Internetstar Günther Krabbenhöft Unterwegs mit dem ältesten Hipster Berlins

Günther Krabbenhöft, schicke Weste, schicke Melone, wird international als 104-jähriger Stilgott gefeiert. Dabei ist er gerade mal 70. In Berliner Klubs kann er kaum noch ungestört tanzen. Wer ist der Mann?

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Von Wlada Kolosowa


Wer eine Samstagnacht mit dem angesagtesten Rentner Berlins verbringen möchte, muss früh am Start sein. Pünktlich um 19 Uhr steht Günther Krabbenhöft vor dem Sisyphos, einem Klub im Ortsteil Rummelsburg. Er ist mit dem Fahrrad gekommen, gut gelaunt, elegant: blauer Strohhut, schnittige Weste, quietschgelbe Socken, passendes Einstecktuch.

Von der Berliner Marotte, um drei Uhr nachts den Klub zu betreten, weil man sich erst um eins auf den Weg macht und dann noch anderthalb Stunden in der Schlange steht, hält Krabbenhöft wenig: "Spätestens um drei gehe ich ins Bett." In seinem Alter brauche er zwar weniger Schlaf, allerdings wache er immer um sieben auf, egal was ist.

Der Türsteher winkt ihn umsonst rein. Inzwischen ist Krabbenhöft so etwas wie ein Maskottchen der Berliner Partyszene. So ziemlich jeder, der in letzten Tagen online war, kennt die Fotos, in denen er als vermeintlich ältester Hipster der Welt gefeiert wurde. Wer der Mann wirklich ist, weiß kaum jemand.

"Kanone, Mann!"

Das Sisyphos hat an diesem Wochenende von Freitag bis Montag durchgehend auf. Die Hälfte der Menschen, die auf der Outdoor-Tanzfläche zappeln, ist schon durchgekaut von der letzten Nacht; die andere Hälfte kommt gerade an und will begierig aufholen.

Kaum hat Krabbenhöft den ersten Schluck Radler getrunken, fragen Leute nach gemeinsamen Selfies oder hauen ihm auf die Schulter und teilen sich mit:

"Hey, du bist doch der aus dem Internet!"

"Bist du... also Sie... Sind Sie wirklich 104?"

"Kanone, Mann! Ka-no-ne!"

"Ich wollte nur sagen: weiter so!"

Krabbenhöft sieht das gelassen. "Ich bin ja kein Star. Ich bin ein Hype. Ich habe ja nichts geleistet."

Wie der Fotograf hieß, der ihn vor etwa einem Monat an den U-Bahn-Gleisen fotografierte, weiß Krabbenhöft nicht mehr: "Ich wollte ihn noch fragen, was er mit dem Bild macht, aber mein Englisch war nicht so gut."

Die Bilder machten im Internet die Runde, ein paar Wochen später stürzten sich internationale Blogs und Onlinemagazine auf Krabbenhöft und feierten ihn fälschlicherweise als 104-jährigen Styler. "Cosmopolitan" berichtete, die "Huffington Post Canada" auch.

Um es hier noch einmal richtigzustellen:

Günther Anton Krabbenhöft ist seit 70 Jahren auf der Erde, 46 davon in Berlin, 30 Jahre in Kreuzberg. Er hat Flower-Power mitbekommen und die Anfänge der Loveparade. Er hat eine Tochter jahrelang allein aufgezogen ("Antiautoritär. Das habe ich dann bereut. Sie übrigens auch.") und 50 Jahre lang als Koch gearbeitet. ("In der Modebranche wäre ich wahrscheinlich besser aufgehoben, vielleicht als Stylist.") Jetzt genießt er die Rente und seine zwei Enkelkinder. Er trinkt gern Kaffee mit Freunden, geht dreimal die Woche ins Fitnessstudio und so oft es geht tanzen und ins Theater.

Flotter Raver mit Fliege und Melonenhut

Gefeiert hat er schon immer gern. Mit 50 war aber erst mal Schluss mit dem Tanzen: "Es gibt ja nichts Ordentliches für Menschen in meinem Alter", sagt er. Die Technoklubs fand er spannend, hat aber immer Angst gehabt, dass die Türsteher sagen: Geh du besser ins Altersheim.

Im Februar lief er vom Weintrinken nach Hause und lernte zwei junge Mädels kennen, die ihn ins Berghain mitnahmen. Und siehe an, niemand fand, dass er ins Altersheim gehöre: "Die haben sich ein Loch in den Hintern gefreut, wie flott ich geravt habe."

Solange Sommer ist, geht Krabbenhöft bis zu dreimal die Woche aus. Käme er nicht meistens umsonst rein, würde das ganz schön auf die Rente gehen, sagt er. "Die ist nicht besonders üppig."

Auch für Klamotten gibt er nicht viel aus: "Meistens gehe ich in Secondhandläden." Aber wenn er sich etwas Neues leistet, investiere er auch mal: "Meine Mutter hat immer gesagt: Wir haben zu wenig Geld, um Billiges zu kaufen."

"Man begreift seine Endlichkeit"

Die Sonne ist untergegangen, der Klub wird immer voller, die Unterhaltungen verpeilter. Ein glitzerbestreutes Mädchen läuft freudequietschend herbei und erdrückt Krabbenhöft fast in einer Umarmung: "Opa!", kreischt sie. "Opa!"

Was, wirklich? "Nee", antwortet sie. "Adoptiv-Opa! Ich habe ihn vor ein paar Wochen in einem Klub adoptiert." Krabbenhöft lächelt milde. Am Anfang, sagt er, fand er es schon komisch, zwischen all den jungen Menschen zu tanzen. "Aber ich habe wirklich diese unbändige Lust auf die Musik", sagt er. "Manchmal denke ich, das ist nicht altersgemäß, aber sie ist nun mal mein Akku." Und wenn die Leute reden - sollen sie doch. "Der Vorteil des Älterwerdens ist, dass man weniger auf die Meinung anderer gibt. Man lernt, liebevoller zu sich zu sein."

In welcher Zeit seines Lebens er am glücklichsten gewesen ist? "Genau jetzt", sagt Krabbenhöft. "Ich habe richtig Bock aufs Leben!" Wieder 18 - das wäre er nicht gern. Das Einzige, was er vermisse, sei dieses Gefühl der Stärke, der Unbesiegbarkeit." Das Schlimme am Alter ist, dass man seine Endlichkeit begreift. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, ist das, was vor mir liegt, nur noch ein Maulwurfshügel. Der große Berg ist schon hinter mir."

Dann verabschiedet er sich und geht tanzen. Er bewegt sich gut, immer im Takt, wird überall mit erhobenem Daumen begrüßt. Gegen Mitternacht radelt er davon. In den "Farbfernseher" - den nächsten Klub.

Video: Auch beim "Morning Rave mischt Krabbenhöft mit

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