Bestattung von Amts wegen "Man darf einen Menschen nicht einfach verbuddeln"

Ein Mensch wird beerdigt, aber niemand nimmt Abschied: Bei "Bestattungen von Amts wegen" ist es oft einsam auf dem Friedhof. In Hamburg-Öjendorf springen dann Fremde ein.

Spiegel Online

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Keine Familie, keine Freunde, keine Kollegen oder Nachbarn: Lieselotte Mayer*, gestorben im Alter von 67 Jahren, wird beerdigt, ohne dass bei ihrem Begräbnis ein Mensch um ihren Tod weint. Ihre Urne steht in einer schmalen Kiste in einer langen Reihe mit einigen Dutzend weiteren Urnen von Verstorbenen, von denen sich niemand verabschieden will. Auf dem Friedhof: Leere.

In Hamburg-Öjendorf sieht es jeden zweiten Dienstag gegen 8.30 Uhr so aus. Dann finden hier rund 30 "Bestattungen von Amts wegen" statt: Wenn ein Mensch stirbt und keine Angehörigen hat, die "bestattungspflichtig" wären oder die Behörden niemanden ausfindig machen können, springt der Staat ein. Er zahlt Sarg, Einäscherung, Beerdigung und Grabstätte - aber er kann keine Trauernden bestellen.

Hinter dem etwas sperrigen Behördenbegriff der "Bestattung von Amts wegen" verbirgt sich deshalb oft große Verlorenheit. Auf dem Öjendorfer Friedhof steckt dahinter aber auch der Versuch, Familie und Freunde zu ersetzen, wenn sich sonst keiner kümmern kann oder will. "Allein zu sein bei der Beerdigung - das hat kein Mensch verdient. Das fühlt sich irgendwie falsch an", sagt Olaf Leguttky von der Friedhofsverwaltung. "Wenn niemand kommt, geben wir deshalb den Menschen die letzte Ehre."

"Man darf einen Menschen nicht einfach so verbuddeln"

Leguttky selbst nimmt öfter an diesen Bestattungen teil, außerdem ein Pastor und vier Friedhofsmitarbeiter, die nun in grüner Gartenkleidung mit Minitraktor, Anhänger, Schaufeln und Spezialgerät zum Gräberausheben angerückt sind. Sie haben die Kisten mit den Urnen abgeladen und sind an diesem Dienstag die einzigen Gäste einer rund zehnminütigen Zeremonie.

Einer der Friedhofsmitarbeiter liest die Namen der Verstorbenen vor, dann übernimmt Pastor Thomas Reinsberg. "Leben hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit", heißt es in seiner Ansprache, in der er deutlich macht: Der Tod ist unausweichlich. Aber wie Menschen damit umgehen, entscheiden sie selbst.

"Man darf einen Menschen nicht einfach so verbuddeln", findet jedenfalls Manfred Johns, der hier als Friedhofsmitarbeiter Tag für Tag Gräber schaufelt. "Wir möchten den Verstorbenen Würde geben", sagt auch Reinsberg. Er findet: "Das tut unserer Gesellschaft gut."

"Tot ist nur, wer vergessen wird"

Ein Mensch soll nicht ohne Abschied aus dieser Gemeinschaft ausscheiden, nicht so, als ob allen anderen gleichgültig wäre, dass er nicht mehr da ist. Darum bemühen sich Friedhofsmitarbeiter und Pastor - wohlwissend, dass diese Beerdigung eben anders ist. "Normalerweise spreche ich vorher mit den Angehörigen. Ich erfahre etwas über den Menschen", sagt Reinsberg. "Das ist nicht nur eine traurige Angelegenheit. Es hat auch etwas Positives, ein Leben Revue passieren zu lassen."

Ein beliebter Spruch bei Beerdigungen lautet: "Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können." Er stammt vom Dichter Jean Paul. Es soll ein Trost für Angehörige sein, dass sie ihre Toten in der Erinnerung lebendig halten. Ein Gedanke, der auch Sterbende trösten soll. "Tot ist nur, wer vergessen wird." Immanuel Kant. Noch so ein Spruch, der oft auf dem Friedhof zitiert wird. Aber bei Bestattungen von Amts wegen will das alles nicht richtig passen.

"Ich weiß nichts über diese Menschen, nur Alter, Geburtstag und Todestag", sagt Reinsberg. Diese Angaben stehen auf Etiketten, die auf den Urnendeckeln kleben. Manche Menschen sind demnach weit über 90 Jahre alt, andere nicht einmal 50 geworden. "Da lassen sich mit Vorsicht Dinge erahnen", sagt der Pastor. "Aber ich habe keine direkte Berührung mit diesen Menschen, da entsteht keine Trauer, keine Erinnerung. Deshalb fehlt hier etwas."

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Bestattung von Amts wegen: Totendienstag in Öjendorf

Reinsberg ist einer von sieben Pastoren, die an den Bestattungen von Amts wegen reihum teilnehmen, darunter Sabine Erler, die die Einsätze koordiniert. "Mir tut es auch selbst gut, an diesen Bestattungen teilzunehmen", sagt sie. "Ich möchte bei meiner Beerdigung irgendwann auch nicht allein sein."

Erler findet allerdings, dass man aus einem einsamen Begräbnis keine vorschnellen Schlüsse ziehen sollte. Vielleicht seien Familie oder Freunde nur zu krank, um zur Beisetzung zu kommen. Oder zu alt. Oder zu weit weg. Oder selbst schon gestorben. "Vielleicht standen die Toten einmal mitten im Leben", sagt die Pastorin. "Mich regen die spärlichen Infos auf den Urnen eher zu einer positiven Fantasie an."

Immer mehr Bestattungen von Amts wegen

Wie viele Bestattungen es von Amts wegen bundesweit gibt, wird in keiner Statistik erfasst. Der Bundesverband deutscher Bestatter schätzt, dass die Zahl steigt. Mögliche Ursachen: die demografische Entwicklung, immer mehr alte Menschen, die immer weniger in Familienstrukturen eingebunden sind, immer mehr Single-Haushalte. In Hamburg gab es Ende der Neunzigerjahre rund 400 Bestattungen von Amts wegen pro Jahr, zuletzt waren es nach Angaben der Friedhofsverwaltung mehr als 2000.

"Fakt ist auch, dass einige Verstorbene Angehörige haben, die sich verweigern, weil sie die Bestattung nicht zahlen wollen", sagt Verbandssprecher Stephan Neuser. Immerhin ginge es um einige Tausend Euro, nicht zuletzt für Friedhofsgebühren und Grabpflege. Die Behörden würden das Geld zurückfordern, wenn sie Angehörige doch noch ausfindig machen.

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"Da fragt man sich schon: Was ist mit unserer Menschheit los?", sagt Leguttky. Teilweise erfährt er später doch noch etwas über die Toten. "Manchmal melden sich Angehörige noch nach Wochen und sind bestürzt, weil man sie nicht informiert hat." Dann sei womöglich etwas bei der Recherche der Behörden schiefgegangen. "Einige bringen im Nachhinein noch Blumen."

Einmal habe eine Frau sogar nach drei Jahren angerufen. "Sie hatte da erst mitbekommen, dass ihr Bruder tot war, weil die beiden zerstritten waren und jahrelang keinen Kontakt hatten", sagt Leguttky. "Dabei wohnte sie nur zwei Straßen von ihm entfernt."

*Name geändert



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