Von Jan Rübel
Holger Apfel fühlt sich unwohl. "Ich bin mehr für freundlichere und hellere Farben", sagt er. Es ist Ende Dezember. Der neue Parteichef sitzt im noch immer leeren Büro, er drückt seinen Rücken an die Wand. Seine kleinen Augen fixieren den mächtigen Schreibtisch in der Mitte; nur ein Flachbildschirm hat sich samt Tastatur dorthin verirrt.
"Ein paar neue Möbel sollten hier schon rein", sagt er. Aber dazu hat Holger Apfel gerade keine Zeit, "die Dinge haben auch mich überrollt", sagt er mit Blick auf die Zwickauer Terrorgruppe. "Die hatte ich nicht auf dem Schirm gehabt."
Ruhig sitzt er da, faltet die Hände über seinem Bauch. Er lächelt zufrieden. Die NPD soll überhaupt mehr lächeln, findet Holger Apfel. Lässiger sein. Er trägt keine abgewetzte Lederjacke wie Udo Voigt, sondern ein weißes Tommy-Hilfiger-Hemd und schwarze Tommy-Hilfiger-Socken, dazwischen dunkelblaue Jeans, alles wie von der Stange. Wenn er redet, purzeln die Worte wie beiläufig. "Ein paar Verrückte - so sie denn wirklich die Täter waren - drehen durch, und die NPD soll dafür die Zeche zahlen", seufzt er.
Pardon, aber mit diesen Verrückten hatte er früher gemeinsam demonstriert, war mit ihnen auf die Straße gegangen.
"Ich bin doch nicht für jeden Gestörten verantwortlich, der sich zu unseren Veranstaltungen verirrt." Es klingt wie Kain, der über Abel spricht: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Apfel schaltet auf den Opfermodus. "Das ist eine inszenierte Kampagne gegen uns." Seine Sätze werden nun länger, winden sich zu Bandwürmern, in großen Sprüngen geht es von den "kriminellen Machenschaften des Verfassungsschutzes" hinüber zu internationalen Verstrickungen wie der Geheimorganisation "Gladio".
Lächeln gegen das Verbot
Holger Apfel ist gerade 41 geworden. Aber er spricht in Monologen wie ein langjähriger arabischer Potentat. Nur wenn er fürchtet, unterbrochen zu werden, legt er im Redetempo noch einmal zu.
Längst bewegt er sich verbal im Sternschritt; ein Fuß bleibt immer am Boden. Die Wagenburg entsteht: Nichts soll seine schöne, neue Welt der NPD stören. "Wir werden noch sozialer auftreten, uns um die Probleme der kleinen Leute kümmern", schwärmt er. "Keiner ist so konsequent gegen den Euro wie wir." In die Mitte will er, ohne einen wirklichen Schritt.
Sein Konzept der "seriösen Radikalität"? "Das ist vor allem eine Frage der Außendarstellung." Und was ist unseriöse Radikalität? "Mir geht es um die positive Besetzung", weicht er lächelnd aus. Schließlich: "Wir sind radikal im Denken dahingehend, dass wir die Probleme an ihren Wurzeln packen wollen."
Was Holger Apfel entwirft, ist eine Illusion von Fortschritt. Seinem Vorgänger Udo Voigt wirft er strategische Fehler vor, wegen der "Gas Geben"-Plakate und Kreuzworträtsel mit dem Lösungswort "Adolf". "Damit sind wir wieder im Ghetto." Aber radikal, an die Wurzeln will Holger Apfel nicht wirklich.
"Der Nationalsozialismus ist eine abgeschlossene Epoche. Ich maße mir nicht an, über die Vergangenheit zu urteilen."
Was denn nun: Wenn abgeschlossen, dann wird ein Urteil ja wohl möglich sein?
Holger Apfel sitzt still. Nur die dichten Augenbrauen bewegen sich zuweilen aufeinander zu. Macht soll das demonstrieren, die neue NPD. Er denkt, mit dieser Nummer kommt er durch: mit bürgerlichem Tritt sich an die konservativen Globalisierungskritiker heranrobben. Sich das Verbot vom Leibe lächeln. Eine moderne Rechtspartei werden, wie die anderen rings um Deutschland herum.
Doch der Front National aus Frankreich, der belgische Vlaams Belang oder die FPÖ aus Österreich sind nie um eine Antwort verlegen, zu welcher Frage auch immer, so biegsam populistisch. Bei der NPD dagegen sieht das so aus: "Es gibt für mich nicht die Notwendigkeit und die Zeit, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich will die Zukunft gestalten." Holger Apfel schließt die Augen. Und wartet ruhig auf das Ende des Gesprächs.
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