertrag aus, und wenn hier ein McDonalds rein wolle, so Voigt, dann komme der auch rein: "So viel könnte ich nie zahlen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
halbeshemd 16.11.2008
1. ...und das ist auch gut so!
Auch wenn ich mir jetzt einige Feinde mache: Wieder wird ein weiteres Unterschichtenproblem im Spiegel breitgetreten. Erst gehts den Rauchern an den Kragen (Sie erinnern sich: Rauchverbot) und jetzt steht geht`s auch noch den Säufern an den Kragen - wobei die Schnittmenge sicherlich beträchtlich ist. Wenn also nun zwei derartige Laster aus der Gesellschaft zu verschwinden drohen, dann sollte man das doch eher begrüssen statt Krokodilstränen zu vergiessen. Ich hoffe, dass sich dieser Trend fortsetzt und bald alle Trinkhallen, Eckkneipen, Raucherclubs etc. verschwunden sind. Viele Grüsse aus dem Starbucks, der sicherlich einst mal ne Pöbelschenke war!
guybrush, 16.11.2008
2. Richtig so!
Wenn sich der Markt nun einmal ändert, dann gilt es doch, sich anzupassen. Das Genörgel hilft da wenig. Der zurückgehende Alkoholkonsum ist doch auch gut für die Leute...
crime-scene-unit, 16.11.2008
3. was heisst hier...
schwaben raus? bin zwar kein schwabe als bayer, aber einer muss das da droben ja aufbauen, was jahrzehntelang runtergewirtschaftet worden ist... servus aus dem süden c/s/u p.s.: wir helfen ja gerne... :-)
faustjucken_de 16.11.2008
4. Jenau
Zitat von halbeshemdAuch wenn ich mir jetzt einige Feinde mache: Wieder wird ein weiteres Unterschichtenproblem im Spiegel breitgetreten. Erst gehts den Rauchern an den Kragen (Sie erinnern sich: Rauchverbot) und jetzt steht geht`s auch noch den Säufern an den Kragen - wobei die Schnittmenge sicherlich beträchtlich ist. Wenn also nun zwei derartige Laster aus der Gesellschaft zu verschwinden drohen, dann sollte man das doch eher begrüssen statt Krokodilstränen zu vergiessen. Ich hoffe, dass sich dieser Trend fortsetzt und bald alle Trinkhallen, Eckkneipen, Raucherclubs etc. verschwunden sind. Viele Grüsse aus dem Starbucks, der sicherlich einst mal ne Pöbelschenke war!
Ich gebe dir 100% Recht. Ich habe vor kurzem einige zeit selbst am Prenzlauer Berg gelebt und kenne die Gegend noch aus Vorwendezeiten. Ohne wirtschaftliche Aufwertung würde da alles noch aussehen wie 1945, kaputt, zerschossen, runtergekommen.
e-ding 16.11.2008
5. Och!
Na ist doch super! Das Einkommen, der Lebensstandard und die Bereitschaft Geld auszugeben steigt in den alten Arbeitervierteln. Die bösen Yuppies geben doch viel bereitwilliger Geld für ihren Genuß aus. Herr Voigt sollte sich freuen! Frische Farbe in den Laden, andere Stühle rein, WLan-Anschluss und n bissel Loungemusik und schon kann er seine Suppe mit Wiener für 6€ feilbieten. Bei seiner Flexibilität wird er aber bis zur Pleite die bösen Yuppies verfluchen. Mein Mitleid hält sich in Grenzen! MFG
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