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Bischof Williamson: Vatikan war früher als bekannt über Holocaust-Leugnung informiert

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Die katholische Kirche steht vor einer Neuauflage der Debatte um den britischen Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson. Der Vatikan war offenbar weit früher als bislang bekannt über dessen antisemitische Äußerungen informiert - und hob trotzdem die Exkommunikation auf.

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Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson: Gegen das Gesetz

Hamburg - Die als Signal des Entgegenkommens gegenüber der katholischen Piusbruderschaft erfolgte Aufhebung von Williamsons Exkommunikation erfolgte im Januar dieses Jahres durch den Papst - doch unter anderen Bedingungen als bisher bekannt.

Die katholische Kirche in Schweden hat jetzt zugegeben, den Vatikan bereits im November 2008 - also gut zwei Monate zuvor - darüber informiert zu haben, dass Williamson ein Holocaust-Leugner ist. Bisher hatte Papst Benedikt XVI. verbreiten lassen, man habe dies nicht gewusst.

Die katholische Kirche in Schweden verfasste bereits im November 2008 einen internen Report über die bevorstehende Fernsehdokumentation des Stockholmer TV-Journalisten Ali Fegan zu den Aktivitäten der Piusbruderschaft.

In diesem auf Englisch verfassten Report heißt es: "Von höchstem Interesse ist es, dass während eines Interviews mit Bischof Richard Williamson dieser den Holocaust leugnet. Dies ist gegen das Gesetz und wird in Deutschland strafrechtlich verfolgt." So konkret wurde der Papst gewarnt.

Das Interview mit Williamson war in Deutschland nahe Regensburg von Fegans TV-Team am 1. November aufgenommen worden. Der Journalist hatte einen Landsmann, einen lutherischen Priester, mit der Kamera begleitet, der zu den Piusbrüdern konvertiert war. Die schwedischen Katholiken hatten von diesem Interview wiederum durch dessen lutherische Kirche erfahren.

Den Report mit der klaren Warnung schickte der Stockholmer Nuntius Erzbischof Emil Paul Tscherrig umgehend nach Rom.

TV-Reporter Fegan hatte vor zwei Monaten dazu den ranghöchsten katholischen schwedischen Bischof Anders Arborelius befragt. Der katholische Würdenträger hatte die frühzeitige Information des Vatikans über den Holocaust-Leugner Williamson in diesem Gespräch zwar zugegeben, die Veröffentlichung des Interviews aber bisher verhindert.

Erst nachdem sich in dieser Woche die schwedische katholische Kirche zur Wahrheit durchrang und offiziell die Existenz des Reports und seine Weitergabe nach Rom zugab, kann das Interview heute Abend im schwedischen Fernsehprogramm "Uppdrag granskning" gezeigt werden.

Bischof Arborelius gesteht darin: "Ja, ich habe den Vatikan informiert, wie es üblich ist." Er wisse aber nicht, wer was mit seinen Informationen dort angefangen habe. "Ich informierte jeden… Ich informierte jeden, der für die Piusbruderschaft zuständig ist." Er wolle niemanden anklagen, seinen Job nicht gemacht zu haben, "aber einige Fehler wurden gemacht, so, wie es gelaufen ist".

Inzwischen hat Arborelius dazu auch eine persönliche Erklärung auf seine Web-Seite gestellt.

"Im vergangenen Winter ging die Kirche durch eine Feuerprobe", schreibt der Bischof. Die Turbulenzen, die bis ins Frühjahr andauerten, seien so stark gewesen, "dass wir alle Farbe bekennen mussten". Weiter heißt es: "Wir von der Diözese Stockholm haben jene Informationen an den Vatikan weitergeleitet, die wir über die Piusbruderschaft und Richard Williamson hatten." Inklusive dessen Holocaust-Leugnung.

Viele Katholiken in aller Welt hatten Anfang des Jahres auf den Umstand, dass man im Vatikan ausgerechnet einem Holocaust-Leugner entgegengekommen war, mit Wut und Enttäuschung reagiert.

Die Verlautbarung der Pressestelle des Vatikan von damals, man habe nichts von den antisemitischen Äußerungen Williamsons gewusst, ist nun nicht mehr haltbar.

Auch in einem anderen Punkt gibt es noch eine offene Wunde: Der Papst hatte Williamson aufgefordert, sich klar und ohne wenn und aber von der Leugnung des Holocausts zu distanzieren. Bisher ist das nicht passiert.

Im Oktober sollen aber nun die Verhandlungen zwischen Vatikan und Piusbruderschaft über eine vollständige Rückkehr in die katholische Kirche beginnen.

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