Besuch in der NPD-Zentrale: "Willkommen in unserer national befreiten Zone"

Von Jan Rübel

4. Teil: Dritter Besuch - Die NPD unter neuer Führung

NPD-Zentrale: Zu Besuch im braunsten Haus Deutschlands Fotos
Kathrin Harms

Holger Apfel fühlt sich unwohl. "Ich bin mehr für freundlichere und hellere Farben", sagt er. Es ist Ende Dezember. Der neue Parteichef sitzt im noch immer leeren Büro, er drückt seinen Rücken an die Wand. Seine kleinen Augen fixieren den mächtigen Schreibtisch in der Mitte; nur ein Flachbildschirm hat sich samt Tastatur dorthin verirrt.

"Ein paar neue Möbel sollten hier schon rein", sagt er. Aber dazu hat Holger Apfel gerade keine Zeit, "die Dinge haben auch mich überrollt", sagt er mit Blick auf die Zwickauer Terrorgruppe. "Die hatte ich nicht auf dem Schirm gehabt."

Ruhig sitzt er da, faltet die Hände über seinem Bauch. Er lächelt zufrieden. Die NPD soll überhaupt mehr lächeln, findet Holger Apfel. Lässiger sein. Er trägt keine abgewetzte Lederjacke wie Udo Voigt, sondern ein weißes Tommy-Hilfiger-Hemd und schwarze Tommy-Hilfiger-Socken, dazwischen dunkelblaue Jeans, alles wie von der Stange. Wenn er redet, purzeln die Worte wie beiläufig. "Ein paar Verrückte - so sie denn wirklich die Täter waren - drehen durch, und die NPD soll dafür die Zeche zahlen", seufzt er.

Pardon, aber mit diesen Verrückten hatte er früher gemeinsam demonstriert, war mit ihnen auf die Straße gegangen.

"Ich bin doch nicht für jeden Gestörten verantwortlich, der sich zu unseren Veranstaltungen verirrt." Es klingt wie Kain, der über Abel spricht: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Apfel schaltet auf den Opfermodus. "Das ist eine inszenierte Kampagne gegen uns." Seine Sätze werden nun länger, winden sich zu Bandwürmern, in großen Sprüngen geht es von den "kriminellen Machenschaften des Verfassungsschutzes" hinüber zu internationalen Verstrickungen wie der Geheimorganisation "Gladio".

Lächeln gegen das Verbot

Holger Apfel ist gerade 41 geworden. Aber er spricht in Monologen wie ein langjähriger arabischer Potentat. Nur wenn er fürchtet, unterbrochen zu werden, legt er im Redetempo noch einmal zu.

Längst bewegt er sich verbal im Sternschritt; ein Fuß bleibt immer am Boden. Die Wagenburg entsteht: Nichts soll seine schöne, neue Welt der NPD stören. "Wir werden noch sozialer auftreten, uns um die Probleme der kleinen Leute kümmern", schwärmt er. "Keiner ist so konsequent gegen den Euro wie wir." In die Mitte will er, ohne einen wirklichen Schritt.

Sein Konzept der "seriösen Radikalität"? "Das ist vor allem eine Frage der Außendarstellung." Und was ist unseriöse Radikalität? "Mir geht es um die positive Besetzung", weicht er lächelnd aus. Schließlich: "Wir sind radikal im Denken dahingehend, dass wir die Probleme an ihren Wurzeln packen wollen."

Was Holger Apfel entwirft, ist eine Illusion von Fortschritt. Seinem Vorgänger Udo Voigt wirft er strategische Fehler vor, wegen der "Gas Geben"-Plakate und Kreuzworträtsel mit dem Lösungswort "Adolf". "Damit sind wir wieder im Ghetto." Aber radikal, an die Wurzeln will Holger Apfel nicht wirklich.

"Der Nationalsozialismus ist eine abgeschlossene Epoche. Ich maße mir nicht an, über die Vergangenheit zu urteilen."

Was denn nun: Wenn abgeschlossen, dann wird ein Urteil ja wohl möglich sein?

Holger Apfel sitzt still. Nur die dichten Augenbrauen bewegen sich zuweilen aufeinander zu. Macht soll das demonstrieren, die neue NPD. Er denkt, mit dieser Nummer kommt er durch: mit bürgerlichem Tritt sich an die konservativen Globalisierungskritiker heranrobben. Sich das Verbot vom Leibe lächeln. Eine moderne Rechtspartei werden, wie die anderen rings um Deutschland herum.

Doch der Front National aus Frankreich, der belgische Vlaams Belang oder die FPÖ aus Österreich sind nie um eine Antwort verlegen, zu welcher Frage auch immer, so biegsam populistisch. Bei der NPD dagegen sieht das so aus: "Es gibt für mich nicht die Notwendigkeit und die Zeit, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich will die Zukunft gestalten." Holger Apfel schließt die Augen. Und wartet ruhig auf das Ende des Gesprächs.

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insgesamt 33 Beiträge
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1.
testthewest 22.03.2012
Zitat von sysopRechte Terroristen haben quer durchs Land gemordet, nun ist die Debatte über ein NPD-Verbot neu entfacht. Doch was tut sich in der Parteizentrale? Drei Besuche geben Einblick - vor und nach der Entdeckung des Zwickauer Trios. Besuch in der NPD-Zentrale: "Willkommen in unserer national befreiten Zone" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,822937,00.html)
Ein komischer Bericht, der gewaltiges Augenmerk auf das Möbel legt, der scheinbar sublimiert negativ das Aussehen der Personen schildert. Der Vorsitzende hat also "kleine Augen". Gefolgt wird das Ganze mit: Herr xy schweigt. Dieses Schweigen wird dann nochmal detailiert beschrieben. Danach wird wohl eine längere Aussage zu einen Nebensatz degradiert. Ich bin der Meinung, ein objektiver Bericht ist sinnvoller, als Absätze über die alten Möbel zu verschwenden. Man fühlt sich durch den Autor bedrängt, seine Meinung anzunehmen. Des weiteren fragt man sich: Warum müssen Möbel herhalten? Gibt es nicht schlimmeres im Reich des Bösen?
2. *
geroi.truda 22.03.2012
Zitat von sysopIhre guten Manieren verbergen kaum das schlichte Weltbild, das nur gut und böse kennt, sie selbst erhöht und alle anderen nach unten drückt. Das ausblendet, was nicht sein soll
Mit Ausnahme der guten Manieren unterscheiden sie sich darin nicht von den Linken...
3. Wer hier zwischen den Zeilen liest...
sappelkopp 22.03.2012
Zitat von sysopRechte Terroristen haben quer durchs Land gemordet, nun ist die Debatte über ein NPD-Verbot neu entfacht. Doch was tut sich in der Parteizentrale? Drei Besuche geben Einblick - vor und nach der Entdeckung des Zwickauer Trios. Besuch in der NPD-Zentrale: "Willkommen in unserer national befreiten Zone" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,822937,00.html)
...merkt schnell, welche kleinbürgerliche Welt sich da versteckt. Es sind von unserem System Enttäuschte, die meinen, ihre Probleme zu lösen, in dem sie sie auf Menschen schieben, die anders sind als sie. Dass Sie so denken, wie sie denken, ist, so scheint, es Zufall. Und genau das ist das gefährliche, von unserem System enttäuschte Menschen gibt es einfach zu viele in Deutschland.
4. -
mangeder 22.03.2012
Zitat von sysopEin ehemaliger NPD-Schatzmeister hatte die Partei bestohlen, dafür wanderte er ins Gefängnis
Der NPD-Schatzmeister muss wohl ein Ausländer gewesen sein.... ....ein National-Teutscher würde doch keine Straftaten begehen und sich sogar gegen das eigenen Volk wenden ;-)
5.
Nania 22.03.2012
Zitat von testthewestIch bin der Meinung, ein objektiver Bericht ist sinnvoller, als Absätze über die alten Möbel zu verschwenden. Man fühlt sich durch den Autor bedrängt, seine Meinung anzunehmen. Des weiteren fragt man sich: Warum müssen Möbel herhalten? Gibt es nicht schlimmeres im Reich des Bösen?
Ich finde diese Reportage durchaus gelungen. Warum? Weil sie sich nicht nur auf das bereits Bekannte bezieht, das, was die NPD sagt, für was sie stehen, sondern auch, wie sie sich selbst sehen. Wie sie selbst darstehen, wenn man sie in ihrer Parteizentrale besucht. Ich habe kein Mitleid mit der NPD, im Gegenteil. Aber anhand der Reportage kann man sehen: Die NPD liegt am Boden. Sie liegt am Boden weil sie in ihrer eigenen verdrehten Welt lebt, lieber die Fakten, die sich bieten leugnet und sich somit selbst aus dem ernsthaften politischen Geschehen katapultiert. Die Ansichten der Partei sind verwerflich, widerwärtig und wer sich mal Rede z.B. aus dem mecklenburgischen Landtag anhört, der weiß auch, welche politischen Ansichten sich hinter der schnöde Fassade bewegen. Welche Radikalität, welche Menschenfeindlichkeit (anders als bei den Linken) hinter den Ansichten der Partei steht. Eine solche Reportage zeigt - vielleicht ein bissen ironisch - dass es der Partei im Inneren nicht gut geht. Udo Voigt, langjähriger Bundesvorsitzende, sitzt in einem Büro der Erinnerung, hat kein Amt mehr und denkt über Promotion nach. Zeigt das nicht, dass die Partei eigentlich machtlos ist? Sie gibt sich kraftvoll nach außen, hat aber kein Geld für neue Möbel. Sie gibt sich stark, doch wirkt sie im Artikel eher wie ein Haufen von Leuten, die irgendwann den Kampf verlieren werden. Entweder durch ein Verbotsverfahren - oder durch eigene Inkompetenz. Und eigentlich zeigt doch ihre Inkompetenz, dass sie im Endeffekt nicht mehr sind, als ein kleiner Fleck. Vielleicht sogar so klein, dasss man ihn nicht einmal wegwischen muss. Irgendwann verschwindet er ganz von allein. Und das - sollte es passieren - ist gut so. Wir brauchen in Deutschland keine Partei, die den Holocaust leugnet (leugnen möchte), die Asylbewerber als Betrüger abstempelt und meint, die Morde an neun Migranten seinen nicht von rechts verübt worden. Nein. So eine Partei braucht auch der Teil der Deutschen nicht, die rechts sind. Was leider mehr sind, als man so glaubt (um die 8% aller Deutschen haben ein geschlossen (!) rechtsextremes Weltbild). Die Sorge bleibt: Wenn die NPD weg ist, was kommt dann? Etwas radikaleres, etwas, was mehr Einfluss hat?
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