Bischofsrücktritt nach Missbrauchskandal Irlands Katholiken misten aus

Für Irland war es ein Jahr der Offenbarungen, zwei Untersuchungsberichte erschütterten die Insel in ihren Grundfesten. Jahrzehntelang haben katholische Priester dort Kinder gepeinigt und missbraucht. Nun gibt es Konsequenzen: Der erste Bischof gibt sein Amt auf, weitere könnten folgen.

Von , London

Bischof Donal Murray: Die Iren wandten sich ab
AFP / Catholic Communications Office

Bischof Donal Murray: Die Iren wandten sich ab


London - Im dunklen Anzug trat der katholische Bischof Donal Murray am Donnerstagmorgen vor seine Gemeinde in der St. Johns Kathedrale im irischen Limerick. "Ich weiß, dass mein Rücktritt die Schmerzen nicht rückgängig machen kann, unter denen die Missbrauchsopfer in der Vergangenheit gelitten haben und bis heute leiden", sagte der 69-Jährige. Doch gehe er, weil sein Verbleib im Amt den Betroffenen "Schwierigkeiten" bereiten würde. Die Missbrauchsopfer sollten künftig "einen besonderen Platz in unseren Gebeten" haben.

Bischof Murray ist der erste hochrangige Kirchenmann, der nach dem Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche Irlands abtritt. Der Vatikan bestätigte den Schritt am Donnerstag. Papst Benedikt XVI. hatte das Gesuch bereits am Montag in Rom angenommen, aber Murray die Verkündung überlassen.

Der Bischof hatte die Entscheidung lange hinausgezögert. Bereits vor drei Wochen veröffentlichte die Untersuchungskommission der irischen Richterin Yvonne Murphy ihren 700-seitigen Abschlussbericht. Sie hatte Missbrauchsvorwürfe von 320 Kindern gegen 46 Priester in der Erzdiözese Dublin von 1975 bis 2004 untersucht. Die Ergebnisse waren schockierend: Nicht nur die Kirche, sondern auch die Polizei hat demnach jahrzehntelang alle Vorwürfe totgeschwiegen und nicht weiter verfolgt.

Dunkle Geheimnisse

Es war bereits der zweite Bericht in diesem Jahr, der die dunklen Geheimnisse der Katholischen Kirche in Irland offenlegte. Im Mai hatte die irische Kommission für Kindesmissbrauch die Ergebnisse einer neunjährigen Untersuchung von katholischen Kinderheimen und Waisenhäusern vorgelegt: 35.000 Kinder wurden demnach zwischen 1914 und 2000 in kirchlicher Obhut geschlagen, gepeinigt oder vergewaltigt.

Der Schock im immer noch tiefkatholischen Irland war beide Male groß, und in den letzten Wochen hagelte es Rücktrittsforderungen. Im Murphy-Bericht werden fünf frühere Dubliner Weihbischöfe namentlich genannt, die bei der Vertuschung mitgemacht haben sollen, darunter auch Murray. Ihm wird vorgeworfen, im Jahr 1983 Missbrauchsvorwürfe gegen den Pfarrer Tom Naughton ignoriert zu haben. Murrays Handeln sei "unentschuldbar" gewesen, steht in dem Bericht.

Der Druck auf Murray war in den vergangenen Wochen stetig gewachsen. Während er in Rom weilte, um seine weiteren Schritte zu überlegen, wandten sich immer mehr Iren von ihm ab. Auch der Vatikan rang sich schließlich zu einer Distanzierung durch. Papst Benedikt XVI. zitierte vergangene Woche die Oberhäupter der irischen Kirche zu sich und teilte mit, er sei "tief verstört und tief betrübt". Die Einsicht kam spät: Der Vatikan-Gesandte in Dublin hatte zuvor die Arbeit der Murphy-Kommission noch boykottiert.

"Altar Boy"

In Irland wurde Murrays Abdankung mit Erleichterung aufgenommen. Nun müssten auch die anderen vier Bischöfe zurücktreten, forderte Andrew Madden. Der inzwischen 44-Jährige war in den siebziger Jahren drei Jahre lang von dem Pfarrer Ivan Payne in Dublin missbraucht worden. Sein Leben war zerstört, er wurde Alkoholiker, brauchte lange, um das Trauma zu verarbeiten. Sein Buch "Altar Boy" aus dem Jahr 2003 sorgte mit dafür, dass der Kindesmissbrauch der Kleriker in der Öffentlichkeit zum Thema wurde.

Diejenigen, die die Augen vor den Vergehen verschlossen hätten, seien genauso schlimm wie diejenigen, die sie begangen hätten, sagte Madden dem "Irish Independent". Wenn die Bischöfe im Amt blieben, sei dies "eine Beleidigung für jedes Kind, das von einem Pfarrer der Erzdiözese Dublin missbraucht wurde".

Der Vorsitzende der irischen Bischofskonferenz, Kardinal Sean Brady, hatte nach dem Treffen mit dem Papst vergangene Woche eine "bedeutende Reorganisation" seiner Kirche angekündigt. Ob diese sich in dem Rücktritt Murrays erschöpft, ist unklar.

Laut "Irish Independent" ist die große Mehrheit der irischen Pfarrer und Gemeindemitglieder dafür, "dass alle im Murphy-Bericht genannten Bischöfe gehen sollen - zum Wohle der Kirche". Zwei der betreffenden Kirchenfürsten haben jedoch bereits ihren Rücktritt ausgeschlossen.

Schlechtes Licht

Der Murphy-Bericht wirft ein schlechtes Licht auf die höchsten Ebenen der Dubliner Kirchenhierarchie. Alle vier Erzbischöfe seit 1975 wussten demnach von den Vorwürfen gegen pädophile Priester, ignorierten sie jedoch, um den Ruf der Kirche zu schützen. Auffällige Pfarrer wurden einfach in eine andere Gemeinde versetzt und konnten dort weiter ihr Unwesen treiben. Ein Geistlicher hat gestanden, über hundert Kinder missbraucht zu haben.

Auch die Polizei verfolgte Hinweise nicht, sondern schaute lieber weg. Selbst ranghohe Beamte hielten die Kleriker dem Bericht zufolge für unantastbar. Erst Mitte der neunziger Jahre bröckelte das Kartell des Schweigens, die ersten Pfarrer wurden verurteilt.

Doch das ganze Ausmaß des Skandals wurde erst in diesem Jahr publik. Der pensionierte Dubliner Erzbischof Desmond Conwell versuchte noch vergangenes Jahr, die Arbeit der Kommission für Kindesmissbrauch zu blockieren, indem er ihr Zugang zu Akten verwehrte.

Die irische Regierung, die selbst wegen jahrzehntelanger Untätigkeit am Pranger steht, ist nun aufgeschreckt. Justizminister Dermot Ahern versprach nach der Veröffentlichung des Murphy-Berichts, sämtliche Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, egal, wie lange die Taten zurücklägen.

Murrays Rücktritt könnte also erst der Anfang sein.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
Klo, 17.12.2009
1. irdisches Recht!
Zitat von sysopFür Irland war es ein Jahr der Offenbarungen, zwei Untersuchungsberichte erschütterten die Insel in ihren Grundfesten. Jahrzehntelang haben katholische Priester dort Kinder gepeinigt und missbraucht. Nun gibt es Konsequenzen: Der erste Bischof gibt sein Amt auf, weitere könnten folgen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,667742,00.html
Das ist nun wirklich mehr als überfällig nach all diesen Skandalen. Aber Rücktritt allein reicht nicht aus. Es muß Entschädigung her und die Verbrecher sind der irdischen Gerichtsbarkeit zuzuführen. Das Klo.
Hovac 17.12.2009
2. Wozu?
Bei Menschen die auf Sexualität "verzichten" kann man auch nicht viel anderes erwarten. Das ändert gar nichts, die Kranken in der Kirche machen einfach so weiter und am 24. stehen sie auch alle wieder hier rum und halten sich für die "Guten" was sie dem seltenen Publikum zusammen mit einer Mischung aus eigennützigen Schuldgefühlen verkaufen.
nonbeliever1911 17.12.2009
3. Hausgemachte Probleme
Ginge es nicht um ein so ernstes Thema, würde mich die ganze Sache amüsieren: Es ist schon sehr interessant zu sehen, wie aufeinmal alle aufschreien. Dabei ist das Phänomen durchaus nicht neu: in Deutschland wurden ebenfalls Kinder bis in die achtziger Jahre in christlich geleiteten Waisenhäusern misshandelt und auch in Amerika gibt es regelmäßig derartige Fälle. Doch nur der Rücktritt ist zu wenig: Diese Kinderschänder(-helfer) gehören veurteilt - wegen Vertuschung, Kindesmissbrauchs und und und. Leider ist die Zurückhaltung gegenüber geistliche Institutionen noch immer viel zu groß - das Resultat von hundderten Jahren moralischer Unterdrückung. Das Problem jedoch, wird selbst mit einer Veurteilung weiterbestehen - es ist ja auch hausgemacht. Das erste sehe ich im katholischen Zölibat: die Verteufelung von körperlicher Liebe lässt den Priestern nicht viele Wahlmöglichkeiten zur befriedsigen ihrer natürlichen Bedürfnisse, was auch Insider immer wieder bestätigen. Auch wenn nicht alle zu Verbrechern werden, das Zölibat gehört abgeschafft. Auch wird es den Priestern viel zu einfach gemacht an die Kinder heranzukommen: eine Ausbildung ode Schulung im Umgangmit Kindern, geschweige denn Eignungstests, werdenn noch immer nicht praktiziert und auch lässt die Konsequenz im Umgang mit pädophilen Priestern zu wünschen übrig - mit einer einfachen Versetzung ist das Problem nicht behoben. Das zweite Problem ist, dass die Kirche in manchen Ländern schlichtweg noch nicht begriffen hat, wo ihr Platz ist. Ob in Spanien, wo sie sich soigar aktiv in die Politik einzumischen versucht, oder in Irland wo jahrelang Missbrauchsfälle vertuscht werden. Da hilft nur eine harte Hand - und jedemenge Aufklärung.
sebastian s. 17.12.2009
4. Tiefliegendes Problem
Zitat von KloDas ist nun wirklich mehr als überfällig nach all diesen Skandalen. Aber Rücktritt allein reicht nicht aus. Es muß Entschädigung her und die Verbrecher sind der irdischen Gerichtsbarkeit zuzuführen. Das Klo.
Das stimmt, aber die noch sehr maechtige Kirche in Irland scheint sich darauf zu verlassen, dass sich die Angelegenheit mit einigen Ruecktritten aus der Welt schaffen laesst. Auch die Garda (irische Polizei) hat jahrzehntelang nur zugesehen und duerfte wohl wenig Interesse an einer nachtraeglichen Aufklaerung haben. Wenn es dann zu einer Verurteilung kommt, faellt das Urteil auch eher milde aus. Gestern ist ein Pater, der einen einzigen Jungen ueber 70 Mal missbraucht hat, zu zweieinhalb Jahren Gefaengnis verurteilt worden. Der Vatikan, der sich jetzt tief beschaemt zeigt, hat noch bis vor wenigen Monaten jede Form der Aufklaerung boykottiert und torpediert.
taiga, 17.12.2009
5. ...
Zitat von sysopFür Irland war es ein Jahr der Offenbarungen, zwei Untersuchungsberichte erschütterten die Insel in ihren Grundfesten. Jahrzehntelang haben katholische Priester dort Kinder gepeinigt und missbraucht. Nun gibt es Konsequenzen: Der erste Bischof gibt sein Amt auf, weitere könnten folgen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,667742,00.html
Während meiner Mittelstufenzeit 1965-1967 an einem oberbayerischen Gymnasium, wir waren zwischen 13 und 17 Jahre alt, wurden wir von einem Patre und einem Pfarrer bei Verfehlungen geohrfeigt und hart geschlagen, auch mit Gegenständen. Wir waren alle sehr verschüchtert. Erst als in der 10. Klasse ein Supersportler (Schifahrer) von einer anderen Schule zu uns wechselte und dieser auch eine Watschn einfing, aber heftig zurückschlug, sodass es zu einer Anhörung und Bloßlegung der ganzen Schandtaten kam, verschwanden die beiden Gesandten Christi auf Nimmerwiedersehen.
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