Immer weniger Beerdigungsfeiern Wie traurig es ist, wenn niemand mehr trauert

Viele Verstorbene werden neuerdings ohne jedes Ritual bestattet. Was steckt dahinter?

Eine Kerze steht an einer Grabstätte
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Eine Kerze steht an einer Grabstätte

Von Johann Hinrich Claussen


Zum Autor
    Johann Hinrich Claussen ist Theologe und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland

Es ist ein stiller, aber kräftiger Trend: Immer mehr Verstorbene werden ohne einen Abschied bestattet. Auch wenn es schwierig ist, genaue Zahlen zu ermitteln, lässt sich diese Entwicklung nicht mehr übersehen. Seriöse Branchenkenner gehen davon aus, dass es in Hamburg für etwa 51 Prozent aller Toten keinen Ritus, kein Wort, keine Musik, keine Feier gibt. Hört man sich bei Bestattern, Pfarrern, Rednern und Friedhofsverwaltern in Berlin um, ergibt sich ein ähnliches Bild. Auf dem Land und in Kleinstädten mag es noch anders sein, aber in deutschen Großstädten wird anscheinend fast die Mehrheit der Toten sang- und klanglos weggeschafft. Zwar wird in den Medien regelmäßig über den Wandel der Begräbnisformen berichtet: Über den Trend zu mehr Urnenbeisetzungen, anonymen Gräbern, Bestattungen in Wäldern und im Meer oder das bloße Verstreuen der Asche wie in den Niederlanden. Doch darüber, dass vorher bei sehr vielen Menschen einfach nichts mehr geschieht, ist wenig zu hören. Dabei ist dies für die Toten selbst, ihre Angehörigen und Freunde - ja, für die Gesellschaft eine bedrängende Frage: Stirbt der Tod aus in Deutschland?

Wo es keine Statistiken gibt, ist es schwer, exakte Gründe zu benennen. Doch spricht viel dafür, dass vor allem vier Gruppen zu diesem Trend beitragen. Da sind zunächst die Sozialbestattungen: Der Verstorbene war mittellos, seine Angehörigen sind es ebenfalls oder entziehen sich ihrer Bestattungspflicht - nun müssten die Kommunen einspringen. Aber viele haben diesen Posten aus ihren Sozialetats gestrichen. Dann bleibt nur noch der "stille Abtrag".

Der Tote wird verbrannt und von einem Friedhofsmitarbeiter in einem anonymen Gräberfeld beigesetzt, meist in einer Sammelbestattung. In Berlin gibt es immerhin die Sitte einer "stillen Beisetzung": Der Termin wird bekannt gegeben, sodass Menschen dabei sein können - doch außer, dass die Urne in die Erde gebracht wird, geschieht nichts.

Von den Sozial- sind die Ordnungsamtsbestattungen zu unterscheiden. Hier ist nicht Armut das Problem, sondern Einsamkeit und fehlende Vorsorge: Der Verstorbene hatte keine bestattungspflichtigen Angehörigen oder niemanden mit der Aufgabe betraut, für einen angemessenen Abschied zu sorgen - dann kommt es innerhalb von zwei Wochen zur "Beisetzung von Amts wegen". In Hamburg ist dafür das Umweltamt verantwortlich, dem die Friedhöfe zugeordnet sind. Bis Nachbarn oder Freunde davon erfahren und sich möglicherweise entscheiden, aktiv zu werden, ist die Leiche schon fachgerecht entsorgt.

Eine dritte Gruppe bilden die Hochbetagten, die keine Feier wollen. Einige mögen nur den Wunsch haben, dass alles zu Ende ist. Andere haben niemanden, für den die Mühe sich lohnen würde. Von vielen aus der Kriegs- und Flüchtlingsgeneration hört man zudem immer wieder diese beiden Sätze: "Ich will niemandem zur Last fallen" und "Macht doch kein Aufhebens um mich". Es ist nicht leicht, sie zu deuten. Sie können ein Zeichen von nüchterner Vernünftigkeit sein: Was von Familie und Freundeskreis übrig ist, lebt so weit verstreut oder ist schon so alt, dass man es keinem zumuten will, sich auf den Weg zu machen. Man kann diese Sätze aber auch als Ausdruck einer generationstypischen Resignation verstehen, die in lang zurückliegenden Verletzungen wurzelt. Manchmal jedoch kann man auch einen indirekten Ruf nach Zuwendung heraushören. Deshalb ist es für Hinterbliebene so schwer, mit diesem "letzten Willen" umzugehen.

Aber es sind nicht nur die Menschen am Rand der Gesellschaft - die besonders Armen, Einsamen und Alten -, bei denen es zum Abschied vom Abschied kommt. Dieser ist, viertens, längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Da stirbt ein Mensch mittleren Alters, er wurde geliebt, nun wird um ihn getrauert, doch herrscht in der Familie eine solche Sprachlosigkeit und Unsicherheit, dass sie lieber nichts dazu sagt oder unternimmt. Man weiß nichts mit diesem erschütternden Ereignis anzufangen, so lässt man den Bestatter allein seine Arbeit tun und kehrt selbst schnell wieder in den Alltag zurück. Es ist keineswegs nur eine Frage des Geldes, ob ein Verstorbener feierlich beigesetzt wird, sondern es hängt viel grundsätzlicher von der Einstellung zum Leben und zum Tod ab.

Nun könnte man kühl fragen, warum hier ein Verlust zu beklagen ist. Wenn ein Mensch lange vor seinem leiblichen einen sozialen Tod gestorben ist und wenige noch da sind, die um ihn trauern, lohnt sich dann eine Feier? Das ist eine berechtigte Frage, aber sie nimmt der Hamburger Zahl "51" nichts von ihrer bodenlosen Traurigkeit. Die Rückfrage drängt sich auf, ob es nicht zur Würde eines Menschen gehört, dass sich nach seinem Tod Angehörige und Freunde noch einmal um ihn versammeln, seinen Namen nennen, sein Erinnerungsbild lebendig werden lassen, für Gutes danken und Schwieriges verzeihen, ein Gebet sprechen. Zeigt sich darin nicht eine Pietät, die auch für eine moderne Gesellschaft unverzichtbar ist? Wie verhält sich im Angesicht des Todes unsere Modernität zu unserer Menschlichkeit? Es gehört doch zur Kultur des Menschen, dass er im Unterschied zu den Tieren seine Artgenossen in einem bewusst gestalteten Akt bestattet. Das sollte im 21. Jahrhundert obsolet geworden sein? Es gibt heutzutage im Internet beliebte Trauerforen, aber es ist zweifelhaft, ob sie die analoge Verabschiedung eines Toten und damit die direkte Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit ersetzen. So schwer es ist, so wird es doch immer noch als hilfreich erlebt, wenn man zu einem eilig festgesetzten Termin, der alle Planungen durcheinanderbringt, den man aber wahrnimmt, weil es sich so gehört, zusammenkommt, um gemeinsam Abschied zu nehmen, sich erschüttern zu lassen, zu schweigen und zu weinen, um danach bei Kaffee und Kuchen wieder miteinander zu lachen. Es ist eine menschliche Grunderfahrung, dass Rituale dabei helfen, Lebensschwellen zu überwinden.

Man nimmt sich selbst etwas, wenn man es unterlässt - und man nimmt anderen einen wichtigen Moment. Es gibt häufig mehr Menschen, die gern Abschied nehmen würden, als die Angehörigen ahnen. Als Kind kennt man ja nur einen Ausschnitt des sozialen Lebens seiner Eltern. Wenn die Kernfamilie keine oder nur eine höchst private Feier ("hat im engsten Familienkreis stattgefunden") begeht, schließt sie Menschen aus, denen es ein Bedürfnis gewesen wäre: Freunde, Nachbarn, ehemalige Kollegen, Pflegepersonal. Durch die konsequente Privatisierung verliert der Tod ein wichtiges Stück Öffentlichkeit. Das schadet auch den traditionellen Orten des Todes. Die Friedhöfe mit ihren Kapellen sind hochbedeutsame Kulturräume. Auf Dauer lassen sie sich nur erhalten - und zwar nicht bloß wirtschaftlich -, wenn sie ihrer Bestimmung gemäß genutzt werden.

Allerdings ist die Lage uneindeutig. Auch hier gilt: Kein Trend ohne Gegentrend. Darin ist die Kultur oder Unkultur des Todes ein Spiegelbild unserer zunehmend polarisierten Gesellschaft: Bei den einen passiert kaum noch etwas, bei den anderen dafür umso mehr. Bestattern, Pastoren und Redner begegnet, wenn sie es mit sprachfähigen Menschen zu tun haben, heute eine große Bereitschaft, ausführlich über den Verstorbenen Auskunft zu geben oder eigene Beiträge zu liefern, damit die Feier individuell gestaltet wird. Es genügt nicht mehr, ein amtliches Ritual abzuspulen oder vorgefertigte Textbausteine vorzulesen. Das macht mehr Arbeit, aber auch mehr Freude. Man sollte es nicht als "Eventisierung" abtun. Denn das Ergebnis solcher langen Vorbereitungsgespräche sind oft sehr schöne Trauerfeiern. Sie müssen gar nicht außergewöhnlich inszeniert sein. Denn entscheidend ist die Beziehung zwischen denen, die das Ritual vollziehen, und denen, die mitfeiern.

Seit einigen Jahren bieten nichtkirchliche Ritualgestalter neue Formen des Abschiednehmens an. Für religiös nicht gebundene Menschen ist dies eine Möglichkeit, nicht nur eine Rede anzuhören, sondern selbst etwas zu vollziehen. Einige Elemente eröffnen bisher unbekannte, sinnliche Erfahrungen: Der Tote wird berührt oder die Urne in den Arm genommen. Andere scheinen aus dem Methodenkoffer evangelischer Konfirmandenarbeit zu stammen: die mit Blumen und Tüchern "gestaltete Mitte", der Erzählkreis, Zettel zum Ausfüllen, Popsongs, Luftballons und Kerzen, Kerzen, Kerzen. Auch wenn einiges davon für Jüngere passend ist, droht anderes bald an Kraft zu verlieren. Hier zeigt sich eine Grenze des Innovativen. Ein gutes Ritual lebt davon, dass es nicht jedes Mal neu erfunden werden muss. In einer Ausnahmesituation, wenn man gar nicht klar zu denken vermag, kann man auf es zurückgreifen. Es ist auch gar nicht kompliziert, sondern auf das Wesentliche konzentriert. Als Konvention im guten Sinne steht es zur Benutzung bereit, lässt allen aber die Freiheit, engagiert mitzuwirken oder aus einer gewissen Distanz zuzusehen. Darin unterscheidet sich ein traditionelles Ritual von einem aktuell-selbstgemachten, das in der Gefahr steht, aufgesetzt oder gar aufdringlich zu wirken und in die Überforderung zu führen. Nur: Damit ein altes Ritual wirken kann, muss es bekannt und eingeübt sein. Man muss Erfahrungen mit ihm gesammelt haben, die ein Vertrauen begründen - zu seiner Form und seinem Gehalt. Welches Ritual hätte heute eine solche Überzeugungskraft, dass es viele, unterschiedliche Menschen für den Moment des Abschiednehmens zu einer Gemeinde zusammenschließt?

Die schlichte Alternative "Abschied nehmen oder nicht?" führt zu grundsätzlichen, aber offenen Fragen. Viele sind hier herausgefordert - besonders natürlich die Kirchen. Für sie ist es seit jeher eines der wichtigsten "Werke der Barmherzigkeit", möglichst vielen Menschen ein angemessenes Begräbnis zu verschaffen. Dies hat entscheidend zum Missionserfolg der antiken Kirche beigetragen. In Mittelalter und früher Neuzeit sorgten die Kirchhöfe dafür, dass die Gemeindeglieder in "geweihter "Erde" ihre letzte Ruhestätte fanden. Doch liegt darin heute eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Eine der großen Leistungen des modernen Sozialstaats war es, seit dem 19. Jahrhundert auf kommunalen Friedhöfen auch den Armen eine anständige Beerdigung und ein eigenes Grab zu geben. Dieser christlich-humanitäre Fortschritt steht infrage, wenn viele Menschen mit ihrem Tod direkt in die Namenlosigkeit fallen. So ist es notwendig, dass sich alle ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen. Jeder Einzelne sollte vorsorgen, mit Angehörigen oder Freunden darüber sprechen. Aber es müsste auch ein gemeinsames Anliegen werden. Gute Ansätze gibt es schon: Kirchengemeinden feiern Trauergottesdienste für Obdachlose oder gründen - ebenso wie Hospize oder soziale Einrichtungen - Gemeinschaftsgrabstätten. Noch viel mehr wäre hier möglich und könnte helfen, im Angesicht des Todes eine Antwort auf die Frage zu finden, wer wir sind und sein wollen.



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