Besuch in der NPD-Zentrale: "Willkommen in unserer national befreiten Zone"

Von Jan Rübel

Rechte Terroristen haben quer durchs Land gemordet, nun ist die Debatte über ein NPD-Verbot neu entfacht. Doch was tut sich in der Parteizentrale? Drei Besuche vor und nach der Entdeckung der Zwickauer Zelle.

NPD-Zentrale: Zu Besuch im braunsten Haus Deutschlands Fotos
Kathrin Harms

In der Seelenbinderstraße, Berlin-Köpenick, liegt Morgentau auf dem Asphalt, es ist Ende September 2011, die Linden tragen noch grün. Das Haus mit der Nummer 42 ist ein gedrungener Bau, hinter den hellgelben Außenmauern residiert die NPD.

An diesem Tag ahnt noch kaum jemand, dass in Zwickau drei Neonazis wohnen, die in den letzten elf Jahren zehn Menschen umbrachten: Die neun Morde an Migranten werden noch als "Döner-Morde" bezeichnet, und niemand käme auf die Idee, sie in Zusammenhang zu bringen mit dem Tod einer Polizistin in Heilbronn.

Ein verbeultes Metalltor versperrt den Weg in den Hof der Parteizentrale, oben und unten umrahmt von Stacheldraht. Die Haustür daneben ist mit Stahlplatten versehen, ein Summen ruft zum Eintritt auf. In der Eingangsschleuse dann schaut ein kahlrasierter Wärter durchs Seitenfenster. Noch eine Stahltür, und im Vorraum mustert der Mann, die Hand an einer Flasche Reizgas, den Gast.

Udo Voigt kommt lässig die Treppe herunter. Er lächelt entspannt und sagt dann in beiläufigem Ton: "Willkommen in unserer national befreiten Zone."

Hinten im Hof entladen Männer mit kapuzenverhangenen Gesichtern einen Wagen mit Plakaten, die es heute Nacht nicht auf die Laternenpfähle der Stadt geschafft haben.

"Viel los heute", sagt Udo Voigt, 59, und zückt sein Handy. Er zeigt ein Foto: darauf ein Oberkörper, mit blauen Flecken übersät. "Den Kameraden hat es gestern beim Aufhängen erwischt. Das war die Antifa." Es ist halb neun, ein ganz normaler Tag bei der NPD beginnt.

Ein Hacker-Angriff, mal wieder

Voigt, ehemals Hauptmann bei der Bundeswehr, errang 1996 in einer Kampfabstimmung den Parteivorsitz der NPD. In zwei Wochen steht ein Bundesparteitag bevor, Voigts politischer Ziehsohn Holger Apfel will ihn dort vom Thron stoßen. Udo Voigt sagt: "Unser politisches Leben ist ein Kampf." Jetzt aber gibt es erst mal Kaffee.

Ein Tag bei der NPD ist ein Tag voller Düsternis. Die Wände wurden seit Jahren nicht mehr neu gestrichen, die Holztreppe knarzt. Ab dem ersten Stock trägt man Hemd und Stoffhose mit Bügelfalte. Schließlich sehen sich die Leute von der rechtsextremen NPD im Kampf um Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes.

"Wir stehen an der Spitze dieser Erneuerung", schreiben sie im Programm. Ihren Kampf steuern sie von hier, aus der Parteizentrale heraus. Acht Angestellte und ein Dutzend Ehrenamtliche, über zwei Stockwerke verteilt.

Oben in der Küche bollert die Kaffeemaschine im Akkord. Florian Stein greift sich eine Tasse, er ist gestresst. Hacker sind vergangene Nacht mal wieder in einen Anbieterserver der NPD eingebrochen und haben 179 Internetseiten mitgehen lassen: E-Mails, interne Korrespondenzen.

Stein setzt sich für einen Moment auf eine alte Eckbank. Ein in die Jahre gekommenes Ivar-Regal ist noch das neueste Möbelstück hier, in ihm stapeln sich Pappdeckel mit dem Aufdruck "Haake-Beck Dunkel", eine Biersorte, die es nicht mehr gibt.

"Auf unsere Mitgliederdateien haben die Hacker zum Glück keinen Zugriff", sagt Stein und nimmt einen hastigen Schluck. "Die sind nicht servergestützt."

Zwei Themen: Opfer und Täter

Stein, 28, kantiger, zur Seite neigender Kopf mit ruhigen Augen, ist für die Mitgliederverwaltung zuständig. Der studierte Verwaltungswissenschaftler steht auf, er will die Korrespondenzen in seinem Rechner auf Vertrauliches hin überprüfen. "Unter unseren Mitgliedern sind einige bekannte Persönlichkeiten. Würden die enttarnt, wären ihre Karrieren sicherlich vorbei."

Zwei Themen beherrschen die Leute hier. Das eine ist die stete Opferkoloratur. Nahezu alle erzählen ungefragt, wie schwer sie es wegen ihrer "Ideologie" hätten: Stein flog aus seinem Praktikum bei einem Amt für Grundsicherung, als der Behördenleiter von seiner NPD-Mitgliedschaft hörte; er heuerte dann hier an. Buchhalter und NPD-Urgestein Ulrich Eigenfeld berichtet genüsslich, wie seine Kündigung bei der Bundesbahn die Gerichte beschäftigte.

Und Bundesgeschäftsführer Klaus Beier erzählt, nicht zum ersten Mal, wie drangsalierende Polizisten ihn vor 20 Jahren zur NPD gebracht hätten: Unweit des Friedhofs von Hitler-Vize Rudolf Heß war er verhaftet worden. "Dabei war ich nur auf Heimaturlaub mit Blumen für die Verwandtschaft - die waren nicht fürs Grab."

Der zweite Topos, um den sich hier alles dreht, ist das Verständnis von "Tätern": kein Gespräch ohne "Überfremdung" und "Verausländerung".

Stein sitzt am Computer in seinem Büro, das Frontfenster ist vergittert. Er sagt unvermittelt: "Das Leben hier in Köpenick ist schön. Wir haben eine gewisse Art des Zusammenlebens. Ausländer würden das nur durcheinanderbringen." Er schiebt nach: "Ich habe auch ausländische Freunde", und lässt mit dem "aber" nicht lang warten. "Aber das Leben mit Deutschen ist einfacher. Mit den Fremden hapert es."

Ob ihm ein Beispiel dafür einfalle.

"Ich kann jeden Tag auf die Straße gehen und das erleben."

Und das Beispiel?

Stein schweigt. Konkret fällt ihm jetzt nichts ein. Er sagt: "Ich möchte das einfach nicht."

Ihm gegenüber sitzt Mandy Schmidt, seit einer Viertelstunde hat sie einen an der Partei interessierten Anrufer am Ohr. Sie redet kaum, streut mal "da haben Sie aber recht" ein, oder: "Das muss auch mal gesagt werden." Nebenbei druckt sie Etiketten aus: bis jetzt um 12 Uhr sind es fünf Anrufer, die Infopost wünschen. Bis zum Abend werden es 25 werden. Mandy Schmidt, 30, strohblondes, zu einem Pferdeschwanz gebundenes Haar, legt auf. "Manchmal sind wir Sozialhelfer. Die Leute sind oft allein und wollen reden."

Entscheidet sich Deutschlands Schicksal am Esstisch?

Auch die Parteiangestellten reden gern und lang, ihre Sätze wollen nicht enden. Sie leben in einer Welt aus vagen Ängsten und Sehnsüchten. Ihre guten Manieren verbergen kaum das schlichte Weltbild, das nur Gut und Böse kennt, sie selbst erhöht und alle anderen nach unten drückt. Das ausblendet, was nicht sein soll.

Karsten Panzer tritt mit einem Stoß Akten in den Händen ins Büro. Sie sind für den Schredder vorm Fenster. Der Finanzrevisor verschafft sich gerade einen Überblick über die Rechenschaftsberichte vergangener Jahre. Er schwitzt. "Ich versuche zu rekonstruieren, was richtig ist und was nicht." Ein ehemaliger NPD-Schatzmeister hatte die Partei bestohlen, dafür wanderte er ins Gefängnis, überließ der NPD einen Aktenberg. Die Papiere holt Panzer aus dem Keller; der einzige Ort, den Besucher nicht betreten dürfen. An diesem Tag steht Karsten Panzer noch oft vorm Schredder.

Udo Voigt rauscht herein, Florian Stein und Mandy Schmidt drücken ihre Rücken durch. "Ich brauche einen von euch für den Infostand am Bahnhof. Abmarsch in 60 Minuten."

Es geht los, Zeit für ein rasches Mittagsmahl, der ehemalige Hauptmann steuert ein Restaurant in einer Nebenstraße an. Voigt, stets begleitet von zwei Leibwächtern, setzt sich mit dem Gesicht zum Fenster. "Hier gibt es gute deutsche Hausmannskost", sagt er, bestellt sich ein Bauernfrühstück.

Ist ihm das so wichtig? Entscheidet sich Deutschlands Schicksal am Esstisch?

Er denkt nach. "Ach, lassen wir das. Ist doch egal." Zur Not isst er auch mal einen Döner. Aber ein Burger, der kommt ihm nie auf den Teller, "das ist das Produkt des unterjochenden US-Imperialismus schlechthin".

Eigentlich sollten die USA nach Voigtsscher Lesart schwach sein, so multikulturell, da dürfte kaum Kraft vorhanden sein fürs Unterjochen. Aber das ist ein Widerspruch, der kaum noch auffällt, der Burger-Asket ist schon bei der Rettung Deutschlands. Dafür braucht er viel, viel Geld. Mehr Geburten sollen her gegen die "Überfremdung", "mit 75 Milliarden Euro für Kinder- und Müttergeld, das rechnet sich sofort gegen".

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insgesamt 33 Beiträge
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1.
testthewest 22.03.2012
Zitat von sysopRechte Terroristen haben quer durchs Land gemordet, nun ist die Debatte über ein NPD-Verbot neu entfacht. Doch was tut sich in der Parteizentrale? Drei Besuche geben Einblick - vor und nach der Entdeckung des Zwickauer Trios. Besuch in der NPD-Zentrale: "Willkommen in unserer national befreiten Zone" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,822937,00.html)
Ein komischer Bericht, der gewaltiges Augenmerk auf das Möbel legt, der scheinbar sublimiert negativ das Aussehen der Personen schildert. Der Vorsitzende hat also "kleine Augen". Gefolgt wird das Ganze mit: Herr xy schweigt. Dieses Schweigen wird dann nochmal detailiert beschrieben. Danach wird wohl eine längere Aussage zu einen Nebensatz degradiert. Ich bin der Meinung, ein objektiver Bericht ist sinnvoller, als Absätze über die alten Möbel zu verschwenden. Man fühlt sich durch den Autor bedrängt, seine Meinung anzunehmen. Des weiteren fragt man sich: Warum müssen Möbel herhalten? Gibt es nicht schlimmeres im Reich des Bösen?
2. *
geroi.truda 22.03.2012
Zitat von sysopIhre guten Manieren verbergen kaum das schlichte Weltbild, das nur gut und böse kennt, sie selbst erhöht und alle anderen nach unten drückt. Das ausblendet, was nicht sein soll
Mit Ausnahme der guten Manieren unterscheiden sie sich darin nicht von den Linken...
3. Wer hier zwischen den Zeilen liest...
sappelkopp 22.03.2012
Zitat von sysopRechte Terroristen haben quer durchs Land gemordet, nun ist die Debatte über ein NPD-Verbot neu entfacht. Doch was tut sich in der Parteizentrale? Drei Besuche geben Einblick - vor und nach der Entdeckung des Zwickauer Trios. Besuch in der NPD-Zentrale: "Willkommen in unserer national befreiten Zone" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,822937,00.html)
...merkt schnell, welche kleinbürgerliche Welt sich da versteckt. Es sind von unserem System Enttäuschte, die meinen, ihre Probleme zu lösen, in dem sie sie auf Menschen schieben, die anders sind als sie. Dass Sie so denken, wie sie denken, ist, so scheint, es Zufall. Und genau das ist das gefährliche, von unserem System enttäuschte Menschen gibt es einfach zu viele in Deutschland.
4. -
mangeder 22.03.2012
Zitat von sysopEin ehemaliger NPD-Schatzmeister hatte die Partei bestohlen, dafür wanderte er ins Gefängnis
Der NPD-Schatzmeister muss wohl ein Ausländer gewesen sein.... ....ein National-Teutscher würde doch keine Straftaten begehen und sich sogar gegen das eigenen Volk wenden ;-)
5.
Nania 22.03.2012
Zitat von testthewestIch bin der Meinung, ein objektiver Bericht ist sinnvoller, als Absätze über die alten Möbel zu verschwenden. Man fühlt sich durch den Autor bedrängt, seine Meinung anzunehmen. Des weiteren fragt man sich: Warum müssen Möbel herhalten? Gibt es nicht schlimmeres im Reich des Bösen?
Ich finde diese Reportage durchaus gelungen. Warum? Weil sie sich nicht nur auf das bereits Bekannte bezieht, das, was die NPD sagt, für was sie stehen, sondern auch, wie sie sich selbst sehen. Wie sie selbst darstehen, wenn man sie in ihrer Parteizentrale besucht. Ich habe kein Mitleid mit der NPD, im Gegenteil. Aber anhand der Reportage kann man sehen: Die NPD liegt am Boden. Sie liegt am Boden weil sie in ihrer eigenen verdrehten Welt lebt, lieber die Fakten, die sich bieten leugnet und sich somit selbst aus dem ernsthaften politischen Geschehen katapultiert. Die Ansichten der Partei sind verwerflich, widerwärtig und wer sich mal Rede z.B. aus dem mecklenburgischen Landtag anhört, der weiß auch, welche politischen Ansichten sich hinter der schnöde Fassade bewegen. Welche Radikalität, welche Menschenfeindlichkeit (anders als bei den Linken) hinter den Ansichten der Partei steht. Eine solche Reportage zeigt - vielleicht ein bissen ironisch - dass es der Partei im Inneren nicht gut geht. Udo Voigt, langjähriger Bundesvorsitzende, sitzt in einem Büro der Erinnerung, hat kein Amt mehr und denkt über Promotion nach. Zeigt das nicht, dass die Partei eigentlich machtlos ist? Sie gibt sich kraftvoll nach außen, hat aber kein Geld für neue Möbel. Sie gibt sich stark, doch wirkt sie im Artikel eher wie ein Haufen von Leuten, die irgendwann den Kampf verlieren werden. Entweder durch ein Verbotsverfahren - oder durch eigene Inkompetenz. Und eigentlich zeigt doch ihre Inkompetenz, dass sie im Endeffekt nicht mehr sind, als ein kleiner Fleck. Vielleicht sogar so klein, dasss man ihn nicht einmal wegwischen muss. Irgendwann verschwindet er ganz von allein. Und das - sollte es passieren - ist gut so. Wir brauchen in Deutschland keine Partei, die den Holocaust leugnet (leugnen möchte), die Asylbewerber als Betrüger abstempelt und meint, die Morde an neun Migranten seinen nicht von rechts verübt worden. Nein. So eine Partei braucht auch der Teil der Deutschen nicht, die rechts sind. Was leider mehr sind, als man so glaubt (um die 8% aller Deutschen haben ein geschlossen (!) rechtsextremes Weltbild). Die Sorge bleibt: Wenn die NPD weg ist, was kommt dann? Etwas radikaleres, etwas, was mehr Einfluss hat?
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