Studie zur Stimmung in Deutschland Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist gut - aber gefährdet

Die Mehrheit der Deutschen schätzt den gesellschaftlichen Zusammenhalt im eigenen Umfeld als gut ein, zeigt eine Studie. Der Blick aufs gesamte Land dagegen ist skeptisch - und es gibt große regionale Unterschiede.

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Was denken die Deutschen über den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland? Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer - 68 Prozent - empfindet den Zusammenhalt in ihrem Umfeld als gut. Nur sieben Prozent halten ihn für schlecht.

Forscher ermittelten die Werte anhand verschiedener Fragen auf einer Skala von 0 (schlechter Zusammenhalt) bis 100 (guter Zusammenhalt). Die Bundesländer kommen dabei auf Werte zwischen 57 und 63 Punkten. Den höchsten Wert erzielt das Saarland, gefolgt von Baden-Württemberg und Bayern. Auf den niedrigsten Wert kommt Sachsen, knapp davor liegen Brandenburg und Thüringen.

Sicht auf das Land pessimistischer als auf das eigene Umfeld

Trotzdem ist die Stimmung keineswegs nur positiv. Rund 75 Prozent der Befragten finden, der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland insgesamt sei zumindest teilweise gefährdet. Der Aussage "Der Zusammenhalt in Deutschland ist gefährdet" stimmten bei der Befragung bundesweit 38 Prozent der Teilnehmer völlig oder ziemlich zu. 37 Prozent antworteten mit "teils/teils" und 25 Prozent mit "stimmt wenig" oder "stimmt gar nicht".

In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen zeigten sich dabei überdurchschnittlich viele Befragte skeptisch. Mehr als die Hälfte fand, die Aussage stimme völlig oder ziemlich. Zum Vergleich: In Hamburg, Bremen und Rheinland-Pfalz lagen die Werte zwischen 27 und 33 Prozent.

Bei den Werten für Deutschland insgesamt handelt es sich nicht um den Mittelwert der für die Bundesländer berichteten Werte, sondern um an Bevölkerungsanteilen gewichtete Häufigkeiten.

Es ist allerdings wichtig, zwischen dem Empfinden der eigenen Situation und der Sicht aufs Ganze zu unterscheiden. Der Pessimismus in allen Bundesländern gilt vor allem für die Stimmung im gesamten Land - und nicht für das eigene Umfeld.

In der Studie heißt es: "Überall ist es eine Minderheit, die den Zusammenhalt in der eigenen Wohngegend für schlecht hält." Diese Minderheit ist in Hessen und Bremen mit 13 beziehungsweise 12 Prozent relativ gesehen noch am größten. Die positivste Wahrnehmung des eigenen Umfeldes hätten Menschen im Saarland. Dort schätzten 81 Prozent den Zusammenhalt als gut ein, nur drei Prozent als schlecht.

Bei den Werten für Deutschland insgesamt handelt es sich nicht um den Mittelwert der für die Bundesländer berichteten Werte, sondern um an Bevölkerungsanteilen gewichtete Häufigkeiten.

"Die konkreten Alltagserfahrungen der Menschen sind besser als das, was sie für das gesamte Land vermuten - oder was ihnen öffentliche Debatten dazu spiegeln", sagt Stephan Vopel von Bertelsmann.

Wachsende kulturelle Vielfalt beispielsweise - etwa mit Blick auf die zugewanderten Flüchtlinge in Deutschland - steht der Studie zufolge dem gefühlten Zusammenhalt nicht entgegen. Die Untersuchung zeigt den Autoren zufolge, dass es bei der Einschätzung keine Rolle spielt, wie viele Ausländer und Migranten in einer Region oder einem Bundesland leben.

Die Untersuchung kommt zum Ergebnis, dass gesellschaftliche Vielfalt bundesweit in einem hohen Maß akzeptiert wird. Der Indexwert liegt hier bei 79 Punkten. Am stärksten ist die Zustimmung in Bremen mit knapp 85 Punkten, am schwächsten in Sachsen: knapp 69 Punkte.

Viele Befragte bemängeln Gerechtigkeitslücke

Mehrere Faktoren haben der Studie zufolge Einfluss auf die Wahrnehmung sozialen Miteinanders:

  • Viele Menschen nehmen eine starke Gerechtigkeitslücke in Deutschland wahr. Nur ein sehr kleiner Teil der Befragten ist der Meinung, dass es bei der Verteilung wirtschaftlicher Güter in Deutschland gerecht zugeht. Die Zustimmungsraten variieren zwischen einem Prozent in Brandenburg und 15 Prozent in Bremen. Insgesamt ist der Studie zufolge in allen Bundesländern die große Mehrheit der Ansicht, dass wirtschaftliche Gewinne nicht gerecht verteilt werden. Diese gefühlte Ungerechtigkeit korrespondiert den Forschern zufolge mit empirischen Daten, die auf eine tatsächliche Ungleichheit und fehlende Teilhabechancen in der Bevölkerung verweisen.
  • Die Autoren der Studie schreiben außerdem von einer "tiefen Spaltung, die sich in Bezug auf das soziale Miteinander zwischen Ost und West sowie zwischen strukturschwachen und prosperierenden Regionen auftut". Menschen in ostdeutschen Bundesländern bewerten den Zusammenhalt durchgängig schwächer als in westdeutschen Bundesländern.
  • Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist demnach dort gefühlt deutlich geringer, wo viele Menschen von Armut oder Arbeitslosigkeit betroffen sind. Vor allem eine hohe Jugendarbeitslosigkeit wirkt sich der Studie zufolge negativ auf die Bewertung aus. Die Einschätzung, wie stark die Gesellschaft zusammenhält, sei dagegen dort deutlich besser, wo das durchschnittliche Wohlstandsniveau hoch sei und wo mehr Menschen gegenüber der Globalisierung positiv eingestellt seien.
  • Außerdem werde Zusammenhalt in Großstädten als weniger stark empfunden als in manchen dünn besiedelten Dörfern. Für eine mögliche Begründung halten die Autoren, dass das Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich in Großstädten besonders augenfällig sei.


"In Regionen und Bundesländern, die sich als weltoffen erweisen, in denen viele junge Menschen leben und Arbeit finden und die eher in der Lage sind, soziale Ausgrenzung zu verhindern, ist der Zusammenhalt besser", heißt es in der Studie. Für ostdeutsche Länder, aber auch einige Regionen in Westdeutschland sei dies weniger gegeben.


Zur Studie

Für die Untersuchung haben Wissenschaftler der Jacobs University Bremen eine repräsentative Befragung von 5041 Menschen durch das Sozialforschungsinstitut infas aus dem Frühjahr 2017 ausgewertet.

Gesellschaftlichen Zusammenhalt definierten die Forscher so: "Starker Zusammenhalt zeichnet sich durch belastbare soziale Beziehungen, eine positive emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung aus."

Vor diesem Hintergrund stellten sie den Studienteilnehmern Fragen, etwa, ob sie sich ehrenamtlich engagieren, Geld spenden, Freunde treffen, ob sie sich in ihrer Nachbarschaft über Hundekot ärgern, ob sie sich für Politik interessieren, wie sie die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland bewerten, ob sie eher ungern ausländische Nachbarn hätten, ob sie sich in ihrer Nachbarschaft sicher fühlen.

Aus diesem Fragenkatalog leiteten die Forscher Werte zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in den drei Bereichen soziale Beziehungen, Verbundenheit und Gemeinwohl ab.

insgesamt 76 Beiträge
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schoenwetterschreiberling 11.12.2017
1. Der Bindestrich
In der deutschen Sprache ist es durchaus üblich, die Teilnehmer einer Studie als Studienteilnehmer zu bezeichnen; nicht als Studien-Teilnehmer. Den Deppen-Bindestrich braucht niemand.
GoaSkin 11.12.2017
2. richtig: Zusammenhalt gibt es nur im eigenen Sozialen Umfeld
In Deutschland geht nämlich nicht nur die Einkommensspirale immer weiter auseinander - nein, die gesellschaftlichen Schichten verstehen sich untereinander überhaupt nicht mehr und sprechen unterschiedliche Sprachen. Und sie machen einen großen Bogen umeinander herum. Darum gehen auch reiche Kinder auf das Gymnasium und Arme auf die Gesamtschule.
unaufgeregter 11.12.2017
3. Früher war .....
nicht alles besser. Allerdings hat sich die Gewichtung innerhalb der Gesellschaft geändert. Nach neoliberaler Denke kann der Alte weg, weil er nichts mehr zum Bruttosozialprodukt beiträgt und nur noch kostet. Jedenfalls erkläre ich mir so die Zustände in den Altenpflegeheimen eine Landes, dem es so gut geht wie noch nie. Wir wurden zu ICH-AG's umfunktioniert und viele sehen in der Kollegin/dem Kollegen den Konkurrenten. Das ist krank und macht auf Dauer auch krank. Der gesellschaftliche Zusammenhang ist da gut, wo man sich kennt und mag. Freund, Familie und der Taxifahrer vor Ort. Man kennt sich, man versteht sich.
claus7447 11.12.2017
4. Wertegesellschaft
Zusammenhalt ja, unbedingt. Allerdings steht dem entgegen "Selbstverwirklichung ". Wobei mir kommt das lediglich als egotrip vor. So nach dem motte "Ich zuerst".
tombadil1 11.12.2017
5.
In Deutschland ist es auch üblich über jeden Blödsinn aufzuregen, sei er noch so unwichtig. Zu dem Artikel ist dir nichts besseres eingefallen, als dich über einen Bindestrich zu beschweren?
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