Bildband Kindheit mit zwei Müttern

Für manche war es ein düsteres Geheimnis, für andere einfach toll: Der Fotoband "The Kids" versammelt Porträts von Menschen, deren Familien nicht der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Konstellation entsprechen.

Gabriela Herman

Von


LGBTQ? Klingt kompliziert. Komplizierter jedenfalls als die Abkürzung DSL. Da weiß zwar auch keiner, was genau es bedeutet, aber schon, dass es irgendwas mit schnellem Internet zu tun hat.

Die amerikanische Fotografin Gabriela Herman hat einen Fotoband mit dem Titel "The Kids" veröffentlicht. Er trägt den Untertitel "Kinder von LGBTQ-Eltern in den USA" und versammelt Porträts und Geschichten von Erwachsenen, deren Eltern nicht der traditionellen Vater-Mutter-Konstellation entsprechen.

Auch die Mutter der Fotografin ist lesbisch. "Es hat lange gedauert, bis ich das laut aussprechen konnte", schreibt Herman im Vorwort zu dem Band. Als sie ein Kind war, schien ihr die sexuelle Orientierung ihrer Mutter wie etwas, das unbedingt geheim gehalten werden müsse.

Heute ist Herman Mitte dreißig, seit mittlerweile sieben Jahren reist sie durch die USA, um Menschen zu treffen, die mit lesbischen, schwulen, bisexuellen oder Transeltern aufgewachsen sind. Seitdem hat sie die Geschichten von fast 100 Männern und Frauen dokumentiert. "Jedes Porträt, jedes Interview wurde, auf eine unerwartete Weise, zu einer Therapiesitzung für mich."

"Nicht vor meiner Tochter küssen"

Die Ergebnisse dieser Treffen sind von kurzen, sehr persönlichen Berichten begleitete Porträts, in denen die mittlerweile Erwachsenen Protagonistinnen und Protagonisten von ihrer Kindheit berichten. Sie erzählen von zerbrechenden Familien und Vätern, die für ihre Homosexualität für Jahre ins Gefängnis mussten. Aber auch davon, wie egal es kleinen Kindern ist, ob jemand Mutter und Vater hat oder die Konstellation anders ist. Mehrere erzählen, wie sie im Kindergarten und den ersten Schulklassen von den anderen beneidet wurden, wenn die erfuhren, dass sie zwei Mütter hatten.

Fotostrecke

10  Bilder
Foto-Projekt "The Kids": "Meine Eltern sind fantastisch"

Andere Geschichten legen nahe, dass Erwachsene oft weit größere Probleme haben, solche Unterschiede zu verstehen und zuzulassen. Auch Jaz aus Webster, New York hat "zwei Moms", wie sie selbst sagt. Als eine Schulfreundin bei ihr übernachten sollte, nahm deren Mutter ihre Mutter beiseite und sagte: "Sie dürfen ihre Frau aber nicht vor meiner Tochter küssen."

Jaimie aus Chicago erinnert sich daran, wie sie einmal Streit mit einer Aushilfsbetreuerin im Kindergarten hatte. Sie bastelten Vatertagskarten. Als Jaimie sagte, sie habe keinen Vater, bestand die Pädagogin darauf, dass jeder einen Vater habe. "Sie hat mir einfach nicht geglaubt", erinnert sich Jamie.

Bild für Bild, Erlebnis für Erlebnis schafft Gabriela Herman ein Kaleidoskop biografischer Momentaufnahmen, das zum Nachdenken und Reflektieren über unsere Gesellschaft und unser Verhältnis zu Minderheiten anregt.

Geschlechteridentitäten hinterfragen und herausfordern

Einige der Kinder von LGBTQ-Eltern in dem Fotoband berichten, wie sehr sie sich darüber freuen, dass es so viel leichter geworden ist, offen alternative sexuelle Orientierungen und Partnerschaften zu leben. Wohl auch deshalb, weil es heute Begriffe wie LGBTQ gibt, unter denen sich Menschen organisieren, gegenseitig unterstützen und austauschen können.

Die Abkürzung LGBTQ steht für Lesbisch, Gay (schwul), Bisexuell (beiden Geschlechtern zugeneigt), Transgender (Menschen, deren Geschlechtsidentität von ihrem angeborenen Geschlecht abweicht). Die Bedeutung des "Q" (für "Queer") wird offenbar noch immer verhandelt. Unter anderem bezeichnet "Queer" Menschen, die Geschlechteridentitäten, Machtverhältnisse und Gesellschaftsstrukturen hinterfragen und herausfordern.

Klingt kompliziert? Vielleicht reicht es für alle Nicht-LGBTQ-Leute auch fürs Erste, wenn das hier hängenbleibt: LGBTQ - das hat doch irgendwas damit zu tun, dass alle das gleiche Recht auf Liebe und einvernehmlichen Sex haben. Und das ist doch eine gute Sache.

ANZEIGE
Gabriela Herman:
The Kids

The Children of LGBTQ Parents in the USA

New Press, 160 Seiten; Englisch; 16,48 Euro



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
anton_ansichtsbuch 13.11.2017
1. Kitschverdacht
Halt nein, ich ziehe den 'Verdacht' zurück: es ist, ästhetisch betrachtet, reinster Postkartenkitsch. Der Kitsch macht auch vor vermeintlich progressiven Entwicklungen nicht halt. 'Kitsch ist Erfahrung aus zweiter Hand, vorgetäuschte Empfindung', schreibt der Kunstkritiker Clement Greenberg.
moistvonlipwik 13.11.2017
2.
Der Artikel bestätigt, was wir vorher schon wussten: Kinder, die von gleichgeschlechtlichen Paaren aufgezogen werden, leiden nicht.
sr.pablo 13.11.2017
3. Traditionell?
Was hat das mit Traditionen zu tun? Jeder und zwar ausnahmslos jeder hat eine Vater-Mutter-Kind Familie. Das zwei Männer oder zwei Frauen auch ein Kind großziehen können steht außer Frage. Trotzdem kommt man um die Grundkonstellation nicht herum. Also bitte etwas präziser.
m.m.s. 13.11.2017
4. Junges und deren role model
Das Beispiel mit dem fehlenden Vater ist sehr erhellend aber unvollständig. Gerade zu Jungens gibt es ausreichend Studien, dass diese zur richtigen Entwicklung ein männliches Vorbild (role model) benötigen. Dies ist die Basis für alle Entscheidungen die verantwortliche Eltern treffen, wenn sie das Beste für ihr Kind tun.
Frankonius 13.11.2017
5.
Zitat von sr.pabloWas hat das mit Traditionen zu tun? Jeder und zwar ausnahmslos jeder hat eine Vater-Mutter-Kind Familie. Das zwei Männer oder zwei Frauen auch ein Kind großziehen können steht außer Frage. Trotzdem kommt man um die Grundkonstellation nicht herum. Also bitte etwas präziser.
Definitionsfrage. Wenn Sie die rein biologische Zeugung meinen - ja. Aber tatsächliches Zusammenleben und das Wahrnehmen der Erziehung ist längst nicht mehr nur im "traditionellen Modell" praktiziert. Einem Kind ist es erstmal wurscht, wer es mit wem gezeugt hat. Entscheidend ist, wer die Bezugspersonen zu Hause sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.