Rebellion gegen Bischof Tebartz-van Elst "Wer zu spät geht, den bestraft das Leben"

Im Bistum Limburg proben Katholiken offen den Aufstand gegen Bischof Tebartz-van Elst. Der Geistliche steht wegen seines Führungsstils und angeblicher Verschwendung in der Kritik. Jeder Tag im Amt macht den Schaden größer.

Bischof Tebartz-van Elst (Archiv): Offener Protest im Bistum Limburg
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Bischof Tebartz-van Elst (Archiv): Offener Protest im Bistum Limburg

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Wenn Rebellion dieser Tage einen Ort in Deutschland kennt, dann ist es Limburg. Selbst die frommsten Katholiken gehen dort auf die Barrikaden gegen ihren obersten Geistlichen, den Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.

Tebartz, der Verschwender, Tebartz, der Selbstverliebte, Tebartz, der Lügner: Fast wöchentlich werden neue Vorwürfe gegen ihn laut und selbst altgediente Priester aus dem Limburger Priesterrat haben von ihrem Chef die Nase voll. "Auch wenn ich die katholische Kirche mit den vielen wunderbaren Menschen, die sich in ihr engagieren, liebe," sagt einer von ihnen am Montagmorgen, "bin ich doch entsetzt, enttäuscht und angewidert über das, was wir zurzeit erleben. Es liegt aber nicht nur an einer Person, sondern auch an den verkommenen Strukturen der katholischen Kirche. Die müssen endlich verändert werden, und vielleicht sind ja die traurigen Vorfälle in unserem Bistum ein Anlass dafür, dies zu tun."

Die Tage des Tebartz-van Elst scheinen gezählt. Kaum einer glaubt noch daran, dass der Bistumschef die nächsten Wochen übersteht. Das Problem ist nur: Er muss seinen Rücktritt selbst vollziehen. Gegenüber Ratschlägen anderer Bischöfe hat er sich als beratungsresistent gezeigt, ein Alternativ-Posten in Rom für ihn wird zwar fieberhaft gesucht, ist aber noch nicht gefunden. Solange fügt der einstige Hoffnungsträger der konservativen Katholiken mit jedem Tag, den er länger im Amt bleibt, seiner Kirche weiter Schaden zu.

Priesterrat fordert "Transparenzoffensive"

Die Ereignisse überschlagen sich. Bei Gottesdiensten an diesem Wochenende gab es nicht nur in Frankfurt am Main, sondern auch in vielen Kirchen kleinerer Städte des Bistums Beifall, wenn in den Predigten direkte oder indirekte Kritik am Bischof geübt wurde. "Wer zu spät geht, den bestraft das Leben", so beendete etwa der bistumsweit bekannte Pfarrer Hubertus Janssen, 75, seinen gestrigen Gottesdienst in Arfurt. Die Gläubigen klatschten voller Zustimmung. Vor der Kirche Stehende sagten, dass Priester wie auch Gemeindemitglieder jetzt Klartext reden müssen: "Loyalität gebührt dem Evangelium und nicht Bischöfen oder sonstigen Amtsträgern."

Die verfahrene Situation könne "nur noch mit einem Wechsel an der Spitze bereinigt werden." Ein anderer zorniger Katholik meinte: "Warum schweigt das Limburger Ordinariat, warum lassen sie uns als ihr Fußvolk einfach hängen, während der Bischof das Bistum kaputt macht?"

Der Priesterrat, eine Art Senat des Bistums, der die rund 200 Priester repräsentiert, fordert vom Bischof auf seiner nächsten Sitzung "dringend eine umfassende Informations- und Transparenzoffensive". Für Fehler müsse auch die Verantwortung übernommen werden. Die Priester wollen alles ganz genau wissen über Baukosten, Flugkosten und Anschaffungskosten aus dem Leben des Bischofs.

Die Vorwürfe gegenüber Tebartz-van Elst sind zahlreich. So wurde durch den SPIEGEL das "Upgrade-Wunder von Limburg" bekannt, da er 1. Klasse nach Indien geflogen ist, angeblich um armen Kindern zu helfen, angeblich mit Hilfe von "Miles&More"-Sammelpunkten seines Generalvikars Franz Kaspar, der ebenfalls unter Kritik steht. Direkt danach gefragt hatte der Limburger Bischof geantwortet: "Business-Klasse sind wir geflogen."

Dies wiederum bestritt er später, seitdem läuft ein Ermittlungsverfahren der Hamburger Staatsanwaltschaft wegen falscher eidesstattlicher Versicherung. Das Strafmaß reicht von Geldstrafe bis zu drei Jahren Gefängnis. Aber nicht nur die Klärung der Frage, ob er ein Lügenbischof ist, macht ihm zu schaffen. An seiner Glaubwürdigkeit (ver-)zweifeln die Limburger Katholiken vor allem wegen eines pompösen Bischofssitzes, den er bauen ließ, aber auch wegen seiner übertriebenen Goldbrokat- und weihrauchorientierten Messen.

"Warum wurde die Aufsicht über die Finanzen des Bischöflichen Stuhls dem Domkapitel entzogen?" ist eine der drängenden Fragen. Die nächste lautet, wer denn überhaupt "aktuell die Aufsicht inne hat?" Kein Priester im Bistum weiß offenbar mehr, was der Bischof mit Kirchengeldern treibt.

Ein kirchlicher Schwarzbau?

Tebartz-van Elst hat sich im Gestrüpp der Millionen-Finanzierung seines Bischofshauses verfangen. Obwohl er den Gebäudekomplex neben dem Limburger Dom bereits bezogen hat, fehlt bis heute von ihm eine klare Angabe, was der Bau nun wirklich gekostet hat. Vor einiger Zeit rechnete er den Betrag für seine Wohnung auf Nachfrage der Presse noch auf 200.000 Euro runter. Inzwischen musste er zugeben, dass der Gesamtbau wesentlich mehr als 10 Millionen kosten würde.

Wie viel nun genau? 15 Millionen Euro? Oder gar 20 Millionen, wie einige im Ordinariat vermuten? Das Kirchenvolk jedenfalls wartet vergeblich auf eine Antwort, auch dazu, wer die Rechnung am Ende bezahlen soll. Die Trickserei um die Kosten hat womöglich noch einen anderen Hintergrund: Offenbar hätte der Bau, wie bestimmte andere Investitionen deutscher Bistümer über fünf Millionen Euro, von Rom genehmigt werden müssen. Steht auf dem Limburger Domplatz ein kirchlicher Schwarzbau?

Auch andere Transaktionen in Millionenhöhe zwischen Bistumshaushalt und Bischöflichem Stuhl, wie der Verkauf von Wohnungsimmobilien, haben sich als fragwürdig herausgestellt. Dienten sie allein dem Luxus und dem Pomp des Bischofs? Eine Anfrage ließ das Bistum unbeantwortet.

Ein Pfarrer aus Frankfurt am Main berichtet am Montag gegenüber SPIEGEL ONLINE von einer sonst ruhigen und frommen Frau aus seinem Pfarrgemeinderat. "Sie hält es nicht mehr aus, von ihren Bekannten oder Leuten im Ort wegen Bischof Tebartz-van Elst mit Spott und Häme überschüttet zu werden, nur weil sie katholisch ist und zum Bistum Limburg gehört."

Am Sonntagabend traf sich in Hofheim eine Runde Pfarrer. In einem Papier, dass sie verabschiedet haben, heißt es, alles müsse jetzt auf den Tisch, alle Ausgaben dokumentiert werden. Und ein Krisenstab müsse so schnell wie möglich gebildet werden, die Hofheimer Pfarrer schlugen ihn unter dem Namen "Kommission für Dialog und Beteiligung" vor.

"Tebartz-van Elst hat den Bezug zur Realität verloren"

"Was alle betrifft, soll auch von allen besprochen und entschieden werden", verlangt der Frankfurter Stadtjugendpfarrer Werner Otto, Mitglied im "Hofheimer Kreis". Am Freitag treffen sich alle priesterlichen Leiter des Bistums. Eins ist dabei klar, dem Bischof bleibt nicht mehr viel Zeit. In den nächsten Wochen, vermutlich noch vor der nächsten Vollversammlung aller deutschen Bischöfe, wird es ein Ermittlungsergebnis der Hamburger Staatsanwaltschaft geben. Und da sieht es für Tebartz-van Elst nicht gut aus. Seine Anwälte verfassen Papiere über Papiere, um das Schlimmste abzuwehren. Nicht nur im Hofheimer Kreis, auch unter den anderen Priestern ist man mehrheitlich der Meinung: Dann ist die letzte rote Linie für Tebartz-van Elst überschritten, dann werden die Geistlichen im Bistum offen seinen Rücktritt verlangen.

Patrick Dehm, langjähriger Leiter des "Hauses der Begegnung" in Frankfurt am Main, der vom Bischof fristlos entlassen wurde, sieht keine Zukunft der Limburger Katholiken mit ihrem Bischof mehr: "Tebartz-van Elst hat den Bezug zur Realität verloren. Er ist kein Hirte für die Menschen, sondern nur an der Erhaltung seiner Macht und seiner Privilegien interessiert." Schon die Kündigung von mehreren Kritikern im vergangenen Jahr habe zu "einer großen Vertrauenskrise und zu Kirchenaustritten geführt."

Dass der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz dem Bischof kürzlich unter vier Augen geraten hat, für sieben Jahre die armseligste Großstadtpfarrei des Bistums zu leiten und dann auf den Bischofssitz zurückzukehren, sei, so Dehm, geradezu "noch ein fairer Vorschlag".

Katholik Dehm sieht nur noch einen Ausweg aus der Krise: "Wo im Bistum Limburg früher Kreativität, Miteinander und Raum für Visionen war, ist nun der Hofstaat in das Bistum eingedrungen. Wir brauchen Protest, um diesem ein Ende zu setzen."



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