Chai Time Kolumne aus Istanbul

Chai Time Der demütigendste Moment meines Lebens

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Und ab damit: "Es war die Hölle"

Es geht doch nur um ein Stück Haut, außerdem ist es eine Tradition, sagen die einen über die Beschneidung von Jungen. Andere finden: Skandal! Eines ist klar: Für einen Achtjährigen ist die Prozedur die Hölle - vor allem, wenn er danach im Kinderwagen fahren muss.

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Als wir kürzlich mit unserem Sohn bei der Kinderärztin in Islamabad waren, fragte sie: "Und? Wollen Sie ihn nicht beschneiden lassen?" Ich fragte zurück: "Ist das denn medizinisch notwendig?" Die Ärztin blickte mich irritiert an und antwortete: "Nein, aber man macht das hier aus religiösen Gründen. Und ich dachte, Sie..."

Sie schwieg einen Moment und sagte dann: "Es ist aber medizinisch sinnvoll. In den USA machen sie es alle, unabhängig von der Religion. Außerdem geht das heute ganz unblutig. Mit einem Ring, mit dem man die Blutzufuhr abklemmt. Die Vorhaut stirbt ab und fällt nach ein paar Tagen von alleine ab."

Unser Sohn wurde nicht beschnitten, und solange es keine medizinischen Gründe dafür gibt, wird das auch in Zukunft nicht passieren. Das hat auch mit meinen persönlichen Erfahrungen zu tun.

Ich bin in Hollern-Twielenfleth aufgewachsen, einem Dorf im Alten Land in Norddeutschland. Beschneidungen von Jungen aus religiösen Gründen sind dort, nun ja, nicht wirklich üblich. Obwohl meine Eltern aus muslimischen Familien stammen, ersparten sie mir dieses Ritual.

Man beschneidet doch keinen Achtjährigen!

Aber als ich acht Jahre alt war, kam eine Tante aus Pakistan zu Besuch. Sie ist sehr religiös, und leider erfuhr sie, dass ich nicht beschnitten war. Sie bestand darauf, dass das unbedingt nachgeholt werden müsse, wie es sich für einen muslimischen Jungen gehört - auch wenn das nirgends im Koran steht.

Ich bekam Angst. Ich war acht Jahre alt, kein Säugling! Man beschnitt doch keinen Achtjährigen! Da ich wusste, dass man in Pakistan und Indien auf ältere Personen hört und dass diese Tante die älteste Schwester meines Vaters und daher eine besondere Respektsperson war, befürchtete ich das Schlimmste.

Meine Eltern dachten über den Vorschlag nach. Ich hoffte, dass unser Hausarzt im Nachbardorf Grünendeich die Sache abbügeln würde. Aber der fiel mir zu allem Übel in den Rücken. Er sagte, eine Beschneidung sei überhaupt nicht schlimm und aus medizinischer Sicht sinnvoll, er empfehle sie daher sehr.

Zur Freude meiner Tante fanden meine Eltern im nahegelegenen Stade einen Chirurgen mit ägyptischem Namen - wer wäre besser geeignet, die Beschneidung vorzunehmen als dieser wahrscheinlich muslimische Arzt? Schon wurde ein Termin ausgemacht. Als ich davon erfuhr, geriet ich in Panik: In wenigen Tagen sollte es so weit sein - denn meine Tante wollte unbedingt bei der Operation dabei sein. Sie war ja selbst Medizinerin, Anästhesistin, und sehr daran interessiert zu sehen, wie in Deutschland operiert wird. Ihr Deutschlandurlaub war aber fast schon zu Ende.

Es war die Hölle.

Vor allem die Tage danach.

Meine Eltern, meine Tante und meine Schwester wollten am Tag nach der Operation zum Einkaufen nach Stade fahren. Unter keinen Umständen wollte ich mit meinen Schmerzen zu Hause allein gelassen werden. Meine Eltern holten den alten Buggy vom Dachboden und verfrachteten mich ins Auto. In der Stadt blieb mir nichts anderes übrig, als mich in dem Kinderwagen durch die Fußgängerzone schieben zu lassen.

Es war einer der demütigendsten Momente meines Lebens.

Meine Schwester kicherte ständig. Oh Gott, was, wenn mir jemand aus meiner Schule über den Weg lief? Meine Lehrerin womöglich? Oder, schlimmer noch, meine Freunde? Wie sollte ich bloß erklären, warum ich im Kinderwagen hockte?

"Mit Religion hatte das nichts zu tun"

Als wir wieder zu Hause waren, fiel eine riesige Anspannung von mir ab - ich war unendlich dankbar, niemandem in der Stadt begegnet zu sein, den ich kannte. Ich schwor mir, die Wohnung erst zu verlassen, wenn ich wieder gehen konnte.

"Wir haben es getan, weil der Arzt uns dazu aus medizinischen Gründen geraten hat", sagt meine Mutter heute. "Mit Religion hatte das nichts zu tun." Habe ich es damals als Angriff auf mein Recht auf körperliche Unversehrtheit empfunden? Aber hallo! Hat es mir geschadet? Nein.

Mittlerweile lache ich über diese denkwürdige Episode aus meiner Kindheit. Und dann fällt mir ein, dass nicht nur muslimische Männer, sondern auch jüdische beschnitten sind. Merkwürdige Vorstellung: Muslime und Juden sehen sich oft als Feinde, aber splitternackt lässt sich ein jüdischer Mann von einem muslimischen nicht unterscheiden. Selbst auf viele meiner mehr oder weniger christlichen Freunde trifft zu, dass sie beschnitten sind. Aus medizinischen Gründen eben.

Ich habe nichts gegen die Beschneidung von Jungen. Es ist der weltweit häufigste chirurgische Eingriff, außerdem eine Tradition, die Muslimen und Juden wichtig ist.

Aber bitte nur bei Säuglingen. Nicht bei Achtjährigen.

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Der Text ist ein überarbeiteter Auszug aus dem inzwischen vergriffenen und nur als E-Book erhältlichen Buch "Grünkohl und Curry".

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Zum Autor
  • Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren. Er ist der Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer und wuchs in zwei Welten auf. Als Südasien-Korrespondent berichtete er für SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL aus Islamabad, Pakistan. Im August 2013 wechselte er nach Istanbul. In seiner Kolumne "Chai Time" berichtet er über den Alltag in der Ferne.

Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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